„Mein Körper ist müde“, sagt die Therapeutin. Die Kraft schwindet aus ihren Händen. Mit jedem Jahr krallt sich der Schmerz tiefer in ihre Schulter. Sie hat 42 Jahre lang als Masseurin und Physiotherapeutin gearbeitet. Das heißt: Sie bettete Tausende Patient:innen in Vulkanschlamm, knetete Muskelknoten weich, half verletzten Gelenken auf die Sprünge und berührte Menschen, die sonst kaum noch jemand berührte. Im Sommer 2026, ist Schluss.
Ihre Laufbahn beginnt mit dem, was ihr verwehrt blieb. Die Therapeutin sagt: „Wäre ich noch einmal jung, würde ich mich von niemandem von der akademischen Laufbahn abbringen lassen.“ Sie gehört zu den Babyboomern und wuchs in der bayerischen Provinz auf. Trotz gutem Fachabitur sprach zu Hause niemand von Hochschule. Sie wollte Geigenbauerin, Hebamme, Psychologin, Kirchenmusikerin werden. Stattdessen hörte sie Sätze wie: „Wer soll das bezahlen?“ Oder: „Das können doch nur Männer.“ Und: „Du bist nicht gut genug.“ Vor vierzig Jahren wurden viele junge Frauen in der Provinz Arzthelferin oder Bürokauffrau. Solche Sätze nisten sich ein, bis man den eigenen Wunsch für Größenwahn hält. Das Selbstwertgefühl der Therapeutin litt.
„Wäre ich noch einmal jung, würde ich mich von niemandem von der akademischen Laufbahn abbringen lassen.“
Die Therapeutin
Und doch ist ihre Geschichte keine Verlustgeschichte. Mangels klarer Perspektive besuchte die Therapeutin eine Massagefachschule in der Nähe – und liebte es. Viel später, als sie schon zwei Kinder zur Welt gebracht hatte, besuchte sie eine berufsbegleitende Physiotherapieschule. Was sie belastete, ließ sie beim Joggen im Lorettowald hinter sich oder lud es bei ihrem Mann ab, der geduldig zuhörte.
Besonders brannten sich die Hausbesuche in ihr Gedächtnis ein. 11.000 Mal stand sie vor Konstanzer Türen, ohne zu wissen, was dahinter wartete: ein Mensch im Rollstuhl oder auf der Toilette, eine Angehörige am Rand ihrer Kräfte, ein Körper auf einer abgewetzten Couch. „Gebrechliche Menschen zu riechen, zu berühren, mit Armut, Scham, Endlichkeit und hilflosen Angehörigen konfrontiert zu werden – das ist unglaublich hart“, sagt sie. Heute gehen immer weniger Kolleg:innen in die Häuser. Der Aufwand ist hoch, der Ertrag niedrig.
In den nächsten Folgen erzählt die Therapeutin, was hinter den Türen geschah – von Momenten, in denen Fürsorge sie beflügelte oder schier verzweifeln ließ.
„Gebrechliche Menschen zu riechen, zu berühren, mit Armut, Scham, Endlichkeit und hilflosen Angehörigen konfrontiert zu werden – das ist unglaublich hart“
Die Therapeutin
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