Als ihr Mann verstarb, fuhr die Rentnerin jahrelang mit dem Bus in die Stadt und krönte ihren Praxisbesuch stets auf die gleiche Art: Sie gönnte sich Tee und Schwarzwälder Kirschtorte in einem Innenstadtcafé. Die zierliche Dame mit Demenz im Frühstadium fühlte sich stets wunderbar dabei, wie sie der Therapeutin erzählte. Sie kannte Konstanz, und liebte es, durch die Gassen zu ziehen.
Ihr Mann hatte gut für die Dame vorgesorgt. Bis dato sei der Mann „der Schatzmeister gewesen, der alles für sie regelte“, sagt die Therapeutin. Nach seinem Tod stellte die Dame fest, neben einer abbezahlten Eigentumswohnung auch den Zugang zu einem prall gefüllten Konto zu genießen. Doch fehlte ihr der Sinn für sparsames Haushalten. Mehr als das: „Die Dame wusste einfach nicht, wie das Leben funktioniert“, sagt die Therapeutin. Auch Geldabheben konnte sie nicht. Sie verschleuderte das Ersparte und gab es Menschen, die es weniger gut mit ihr meinten – sogar Pflegekräfte nutzten sie aus. „Sie hat gar nicht erkannt, ob sie jetzt 5 oder 50 Euro gibt. Sie hatte kein Gefühl, was das wert ist.“ Die Zahlen auf ihrem Konto schrumpfen rasant. Die Therapeutin sah in der Dame ein verletzbares, kleines Reh, das es zu schützen gilt, „eine furchtbar liebe, gütige Frau, aber nicht lebensfähig. Irgendwie zu gut für diese Welt.“ Die Therapeutin legte das Geld, das ihr die Dame zusteckte, heimlich wieder zurück in ihre Tasche.
„Ich will das Leben genießen, wie die Dame beim Biss ins Tortenstück.“
Die Therapeutin
Dem schrumpfenden Kontostand zum Trotz spazierte sie jedes Mal glückselig aus der Praxis, freute sich auf die Sahnetorte und zwei Stunden Stadtgezwitscher im Café. Bis die Demenz stärker durchschlug. Mal versäumte sie einen Bus oder vergaß, auszusteigen, sodass sie am anderen Ende der Stadt landete. Die Therapeutin erinnert sich: „Irgendwann hat die Dame gesagt, ich schaffe das nicht mehr.“ In den letzten Lebensjahren folgten Hausbesuche in einem Altersheim.
Eines Tages nahm die Pflegerin die Therapeutin zur Seite und fragte: „Macht sie das bei Ihnen auch? Wir nehmen das Geld nicht an.“ Bald darauf starb die Dame – und ein Erbkonflikt entbrannte, um das letzte Geld auf ihrem Konto. Eine private Betreuerin, im Testament erwähnt, stritt mit weit entfernten Verwandten vor Gericht, sie keiften und zeterten. „Ein armseliges und trauriges Schauspiel“, sagt die Therapeutin, die als Zeugin geladen wurde. Wie der Erbstreit ausging, weiß sie nicht.
Was die Therapeutin aus der Beziehung mit der Dame lernt? „Ich will das Leben genießen, wie die Dame beim Biss ins Tortenstück.“ Dazu brauche es eine Prise gesunden Misstrauens. Und das Wissen: Wenn mein Partner stirbt, muss ich auf eigenen Beinen stehen können.
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