„Ich will in der Rage nie vergessen, wofür ich die Kunst eigentlich mache“

Von der kleinen Bühne am Nachmittag zum Headliner: Beim Campus Festival Konstanz kehrt Ikkimel an den Ort zurück, an dem ihre Festival-Karriere begann. Im karla-Interview spricht die Rapperin darüber, mit ihrer Kunst etwas für die Gesellschaft zu bewirken, über die Angst vor dem Rechtsruck und darüber, weshalb sie immer kompromissloser wird.
Die Berliner Rapperin Ikkimel hat unseren Autor beim Campus Festival in Konstanz getroffen. | Foto: Mark Schoder

Ikkimel: Wir spielen heute Headliner, auf der Main Stage. Vor zwei Jahren war das Campus Festival in Konstanz mein erstes Konzertfestival, das ich gespielt habe, irgendwann am Nachmittag auf der kleinen Bühne. Deswegen bedeutet mir das sehr, sehr viel. Der Wandel ist schon krass. Darüber freue ich mich total.

Die hat sehr viele Takes gebracht, die ich nicht so geil finde. Daher juckt es mich wenig. 

Ikkimel heißt eigentlich Melina Gaby Strauß und wurde 1997 geboren. Die Rapperin aus Berlin-Tempelhof studierte Deutsche Philologie, Sozial- und Kulturanthropologie sowie Sprachwissenschaft. Nach dem Tod ihres Vaters startete sie während der Corona-Pandemie ihre Musikkarriere. Mit provokanten Texten, feministischen Botschaften und ihrem selbsternannten „Fotzenstyle“ wurde sie zu einer der auffälligsten Stimmen im deutschsprachigen Rap. Nach ersten Veröffentlichungen ab 2022 erschien ihr Debütalbum Fotze 2025. Das aktuelle Album Poppstar stieg 2026 auf Platz 1 der deutschen Charts.

In der Schulzeit kam das bei mir nicht so dolle. Aber in der Universität habe ich viel feministische Literatur gelesen. Und im Rap-Business, hat mich die Rapperin Young FSK18 krass geprägt. Sie hat mir gezeigt: Im Kampf der Frauen gegen das Patriarchat steckt zwar viel Ehrgeiz dahinter, weil wir besser werden und unsere Musik nach außen tragen wollen. Aber wir nehmen uns gegenseitig nichts weg.

Ja, sehr. Wenn ich mir meine Tante oder so anschaue, merke ich: Die älteren Frauengenerationen mussten die Care-Arbeit übernehmen und unbezahlt das ganze System am Laufen halten. Ich verstehe daher die Wut auf dieses System. Und ich kann verstehen, dass nun viele Frauen von Hetero-Männern fordern, sich emotional weiterzubilden. Das ist ein zentraler Punkt.

Von klein auf müssen wir uns in der Welt beweisen und erarbeiten uns eine emotionale Kompetenz. Wir bekommen nichts hinterhergeworfen. Das wird den Jungs noch nicht so beigebracht. Da gibt es Nachholbedarf.

Das verstehe ich. Das ist bei mir auch so. Wenn ich jemanden date und merke, der rafft es nicht, dann bin ich schnell wieder weg. Ich lehne die Rolle der Lehrerin oder Mutter ab, bin nicht dazu da, den Männern etwas zu erklären. Ich mache keine Abstriche für den Mann und gebe ihm nicht noch eine Chance und dann noch eine. Irgendwann sage ich: Lern selbst oder du kommst nicht mit. Fair enough, oder?

Ich mag aufgeklärte, kluge, liebevolle Männer. Da habe ich oft bessere Erfahrungen mit schwulen Männern gemacht, weil viele von ihnen ähnliche Vorurteile erleben wie Frauen. Aber natürlich gibt es auch schwule Männer und Frauen, die misogyn sind.

Mit provokanten Texten, feministischen Botschaften und ihrem selbsternannten „Fotzenstyle“ wurde Ikkimel zu einer der auffälligsten Stimmen im deutschsprachigen Rap. | Foto: Jonas Unden

„Ich lehne die Rolle der Lehrerin oder Mutter ab, bin nicht dazu da, den Männern etwas zu erklären. Ich mache keine Abstriche für den Mann und gebe ihm nicht noch eine Chance und dann noch eine.“

Ikkimel

Unter meinen Mitarbeitenden traut sich der Mann oft mehr zu als eine Frau. Wir Frauen stellen unsere Kompetenz zu sehr unter den Scheffel. Dabei können wir konkreter sagen, was wir können und was nicht. Das schätze ich im Privat- und Arbeitsleben sehr: die eigenen Schwächen anerkennen. Männer hingegen überschätzen sich und sagen: „Ich kann das alles, ich mache das alles.“ Dann wirken sie oft selbstbewusst und überkompetent, können ihre Versprechen aber nicht immer einlösen.

Wenn du dein Leben lang mit Privilegien gelebt hast und dann auf einmal die Frauen kommen und nicht mehr „Bittebitte“ sagen, um die gleichen Privilegien zu besitzen, dann nervt es dich. Weil sich dann Männer schnell so fühlen, als würde ihnen etwas weggenommen, obwohl Frauen nur das Gleiche wollen. Der Punkt des Bittebitte ist überschritten. Das merkt man an der Crowd, die ich bewege: Das fühlt sich eher wie ein Kampf an und kann nicht mehr nur auf der Humorebene betrachtet werden.

Die Frauen wollen sich wehren und dagegen schießen.

„Mein Ansatz wirkt für viele grob, aber am Ende wissen doch alle, dass ich etwas Gutes für unsere Gesellschaft bewirken möchte. Das wichtigste Gut ist das friedliche Zusammenleben.“

Ikkimel

Die jungen Generationen sehnen sich wieder nach konservativen Rollenbildern. So viele Infos scheppern jeden Tag auf sie drauf. Infos über etwas, was sie nicht ändern können und was sie verunsichert. Darum suchen sie Halt, etwa in einer Nationalität, auf die sie wieder stolz sein können. Sie wollen sich für nichts mehr schämen. Oder eine Wertigkeit aus der Religion schöpfen. Sie wollen sich wieder klar in Schubladen stecken und mögen das Befreite nicht so gern. Das kann auch schnell ins Extreme abrutschen und ist leider mit viel Hass und Ausgrenzung verbunden.

Mich macht es stolz, diese Hassfigur zu sein. Mein Ansatz wirkt für viele grob, aber am Ende wissen doch alle, dass ich etwas Gutes für unsere Gesellschaft bewirken möchte. Das wichtigste Gut ist das friedliche Zusammenleben.

Ja, aber das hat wenig mit meiner Kunst zu tun. Ausgrenzung und disrespect, Hass und Hetze – das schüchtert ganz generell ein. Ich bin aber stolz, dass ich Leute bewegen kann, auch mal in eine andere Richtung zu denken. Und dass ich eine Meinung abbilden kann. 

Wahrscheinlich härter und kompromissloser, so wie ich mich kenne. Ich will aber auch nicht die ganze Zeit wüten, das zeige ich auch mit meinem neuen Album. Ich brauche das auch für mich; diese sweeten Momente zu haben. Ich will in der Rage nie vergessen, wofür ich die Kunst eigentlich mache und was ich an der Welt liebe. 

Ne. Heute wachsen die Jungen zwar gebildeter auf als meine Generation, gerade beim Thema Feminismus. Aber freier? Das glaube ich nicht. Es wird immer konservativer und Freiheiten werden immer mehr genommen. Eine Muslimin oder ein Gay in Berlin ist nicht besonders frei. Das spüre ich in meinem Umkreis. Die Leute radikalisieren sich. Auch in meinem Team werden Leute angepöbelt und verfolgt. Ich fürchte, aktuell wird es extremer und schlimmer.

Auch ich bin immer kompromissloser geworden, ja. Wenn irgendein Heterosexueller Scheiße redet und sich übergriffig verhält, dann fliegt er raus. Früher hätte man ein Auge zugedrückt und gesagt, „der ist halt so“. Über diesen Punkt sind wir hinaus. Ich werde mich nie nach rechts bewegen. Ich bin links, schon immer gewesen. Damit einher gehen moralische Werte, die ich für unsere Gesellschaft realisiert sehen will. Und von dem, was ich mir für das friedliche Zusammenleben wünsche, entferne ich mich nicht. Das bedeutet aber nicht, dass sich jeder einen Tanga anziehen und oben ohne rumlaufen muss. Aber es wäre schön, wenn ein Grundrespekt für andere Menschen herrscht.