Im Konstanzer Café Mondial sitzen Frauen des Borari-Volkes auf dem Boden. Ihre Kleider sind bestickt mit den geometrischen Mustern ihres Dorfes, sie haben ebendiese auf ihre Arme gezeichnet, ihr Haar- und Ohrschmuck besteht aus bunten Arafedern. Wenn sie erzählen, wechseln ihre Stimmen zwischen Portugiesisch und Nheengatu, ihrer indigenen Sprache aus der Amazonasregion bei Santarém im brasilianischen Bundesstaat Pará. Ein einjähriges Mädchen begleitet die Gruppe und läuft fröhlich plaudernd zwischen den Frauen und einem jungen Mann hin und her. Mal sitzt sie auf dem Schoß der einen Frau, mal wird sie von einer anderen herumgetragen.
Diese Gruppe ist weit gereist, aus dem brasilianischen Dschungel nach Frankfurt geflogen, von dort ging es weiter nach Konstanz – die Stadt, die eine offizielle Klimapartnerschaft mit dem Volk der Borari unterhält. In Zusammenarbeit mit dem Verein Pro Amazonia Konstanz gab es bis zum 1. Juli Veranstaltungen und Projekte für einen interkulturellen Austausch.
Erhalt des Regenwaldes und der indigenen Kultur
Der Frauenchor besteht aus Künstlerinnen, Lehrerinnen, Juristinnen, Studentinnen und ist somit mehr als nur ein Kunstprojekt. Mit gewaltfreiem Widerstand kämpfen die Aktivistinnen für den Erhalt ihrer Lebenswelt und ihrer Kultur. Sie reisen durch die Welt und erzählen den Menschen, die ihnen begegnen, von vergifteten Flüssen, von brennenden Wäldern, von Unterdrückung und Kolonialisierung.
Warum die Frauen auf die Reise gehen und diesen Kampf auf sich nehmen? Weil ihnen das Kämpfen im Blut liegt, antworten sie. Sie kommen aus einer matriarchal strukturierten Kultur, in der die Frauen die großen Entscheidungen treffen. Die Männer verrichten die harten körperlichen Arbeiten, sie jagen und leisten ihren Versorgungsbeitrag für die Gemeinschaft. In den Familien aber leben Großmütter, Mütter und Töchter zusammen. Es sind also die Frauen, die anführen und leiten. Im Zuge der Kolonialisierung wurde diese Struktur bekämpft, ebenso wie die indigene Sprache und die spirituellen Rituale und Bräuche. Frauen wurden vor den Augen ihrer Männer vergewaltigt, erniedrigt und gedemütigt, um diese Kraft zu brechen. Diese Wut sitze ihnen noch tief im Körper, sie sei der Antrieb für ihren Aktivismus.
Mit ihrer Musik und ihrer Kunst setzen sie sich gegen Gewalt, Rassismus und die Zerstörung ihrer Lebensräume ein. Ihr künstlerischer Ausdruck ist ein Werkzeug, Erinnerung und Protest zugleich. Curimbó-Trommeln schlagen den Rhythmus, Maracas rasseln, die Frauen stimmen lebensfrohe und hoffnungsvolle Lieder an. Sie kämpfen nicht mit Waffen, sondern mit ihrem Gesang. Ihre Texte handeln von den Flüssen des Tapajós, von den «Encantados» – den spirituellen Wesen des Waldes –, von weiblicher Selbstbestimmung und vom Recht, auf dem Land ihrer Vorfahren leben zu dürfen.
Matriarchale Strukturen als Zukunftswegweiser
Die Kultur der Borari liegt in den Händen der Frauen und ist damit ein diametraler Gegenentwurf zu unserer patriarchal geprägten Gesellschaft. Zum kurzen Verständnis: Ein Matriarchat ist zwar das Gegenteil des Patriarchats, das bedeutet aber nicht, dass man alle Männer in Machtpositionen durch Frauen ersetzt, sondern es beinhaltet eine komplette Dekonstruktion der Welt, wie wir sie kennen.
Das Patriarchat dürfen wir uns als Dreieck vorstellen, mit einem Machthaber an der Spitze, der alle unter ihm lenkt und leitet. In einer matriarchalen Kultur hingegen ist das Zusammenleben kreisförmig organisiert. Alle kümmern sich umeinander. Es gibt keine Machthaber, kein Profitdenken, keine Konkurrenzkämpfe. Hier stehen Solidarität und Gemeinschaft im Zentrum. Und genau deshalb ist das Café Mondial so ein perfekter Ort für dieses Zusammentreffen, denn hier finden ganz viele Veranstaltungen statt, die dieser matriarchalen Struktur entsprechen. Wenn wir gemeinsam die Welt verändern und das Patriarchat dekonstruieren wollen, so gilt es, Orte wie diesen zu besuchen und zu stärken.
Die Lieder sind Manifest und Ritual zugleich
Dass diese Botschaften heute so dringlich sind, liegt an den Veränderungen rund um Alter do Chão. Das kleine Dorf am Rio Tapajós wird seit Jahren als «Karibik Amazoniens» vermarktet. Mit dem Tourismus kamen Investoren. Grundstückspreise stiegen rasant, Ferienhäuser entstanden, traditionelle Familien wurden zunehmend verdrängt. Die Borari-Gemeinschaft, deren Territorium bis heute nur teilweise anerkannt ist, sieht sich einer Entwicklung gegenüber, die in vielen Regionen Amazoniens zu beobachten ist: Ihr Land wird zur Ware. Und dagegen kämpfen die Frauen aus dem Amazonas unerbittlich an.
Die Verbindung von Kunst und Aktivismus bezeichnen die Musikerinnen selbst als «Artivismus». Ihre Lieder sind Manifest und Ritual zugleich. Der Wald erscheint darin nicht als Naturkulisse, sondern als lebendiger Verwandter. Flüsse besitzen Rechte. Sprache bewahrt Geschichte. Jeder Trommelschlag erinnert daran, dass kulturelle Identität ohne Territorium nicht überleben kann.
In Europa werden indigene Kunstformen häufig unter dem Begriff «World Music» eingeordnet. Doch die Konzerte von As Karuana sind politische Räume. Wenn sie auf Bühnen auftreten, reisen sie als Vertreterinnen einer Bewegung an, die Kultur als Mittel gesellschaftlicher Veränderung versteht. Begleitet werden ihre künstlerischen Auftritte mit Diskussionsrunden, Workshops und Kennenlerngesprächen. Wenn man diesen Frauen zuhört, erlebt man deshalb mehr als ein Konzert. Man hört den Klang eines Waldes, die Geschichten von Flüssen, vom Widerstand seiner Völker, von Selbstermächtigung und vom großen Wunsch nach Frieden.
Dieser Text ist zuerst bei Saiten.ch erschienen.
Zwischen Schutz und zusätzlicher Belastung

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