Intakte Moore speichern Kohlenstoff, halten Wasser zurück und schaffen Lebensräume – trotzdem werden sie unterschätzt. Im Landkreis Konstanz wurden viele Moorflächen trocken gelegt, vor allem für die Landwirtschaft. Moorexperte Theo Nägele erklärt, welche Konflikte das auslöst, warum Wiedervernässung wichtig ist und wie nasse Moorböden zum Klimaschutz beitragen.

Moorexperte Theo Nägele erklärt, wie es um die Moore im Landkreis steht. | Foto: Mark Schoder
Am frühen Morgen liegt der Nebel über dem Fischerweihermoor bei Allensbach. Zwischen Riedgräsern und Weidengebüsch steht Moorexperte Theo Nägele bis zu den Knöcheln im feuchten Untergrund. Der Boden unter seinen Schuhen schmatzt – ein sicheres Zeichen: die Moorfläche hat genügend Wasser und der hohe Wasserstand sorgt für einen Luftabschluss des Bodens. „Wenn alle potenziellen Moorstandorte in diesem Zustand wären, hätten wir einen Großteil des Problems bereits gelöst“, sagt Nägele. Für ihn zählt das Fischerweihermoor zu einem der wichtigsten Klimaspeicher des Bodanrücks. Zugleich steht es für Konflikte, die überall im Landkreis Konstanz drohen, wenn Wasser dorthin zurückkehren soll, wo Landwirt:innen jahrzehntelang entwässerten, um ihre Felder zu bestellen.

Nägele, der Moorexperte vom Landschaftserhaltungsverband Konstanz e.V. zeigt, wie unscheinbar sich trockengelegte Moore in die Landschaft einfügen. Für die meisten Menschen sehe eine Moorwiese aus wie eine beliebige landwirtschaftliche Grünfläche. Dabei verbergen sich Torf-Schichten mit Unmengen an gebundenem Kohlenstoff unter der Oberfläche, weshalb Moore ein nicht zu unterschätzendes Potenzial im Kampf gegen die Klimakrise besäßen.

Theo Nägele arbeitet für den Landschaftserhaltungsverband Konstanz e.V. (LEV KN) und hat Forstwirtschaft studiert. Der LEV KN widmet sich im Kreis auf verschiedenen Ebenen der Pflege und dem Erhalt der Kulturlandschaft, sowie naturschutzfachlich hochwertigen Flächen. Beim LEV vermittelt er bei Interessenkonflikten zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Flächeneigentümer:innen. Als Moorexperte erklärt er, welche Herausforderungen entwässerte Moore mit sich bringen und zeigt Lösungen auf.
Eine Landschaft offenbart ihre Moore
Auf den ersten Blick erscheint der Landkreis Konstanz als Mosaik aus Feldern, Waldstücken und Siedlungen. Doch unter der Oberfläche steckt eine zweite, fast vergessene Landkarte. „Früher lag in jeder dritten Senke ein Moor“, sagt Nägele, während er in die Nebelwand deutet. Die Bodanrück-Landschaft sei eine typische Landschaft, die auf eine Eiszeit folgte. Der mächtige Rheingletscher hobelte auf seinem Weg von den Alpen in Richtung Westen die Senke des heutigen Bodensees aus, schob Gesteine mit sich und türmte Geröllhaufen auf. Mit Beginn der letzten Warmzeit vor etwa 12.000 Jahren zog sich der Gletscher zurück und hinterließ das heutige Landschaftsbild. Seine abflusslosen Mulden, Toteislöcher und Kiesmoränen bildeten die ideale Ausgangslage für Moore.
Allen Mooren gemeinsam ist, dass sie Kohlenstoffspeicher sind – in ihren Torfen lagern sie mehr ab, als sie ausstoßen. In Zahlen ausgedrückt: Moore bedecken nur 3 Prozent der weltweiten Landfläche, speichern aber etwa doppelt so viel Kohlenstoff wie die gesamte Biomasse aller Wälder der Erde. Allein in Deutschland speichern sie 1,3 Milliarden Tonnen Kohlenstoff.
In Deutschland bedecken Moore bis in die frühe Neuzeit fünf Prozent der Landesfläche. Baden-Württemberg besitzt nur 1,3 Prozent Moorfläche. Heute sind über 90 Prozent der Moorflächen gestört und nur noch zwei bis drei Prozent in einem naturnahen Zustand. Doch ausgerechnet hier, im Landkreis Konstanz sowie in Ravensburg, Biberach und im Bodenseekreis, liegen große Niedermoorstandorte. Und das Besondere: Trotz des geringen Flächenanteils speichern sie 43 Prozent des im Boden gebundenen Kohlenstoffes.
Seit dem 18. Jahrhundert wurden in Deutschland systematisch Moore entwässert. Um Flächen landwirtschaftlich nutzbar zu machen, hoben Menschen Gräben aus, oft in Handarbeit. Auch am Bodensee wurden die meisten Moore verrohrt und trockengelegt. Manchmal verraten schwarze Maulwurfshügel, dass unter dem Grün eine Torfschicht liegt, die gerade zersetzt wird. „Hobbygärtner würden es Anzuchterde nennen“, sagt Nägele. „Aber wenn diese schwarze Erde flächig vorkommt und der Wasserstand zu niedrig ist, dann ist das Moor sehr geschädigt.“ Damit verlieren die Moore ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher und werden umgekehrt zur Quelle für Treibhausgase.

Übersichtskarte der Moore im Landkreis Konstanz. | Grafik: LEV KN
„Moore zu entwässern ist, wie fossile Brennstoffe zu nutzen: Es setzt CO₂ frei und zerstört das natürliche Ökosystem.“
Theo Nägele
Theo Nägele nennt Moore „Datenbanken der letzten 10.000 Jahre“. In ihnen lagern Pollen, Samen, Schilffasern – ganze Vegetations- und Kulturgeschichten, konserviert wie in einem Archiv. Doch diese Schätze lösen sich auf, sobald der Mensch ihnen das Wasser entzieht. Und dieser Prozess geschieht schnell: Wo Flüsse begradigt, Straßen gebaut, Kies gewonnen und Grundwasser gesenkt wird, werden die Speicher bedroht. „Moore zu entwässern ist, wie fossile Brennstoffe zu nutzen: Es setzt CO₂ frei und zerstört das natürlich Ökosystem“, sagt Nägele. Sauerstoff lege dabei die zersetzte Pflanzenmasse im Boden frei. Schätzungen des Umweltbundesamts zufolge stoßen entwässerte Moorflächen jährlich rund 54 Millionen Tonnen CO₂ aus, statt den Kohlenstoff zu speichern. Das entspricht etwa sieben Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen.

Entwässerte Moore: Die versteckten Emissionsquellen
Während Theo Nägele durch die Wiese stapft, zeigt er auf einen Graben, der sich quer durch die Fläche zieht: Er ist Teil jener fischgrätenartigen Entwässerungssysteme, die Menschen seit dem 18. Jahrhundert in die Moorböden schneiden. „Moorschutz bedeutet zuerst: Emissionen stoppen“, sagt Theo Nägele. „Es geht nicht darum, sofort wieder CO₂ zu binden. Es geht darum, das Leck zu schließen.“ Grundsätzlich gebe es zwei Ansätze bei der Wiedervernässung: Naturschutz, also die Wiederherstellung des natürlichen Ökosystems, und Klimaschutz, also die reine Anhebung des Wasserstandes zur Minimierung der Emissionen. Genau hier beginnen die Konflikte und verstärken sich vor allem dort, wo Nahrung produziert wird.
„Moorschutz bedeutet zuerst: Emissionen stoppen.“
Theo Nägele
Ein Moor ist ein Nassstandort mit organischem Boden, der aus unvollständig zersetztem Pflanzenmaterial besteht. Der hohe Wasserstand und die starken Temperaturschwankungen an der Oberfläche unterscheiden Moore von anderen Ökosystemen. Außerdem sind sie häufig nährstoffärmer und haben ein saureres Milieu als ihre Umgebung.
Warum speichern Moore CO₂?
Der dauerhaft hohe Wasserstand im Moor sorgt für einen Luftabschluss im Boden. Unter Wasser zersetzen sich Pflanzenreste kaum. Wird ein Moor jedoch entwässert, setzt der Boden jährlich große Mengen CO₂, Methan und Lachgas frei.
Hochmoor oder Niedermoor?
Hochmoore sind nährstoffarm, selten und meist kleinflächig – dort kommt das Wasser von oben in Form von Regen. Niedermoore sind nährstoffreich und im Landkreis Konstanz weit verbreitet – hier kommt das Wasser aus dem Grundwasser.
Warum ist Wiedervernässung so wichtig?
Sie stoppt die fortlaufenden Treibhausgasemissionen aus trockengelegten Moorböden und stellt zentrale Ökosystemleistungen wieder her: Moore kühlen, halten Wasser zurück, filtern Nährstoffe und erhalten Lebensräume.

Aktuelle Arbeiten an einem Graben, um das Entwässerungssystem aufrechtzuerhalten. | Foto: Mark Schoder
Die Praxis der Wiedervernässung und ihre Konflikte
Am Fischerweihermoor zeigt Theo Nägele, was es konkret bedeutet, Moore wieder zu vernässen: Gräben verschließen, Drainagen kappen, Stauelemente einbauen, den Wasserstand stabilisieren. „Die Torfoberfläche muss dauerhaft wassergesättigt sein“, sagt er. „Sonst stößt die Fläche weiterhin Treibhausgase aus.“
Das Land Baden-Württemberg hat die Umsetzung der Moorschutzkonzeption gestartet und möchte Flächen wiedervernässen, Emissionen halbieren, die Landwirtschaft umstellen. Das Problem: Alles kann, nichts muss. Diese Freiwilligkeit stößt an Grenzen, wenn Wasser dorthin zurückkehren soll, wo heute Gemüsebetriebe stehen, Pferdeweiden liegen oder Schrebergärten gedeihen. „Dadurch kommen viele Projekte nur voran, wenn hoch motivierte Eigentümer:innen mitziehen“, sagt Nägele. Das Problem: in den Augen vieler Landwirt:innen entwertet eine Wiedervernässung ihre Flächen monetär, auch wenn es sie ökologisch aufwerte. Oft würden Förderprogramme oder klare wirtschaftliche Perspektiven helfen.
Unbürokratischer Helfer: Wenn der Biber Tatsachen schafft

Biberdamm, der das Fischerweihermoor wiederbelebt. | Foto: Mark Schoder
Am Rand der Fläche zeigt Theo Nägele auf einen Damm, der das Wasser staut. „Das war der Biber“, sagt er und lacht. „Er ist ein unbürokratischer Helfer.“ Kaum ein Tier modelliert Landschaft so radikal. Und kaum eines zwingt Menschen so sehr zum Nachdenken. In den vergangenen Jahren hat der Biber im Kreis Konstanz mehrere Flächen ungeplant wiedervernässt, Ackerland wurde zu See, Grasland zu Sumpf. Landwirt:innen erfreut das weniger, Naturschützer:innen dafür umso mehr. Ein Tier, das macht, was der Mensch oft nicht schafft: handeln.
Moorschicksale im Landkreis
Wenn Theo Nägele nach einem Beispiel für ein Moor mit großem Klimaschutzpotenzial gefragt wird, zögert er kaum und nennt das Weitenried bei Singen. „Eines der größten trockengelegten Moore Baden-Württembergs“, sagt er. Eine Fläche, die niemandem ins Auge steche, obwohl sie seit Jahrzehnten still vor sich hin emittiert.Gefragt nach einem Beispiel im Landkreis Konstanz, kommt Theo Nägele auf die Flugplätze zu sprechen. Hier stehen gleich drei Flugplätze auf Moorböden: im Binninger Ried, bei Wahlwies und in Konstanz. Dabei handle es sich im Gegensatz zur Landwirtschaft um Hobbybetriebe, wie Nägele betont, die massiv in den Wasserhaushalt der Moorlandschaft eingreifen.
Moor, Stadt, Zukunft
Konstanz wächst seit Jahrzehnten. Wohnungsnot ist ein Dauerthema. Widerspricht das der Wiedervernässung? Nägele verneint: „Man kann Wohnungsnot nicht gegen Umwelt und Umweltschutz ausspielen.“ Dichtes Bauen, Leerstand regulieren, intelligente Stadtplanung: All das müsse diskutiert werden, bevor erneut Flächen versiegelt und in den Wasserhaushalt eingegriffen würde.

Moorlandschaft bei Allensbach. | Foto: Mark Schoder
Und warum sollten sich Stadtbewohner:innen überhaupt für Moore interessieren, die in Allensbach oder im Hegau liegen? „Weil wir ohne Moorschutz sehenden Auges in die Klimakatastrophe rennen. Davon bin ich überzeugt. Moore binden im Verhältnis zur Fläche, die sie einnehmen, den allergrößten Teil an CO₂, den es in Ökosystemen gibt“, sagt Nägele. „Ich glaube, vielen Leuten ist klar, dass Moorschutz wichtig ist.“ Gleichzeitig fehle jedoch häufig das Bewusstsein dafür, wie zahlreich Moore in unserer Landschaft tatsächlich vorhanden sind und wie stark sie sich bereits von ihrem natürlichen Zustand und einem ökologischen Gleichgewicht entfernt haben. „Und was man nicht kennt, kann man nicht schützen.“
„Man kann Wohnungsnot nicht gegen Umwelt und Umweltschutz ausspielen.“
Theo Nägele
Auf dem Rückweg über Dettingen, vorbei an unterschiedlich stark entwässerten Moorlandschaften, springt Theo Nägele leicht in die Luft. Die Nebeldecke hüllt die Sonne ein. Als seine Schuhe auf dem Boden aufkommen, beginnt dieser zu schwingen. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagt Nägele. Der Untergrund antwortet mit einem Wummern. „Hier ist der Wasserhaushalt intakt.“ Was hier schmatzt und schwingt, ist ein Ökosystem, das sich in die Klimabilanz einmischt.
Auf EU-Ebene gilt seit 2024 die Wiederherstellungsverordnung, die ambitionierte Rückholziele setzt. Die Öffentlichkeit nimmt sie kaum wahr. Zu Unrecht, findet Nägele. Für ihn ist sie ein Hoffnungsschimmer. Gleichzeitig sagt er: „Ich sprühe nicht vor Optimismus.“ Zu dynamisch sei der Wandel, zu statisch viele Schutzsysteme und zu langsam werde umgesetzt. Und dennoch: Es sind die kleinen Projekte, die ihn täglich motivieren. Seien es Maßnahmen, die greifen; Flächen, die sich verändern; oder die Biber, die selbst eingreifen.
Was wäre, wenn…? Wie die Moorwende im Landkreis Konstanz aussehen könnte
Für Theo Nägele ist die Bewirtschaftung von Moorstandorten wie eine Zeitbombe. Er ist überzeugt, dass Nichtstun höhere Folgekosten haben wird. Könnte er es sich ausmalen, stünden wir im Jahr 2050 vor einer ganz anderen Situation: Relevante Moorflächen wurden in eine weniger klimaschädliche Nutzung überführt, durch die Flächennutzung konnten sich die höheren Wasserstände anpassen. Neben der Renaturierung von Moorflächen findet extensive Beweidung und der Anbau von Paludikulturen statt, wodurch landwirtschaftliche Betriebe Perspektiven gewinnen. Zudem stellt der wiederhergestellte Wasserrückhalt in der Landschaft einen kostengünstigen Puffer für Extremwetterereignisse dar. Die Grundwasserneubildung wird begünstigt und im Wasser gelöste Schad- und Nährstoffe werden auf dem Weg durch den Moorkörper herausgefiltert.
- Projekt- und Redaktionsleitung: Sophie Tichonenko
- Autor:innen: Laura Hüllmann, Mark Schoder, Amelie Gensel, Simon Otte, Anton Bambusch, Julia Flattich, Kiara Francke
- Grafikdesign und Illustration: Sophia Bogdahn
- Video: Lorenz Philipp Cramer
- Fotografie: Simon Otte, Mark Schoder, Sophie Tichonenko
- Redigatur und Lektorat: Kiara Francke, Sophie Tichonenko
- Fundraising: Mark Schoder, Sophie Tichonenko
Wie die Klimakrise das Gesicht der Konstanzer Wälder verändert

Du willst mehr karla?
Werde jetzt Mitglied auf Steady und gestalte mit uns neuen Lokaljournalismus für Konstanz.

Oder unterstütze uns mit einer Spende über Paypal.![]()