Die Therapeutin: Folge 4 – Die Hühnerknochenkönigin

40 Jahre lang arbeitete sie als Physiotherapeutin, 11.000 Hausbesuche führten sie in fremde Wohnungen. Wir nennen sie: die Therapeutin. Sie wahrt die Schweigepflicht, verbirgt Namen und Details und erzählt doch von dem, was unsichtbar bleibt. Von Schmerz und Scham, von Altersarmut und fehlenden Berührungen. Für karla öffnet die Konstanzer Physiotherapeutin das Archiv ihrer Erinnerungen.
Illustration: Lola Nübling

„Der Patient ist König.“ So lernte es die Therapeutin in ihren Lehrjahren. In der Praxis bedeutete das manchmal: lächeln, schlucken, weiterkneten. Auch dann, wenn der König eine Königin war. Eine mit Vermögen, Befehlston, Schoßhund – und Hühnerknochen im Bett.

Jahrelang thronte eine „herrische, gut betuchte Dame“ über der Therapeutin. Ihr Damoklesschwert war kein Schwert, sondern ein Hühnerknochen. Und ihr Hofstaat bestand aus einem Schoßhund, der die Therapeutin für eine persönliche Bedrohung hielt. „Schon als sie das erste Mal in der Praxis stand, war klar: Sie Chefin, ich Dienerin“, sagt die Therapeutin. „Ich hätte ihr von Anfang an Grenzen setzen sollen.“

Irgendwann erkrankte die Dame und bestellte die Therapeutin zu Hausbesuchen. Zweimal pro Woche, jahrelang. Wer Physiotherapeutin ist, denkt beim Betreten einer Wohnung nicht zuerst an Tapeten oder Teppiche, sondern an die eigene Wirbelsäule: Gibt es ein Pflegebett? Ist es höhenverstellbar? Als die Therapeutin das Schlafzimmer sah, wusste sie: Das wird wehtun. Die Dame lag in einem normalen Bett. „Das ist das Allerschlechteste: tief unten und breit.“ Mal saß die Therapeutin auf der Bettkante, mal kniete sie daneben, mal hockte sie auf einem Schemel.

„Schon als sie das erste Mal in der Praxis stand, war klar: Sie Chefin, ich Dienerin“

Die Therapeutin

Mehr peinigte sie der Geruch: Die Dame verbrachte viel Zeit in diesem Bett, nachts wie tagsüber. Normalerweise versuchen Physiotherapeut:innen, Patient:innen aus dem Bett zu locken: ein paar Schritte, etwas Gymnastik, ein bisschen Bewegung. Hier ging das kaum. Die Dame litt unter einem großen Lymphödem. „Da musste ich mit meinen Händen ran“, sagt die Therapeutin. 

Und dann war da noch der Hund. Genauer: das, was unter der Bettdecke hervorschoss, sobald die Therapeutin den Körper der Dame behandeln wollte. Ein kleiner Schoßhund, der im Bett Leckerli fraß und an Hühnerknochen nagte. „Wenn er mich sah, hat er sofort gebellt und mich attackiert“, sagt die Therapeutin. Vermutlich hielt er sie für eine Räuberin: Sie wollte ans Frauchen, vielleicht sogar an die Knochen. Seine Zähne waren klein, seine Entschlossenheit nicht. Die Dame beschwichtigte: „Der meint es ja nicht böse. Er muss Sie erst kennenlernen.“

Von außen rieten ihr längst alle: Hör auf mit diesen Hausbesuchen. Die Therapeutin wusste das selbst. „Mir wurde schon schlecht, bevor ich bei ihr ankam.“ Auf dem Weg zur Wohnung grummelte ihr Bauch: „So wie früher vor der Mathearbeit.“ Sonst konnte sie in Behandlungen Wärme ausstrahlen, Heiterkeit. In den vier Wänden der Hühnerknochenkönigin blieb davon wenig übrig. „Mir hat es so gegraust vor dieser Frau.“

„Wenn er mich sah, hat er sofort gebellt und mich attackiert“

Die Therapeutin

Irgendwann stand die Dame wieder mit einem neuen Rezept da. Und die Therapeutin rang sich zu einem Nein durch. Nicht zu einem heldenhaften Nein. Sie log, es werde ihr zu viel, sie mache keine Hausbesuche mehr. „Dann ist sie richtig böse geworden, hat mich beschimpft und einen Brief an meinen Kollegen geschrieben.“ Jahrelang hatte die Dame geglaubt, dieser Kollege sei ihr Chef. War er nicht. 

Auch den Mann der Dame behandelte die Therapeutin. „Ein furchtbar netter Mensch. Er tat mir so leid, unter dieser Furie leben zu müssen.“ Er hatte Parkinson, später kam Alzheimer dazu, rasend schnell. Zwischen eingezogenem Führerschein und völligem Durcheinander lagen nur wenige Monate. Trank er Kaffee, warf er 15 Zuckerwürfel in die Tasse. Sein Gebiss spülte er im Klo herunter, seine Brille legte er in den Kühlschrank. 

Über die Dame sagt die Therapeutin heute: „Ich hätte viel früher Nein sagen müssen.“ Der Patient ist König, ja. Aber ein Königreich, in dem die Therapeutin auf Knien am Bett arbeitet, der Hund in die Wade zwickt und Hühnerknochen unter der Decke liegen, ist unwürdig. Und eher ein schlecht bezahlter Hofdienst.