As Karuana: Indigener Widerstand mit Gesang

In Konstanz gastierte Anfang Juli die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor des Volkes der Borari aus dem brasilianischen Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Der indigene Frauenchor As Karuana gastiert derzeit in Konstanz. | Foto: zVg


Im Kon­stan­zer Ca­fé Mon­di­al sit­zen Frau­en des Bora­ri-Vol­kes auf dem Bo­den. Ih­re Klei­der sind be­stickt mit den geo­me­tri­schen Mus­tern ih­res Dor­fes, sie ha­ben eben­die­se auf ih­re Ar­me ge­zeich­net, ihr Haar- und Ohr­schmuck be­steht aus bun­ten Ara­federn. Wenn sie er­zäh­len, wech­seln ih­re Stim­men zwi­schen Por­tu­gie­sisch und Nhe­en­ga­tu, ih­rer in­di­ge­nen Spra­che aus der Ama­zo­nas­re­gi­on bei Santarém im bra­si­lia­ni­schen Bun­des­staat Pará. Ein ein­jäh­ri­ges Mäd­chen be­glei­tet die Grup­pe und läuft fröh­lich plau­dernd zwi­schen den Frau­en und ei­nem jun­gen Mann hin und her. Mal sitzt sie auf dem Schoß der ei­nen Frau, mal wird sie von ei­ner an­de­ren her­um­ge­tra­gen.  

Die­se Grup­pe ist weit ge­reist, aus dem bra­si­lia­ni­schen Dschun­gel nach Frank­furt ge­flo­gen, von dort ging es wei­ter nach Kon­stanz – die Stadt, die ei­ne of­fi­zi­el­le Kli­ma­part­ner­schaft mit dem Volk der Bora­ri un­ter­hält. In Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ver­ein Pro Ama­zo­nia Kon­stanz gab es bis zum 1. Juli Ver­an­stal­tun­gen und Pro­jek­te für ei­nen in­ter­kul­tu­rel­len Aus­tausch.

Er­halt des Re­gen­wal­des und der in­di­ge­nen Kul­tur

Der Frau­en­chor be­steht aus Künst­le­rin­nen, Leh­re­rin­nen, Ju­ris­tin­nen, Stu­den­tin­nen und ist so­mit mehr als nur ein Kunst­pro­jekt. Mit ge­walt­frei­em Wi­der­stand kämp­fen die Ak­ti­vis­tin­nen für den Er­halt ih­rer Le­bens­welt und ih­rer Kul­tur. Sie rei­sen durch die Welt und er­zäh­len den Men­schen, die ih­nen be­geg­nen, von ver­gif­te­ten Flüs­sen, von bren­nen­den Wäl­dern, von Un­ter­drü­ckung und Ko­lo­nia­li­sie­rung. 

War­um die Frau­en auf die Rei­se ge­hen und die­sen Kampf auf sich neh­men? Weil ih­nen das Kämp­fen im Blut liegt, ant­wor­ten sie. Sie kom­men aus ei­ner ma­tri­ar­chal struk­tu­rier­ten Kul­tur, in der die Frau­en die gro­ßen Ent­schei­dun­gen tref­fen. Die Män­ner ver­rich­ten die har­ten kör­per­li­chen Ar­bei­ten, sie ja­gen und leis­ten ih­ren Ver­sor­gungs­bei­trag für die Ge­mein­schaft. In den Fa­mi­li­en aber le­ben Groß­müt­ter, Müt­ter und Töch­ter zu­sam­men. Es sind al­so die Frau­en, die an­füh­ren und lei­ten. Im Zu­ge der Ko­lo­nia­li­sie­rung wur­de die­se Struk­tur be­kämpft, eben­so wie die in­di­ge­ne Spra­che und die spi­ri­tu­el­len Ri­tua­le und Bräu­che. Frau­en wur­den vor den Au­gen ih­rer Män­ner ver­ge­wal­tigt, er­nied­rigt und ge­de­mü­tigt, um die­se Kraft zu bre­chen. Die­se Wut sitze ih­nen noch tief im Kör­per, sie sei der An­trieb für ih­ren Ak­ti­vis­mus.

Mit ih­rer Mu­sik und ih­rer Kunst set­zen sie sich ge­gen Ge­walt, Ras­sis­mus und die Zer­stö­rung ih­rer Le­bens­räu­me ein. Ihr künst­le­ri­scher Aus­druck ist ein Werk­zeug, Er­in­ne­rung und Pro­test zu­gleich. Cu­rim­bó-Trom­meln schla­gen den Rhyth­mus, Ma­ra­cas ras­seln, die Frau­en stim­men le­bens­fro­he und hoff­nungs­vol­le Lie­der an. Sie kämp­fen nicht mit Waf­fen, son­dern mit ih­rem Ge­sang. Ih­re Tex­te han­deln von den Flüs­sen des Ta­pa­jós, von den «En­can­ta­dos» – den spi­ri­tu­el­len We­sen des Wal­des –, von weib­li­cher Selbst­be­stim­mung und vom Recht, auf dem Land ih­rer Vor­fah­ren le­ben zu dür­fen. 

Ma­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren als Zu­kunfts­weg­wei­ser

Die Kul­tur der Bora­ri liegt in den Hän­den der Frau­en und ist da­mit ein dia­me­tra­ler Ge­gen­ent­wurf zu un­se­rer pa­tri­ar­chal ge­präg­ten Ge­sell­schaft. Zum kur­zen Ver­ständ­nis: Ein Ma­tri­ar­chat ist zwar das Ge­gen­teil des Pa­tri­ar­chats, das be­deu­tet aber nicht, dass man al­le Män­ner in Macht­po­si­tio­nen durch Frau­en er­setzt, son­dern es be­inhal­tet ei­ne kom­plet­te De­kon­struk­ti­on der Welt, wie wir sie ken­nen. 

Das Pa­tri­ar­chat dür­fen wir uns als Drei­eck vor­stel­len, mit ei­nem Macht­ha­ber an der Spit­ze, der al­le un­ter ihm lenkt und lei­tet. In ei­ner ma­tri­ar­cha­len Kul­tur hin­ge­gen ist das Zu­sam­men­le­ben kreis­för­mig or­ga­ni­siert. Al­le küm­mern sich um­ein­an­der. Es gibt kei­ne Macht­ha­ber, kein Pro­fit­den­ken, kei­ne Kon­kur­renz­kämp­fe. Hier ste­hen So­li­da­ri­tät und Ge­mein­schaft im Zen­trum. Und ge­nau des­halb ist das Ca­fé Mon­di­al so ein per­fek­ter Ort für die­ses Zu­sam­men­tref­fen, denn hier fin­den ganz vie­le Ver­an­stal­tun­gen statt, die die­ser ma­tri­ar­cha­len Struk­tur ent­spre­chen. Wenn wir ge­mein­sam die Welt ver­än­dern und das Pa­tri­ar­chat de­kon­stru­ie­ren wol­len, so gilt es, Or­te wie die­sen zu be­su­chen und zu stär­ken.

Die Lie­der sind Ma­ni­fest und Ri­tu­al zu­gleich

Dass die­se Bot­schaf­ten heu­te so dring­lich sind, liegt an den Ver­än­de­run­gen rund um Al­ter do Chão. Das klei­ne Dorf am Rio Ta­pa­jós wird seit Jah­ren als «Ka­ri­bik Ama­zo­ni­ens» ver­mark­tet. Mit dem Tou­ris­mus ka­men In­ves­to­ren. Grund­stücks­prei­se stie­gen ra­sant, Fe­ri­en­häu­ser ent­stan­den, tra­di­tio­nel­le Fa­mi­li­en wur­den zu­neh­mend ver­drängt. Die Bora­ri-Ge­mein­schaft, de­ren Ter­ri­to­ri­um bis heu­te nur teil­wei­se an­er­kannt ist, sieht sich ei­ner Ent­wick­lung ge­gen­über, die in vie­len Re­gio­nen Ama­zo­ni­ens zu be­ob­ach­ten ist: Ihr Land wird zur Wa­re. Und da­ge­gen kämp­fen die Frau­en aus dem Ama­zo­nas un­er­bitt­lich an.

Die Ver­bin­dung von Kunst und Ak­ti­vis­mus be­zeich­nen die Mu­si­ke­rin­nen selbst als «Ar­ti­vis­mus». Ih­re Lie­der sind Ma­ni­fest und Ri­tu­al zu­gleich. Der Wald er­scheint dar­in nicht als Na­tur­ku­lis­se, son­dern als le­ben­di­ger Ver­wand­ter. Flüs­se be­sit­zen Rech­te. Spra­che be­wahrt Ge­schich­te. Je­der Trom­mel­schlag er­in­nert dar­an, dass kul­tu­rel­le Iden­ti­tät oh­ne Ter­ri­to­ri­um nicht über­le­ben kann.

In Eu­ro­pa wer­den in­di­ge­ne Kunst­for­men häu­fig un­ter dem Be­griff «World Mu­sic» ein­ge­ord­net. Doch die Kon­zer­te von As Ka­ru­a­na sind po­li­ti­sche Räu­me. Wenn sie auf Büh­nen auf­tre­ten, rei­sen sie als Ver­tre­te­rin­nen ei­ner Be­we­gung an, die Kul­tur als Mit­tel ge­sell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung ver­steht. Be­glei­tet wer­den ih­re künst­le­ri­schen Auf­trit­te mit Dis­kus­si­ons­run­den, Work­shops und Ken­nen­lern­ge­sprä­chen. Wenn man die­sen Frau­en zu­hört, er­lebt man des­halb mehr als ein Kon­zert. Man hört den Klang ei­nes Wal­des, die Ge­schich­ten von Flüs­sen, vom Wi­der­stand sei­ner Völ­ker, von Selbst­er­mäch­ti­gung und vom gro­ßen Wunsch nach Frie­den.


Dieser Text ist zuerst bei Saiten.ch erschienen.