Der Krieg in Israel und Palästina bewegt seit Monaten die Gemüter, mobilisiert die Herzen und bringt selbst in unserer kleinen, satten Grenzstadt die Menschen auf die Straße.
Der Krieg in Israel und Palästina ist geprägt von einem Machtungleichgewicht, bei dem Israel nicht nur über die fortschrittlichste Militärtechnik und internationale Unterstützung verfügt, sondern auch die politische Kontrolle über große Teile Palästinas innehat.
Dieses Ungleichgewicht hat zu anhaltenden und unzähligen Menschenrechtsverletzungen geführt, die von der internationalen Gemeinschaft immer wieder kritisiert wurden. Verschiedene Organisationen, Völkerrechtler:innen, Genozidforscher:innen und UN-Expert:innen – darunter auch Amnesty International – sind sich einig: Es gebe hinreichende Beweise dafür, dass die israelischen Streitkräfte und Behörden einen Genozid an den Palästinenser:innen verüben.
Was ja eigentlich zu begrüßen wäre – ein Ruck durch Konstanz, wie bei den Demos gegen rechts – sorgt allerdings nicht nur für gesellschaftlichen Klebstoff. Auch bei uns in Konstanz landete so mancher Mülleimer-Inhalt auf den Autos jüdischer Nachbar:innen. Auch bei uns dominiert eine Mentalität des Nicht-Sehen-Wollens, wie Menschen in Gaza oder im Westjordanland leiden. Manche von ihnen leben in Konstanz und sind eng mit den Menschen in der Heimat verbunden.
Auch bei uns klebten aggressive Sticker auf Bürotüren der Menschen, die sich gegen Antisemitismus wehren. Auch bei uns fühlen sich Mitglieder von Rettet Gaza alleingelassen, im Kampf um Menschenrechte für Palästinenser:innen. Wenn etwa Plakate kursieren, die eine „erstochene“ Wassermelone zeigen, ein Symbol Palästinas. Oder wenn eine palästinasolidarische Person an der Uni von einer israelsolidarischen Person beschimpft wird, aber bei der Antidiskriminierungsstelle der Universität Konstanz abblitzt.
Auch in Konstanz verbrannten sich zivile Organisationen und verloren Mitglieder nach überhitzten Diskussionen zu Israel und Palästina. Die brutalen Gewaltakte 3.000 Kilometer entfernt von uns trieben Keil um Keil in unsere Stadtgesellschaft.
Wir sprechen nie von nirgendwo
Kurz zur Transparenz: Als Ko-Gruppensprecher von Amnesty Konstanz gebe ich nicht vor, in einer Mitte zu stehen. Ich throne nicht objektiv und neutral auf einem Hochsitz und überblicke diese Stadtkonflikte. Ich arbeite als links sozialisierter Journalist bei einem eher bürgerlichen Blatt in der Schweiz, komme aus Konstanz und werde von nun an auch für karla schreiben. Im Studium habe ich einige Monate in Ostjerusalem geforscht. Ich spreche weder Hebräisch noch Arabisch und ein deutsch-israelischer Freund schimpfte mich einmal einen „europäischen Champagner-Aktivisten“.
Ein Aktivist, der bequem aus der sicheren Distanz wahlweise die menschenverachtende Hamas, die Rachsucht der israelischen Armee oder die rechtsradikale Regierung um Netanjahu kritisiert. Mein Freund hat Recht. Ich spreche immer von irgendwo, aber vor allem in Sicherheit, privilegiert. Dennoch versuche ich, offenzulegen, woher genau. Auch hüte ich mich vor einseitigen Wahrheitsansprüchen, bin ich mir doch über meine ausschnitthaften Erfahrungen bewusst – anders als Andere, die das Gegenteil bei so mancher Eildemonstration, aber auch im Seemoz, im Südkurier oder in offenen Briefen bewiesen.
Auch in Konstanz legitimieren einige israelsolidarische Menschen die Ausmaße der Gewalt und Menschenrechtsverletzungen anderthalb Jahre nach dem 7. Oktober mit einem legitimen Verteidigungsbedürfnis Israels. Mitte März brach Israel den Waffenstillstand in Gaza und tötete 300 weitere Menschen in einer Nacht. Der Gazastreifen bleibt eine Todeszone, für die israelischen Geiseln, aber vor allem für seine junge palästinensische Bevölkerung. Währenddessen finden israelische Militäroperationen im Norden des Westjordanlands statt, weswegen mindestens 45.000 Menschen vertrieben wurden.
Schluss mit der Vereinnahmung
Mich bestürzt, wie tief die Gräben geworden sind. Bestürzt, wenn selbst lebensfreudige Freiheitskämpfe und Feste wie der Christopher Street Day (CSD), die iranische Frauenrechtbewegung oder der feministische Kampftag umgedeutet und als Bühne für palästina- oder israelsolidarische Botschaften verwendet werden.
Beim CSD im letzten Jahr soll es zu einer Spuckattacke gekommen sein. Einer Person aus dem Umfeld der Hochschulgruppe Alliance Against Antisemitism wird vorgeworfen, vor einem Mitglied von Rettet Gaza auf den Boden gespuckt zu haben. Beides infolge von Redebeiträgen, in denen die Sprecher:innen ihre konträren Postionen zum 7. Oktober kundgetan haben. Spucken, statt zuzuhören, ein Symbol der Verächtlichmachung und der blinden Wut aufeinander.
Und am 8. März hielt Rettet Gaza eine, wohl im letzten Moment von der ursprünglichen Version abweichende und abgeschwächte Rede. Die Alliance Against Antisemitism fühlte sich schon im Vorfeld von der Planung ausgeschlossen und warnte die Gemeinderatsfraktionen, den Oberbürgermeister und später im Südkurier vor dem vermeintlichen Extremismus bei Rettet Gaza.

Wenn Unbeteiligte plötzlich Brandreden halten
Wie irritierend auch, wie Menschen abdriften können. Eine mir bekannte Person von Rettet Gaza schrieb vor kurzem in ihrem WhatsApp-Status: „Nicht alles Papier auf dieser Welt würde ausreichen, füllte ich es mit meinen Wünschen für dieses Jahr. Alle diese Wünsche wären jedoch mit einem freien Palästina sofort erfüllt.“ Sie endet ihren Post mit dem kurdischen und iranischen Freiheitsruf: „zan, zendegi, azadi“ (Frauen, Leben, Freiheit). In den letzten Monaten hielt sie Brandreden darüber, wie sie sich das Gebiet zwischen Fluss und Meer vorstellt.
Vor dem 7. Oktober hatte die Person Israel und Palästina nie tangiert. Über Nacht wurde sie, wie so viele andere, zu:r „Nahostexpert:in“. Social Media und der Nachrichtensender AlJazeera lieferten ihr Gedankenfutter. Das Zitat der Person von Rettet Gaza kommt positiv daher. Vieles, was die Organisation bislang auf Demonstrationen sagt oder über soziale Medien teilt, ist provokanter. Einzelne vermeiden das Wort „Israel“ und reden nur noch vom „zionistischen Regime“, sprechen dem Land sein Recht ab, zu existieren.
Die Menschenverachtung der Hamas oder die Gräuel des 7. Oktober geraten selten in ihr Blickfeld. In Teilen verstehe ich das, sind sie doch persönlich betroffen von der Gewalt und rassifizierten Stereotypen. Und belasten sie doch seit Monaten Bilder der Razzien im Westjordanland, ausgebombter Straßenzüge in Gaza und weinender Kinder. Sie schäumen vor Wut, wie ungerecht es ist, dass Deutschland weiterhin Waffen an die israelische Kriegspartei, an die Unterdrücker liefert.
Die Alliance Against Antisemitism auf der anderen Seite reagiert mit Unverständnis und eben ihrem sauber ausgeschnittenen Realitätsfokus. Für Menschen aus dem Umfeld der Hochschulgruppe, die sich in der Chatgruppe „Stand with Israel“ gesammelt haben, scheinen Graffittis wie „Free Palestine from Zionism“ am Bahnhof Petershausen nicht wie das, was es ist – Vandalismus -, sondern antisemitisch. Es scheint, als rieche jedes Wort von Menschen mit Kufiya um den Hals für sie schon nach Judenhass. Zu selten machen sie sich ihrer rassistischen Tendenzen bewusst. Wie in anderen deutschen Städten vermute ich, dass manche von ihnen in Arabisch eine „aggressive Sprache“ sehen oder in „arabisch aussehenden Menschen“ etwas Bedrohliches. In Chatgruppen und persönlichen Gesprächen reden sie von einer „feindseligen Atmosphäre“ bei den Demonstrationen von Rettet Gaza.
Die Alliance Against Antisemitism verzwergt die brutale Gewalt auf israelischer Seite und die kriminelle Energie der Regierung Netanjahus. Einzelpersonen aus dem Umfeld der Hochschulgruppe und der Deutsch-Isralischen Gesellschaft suchen ihr Heil bei der CDU, dem Bollwerk gegen Antisemiti…oder wie war das doch gleich, mit dem Dammbruch im Bundestag? Sie sagen dann öffentlich im SÜDKURIER: Auch nachdem Andreas Jung im Bundestag mit der AfD stimmte, werden sie ihm vertrauen. Be careful what you wish for.
Wir drohen, uns langfristig aus den Augen zu verlieren
Beide Organisationen kritisieren Amnesty Konstanz. Zu träge. Mutlos. Unkritisch. In einer unheiligen Allianz mit der Stadtpolitik. Mit der jeweils anderen Seite liebäugelnd. Vor Reden von Amnesty-Mitgliedern in Konstanz verdrehen Menschen beider Organisationen die Augen oder drehen sich weg. Damit entscheiden sie sich gegen die Offenherzigkeit und dafür, bis dato offene Gesprächskanäle zu schließen.
Beide Organisationen folgen dem Prinzip: Hält sich Amnesty aus einer Sache raus, hängt es damit sein Fähnchen in den Wind und macht sich verdächtig. Eine Kooperation mit Rettet Gaza oder der Alliance Against Antisemitism rückt in dieser Gemengelage in weite Ferne und würde weitere verbrannte Erde hinterlassen. Als ob es in Konstanz nicht schon genug davon gäbe.
Beide Organisationen werden diesen Text kritisieren. Zumindest deswegen, weil ich darin zuerst vorgebe, meine eigene Position kritisch zu reflektieren und mir letztlich doch den „objektiven Richter“ anmaße. Das stimmt. Dieser Makel der Überheblichkeit widerstrebt mir, nur kann ich ihn nicht ablegen, will ich meine Beobachtungen ehrlich teilen. Die deutsch-palästinensische Schriftstellerin Joana Osman bringt es auf den Punkt.

Sie schreibt: „Es ist schrecklich ermüdend, diesen Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in ihrem Aktionismus binnen kürzester Zeit radikalisieren und damit Öl in ein Feuer gießen, das bereits lichterloh brennt. Die Verzweiflung, die Friedensaktivisten aus Israel und Palästina angesichts dieser Radikalisierungen befällt, ist kaum in Worte zu fassen.“
Währenddessen werden palästinensische und jüdische Menschen in Deutschland „beleidigt, bedroht, angegriffen und manchmal sogar auf offener Straße zusammengeschlagen – und besonders gefährdet sind im Moment diejenigen, die sich für Frieden einsetzen“, schreibt Osman weiter. Sie nennt das „ein zweites Schlachtfeld“, ohne Zwischentöne und Gleichzeitigkeit, „ein Treibhaus, in dem der Hass gedeiht“. Deswegen lädt Amnesty Konstanz sie am 31. März ein: für die Zwischentöne.
Brücken suchen, Experimente wagen
Genug angekreidet. Genug vom Ausschließen. Zeit, das gegenseitige Leid anzuerkennen. Zeit, um gemeinsam zu trauern. Für offene Gesprächskanäle. Zeit, ein Experiment zu wagen, im kleinen Konstanz. Am 31. März versuchen wir von Amnesty Konstanz das. Wir fallen damit vielleicht mächtig auf die Schnauze.
Aber wir versuchen, Menschen wie Joana Osman oder Abed Dalbah, einem palästinensischen Aktivisten, eine Bühne zu bieten. Menschen, deren Herzen seit dem 7. Oktober noch enger zugeschnürt sind. Menschen, die trotzdem furchtlos und ruhig über ihre Perspektiven sprechen können, trotz all des Leids, das ihre Familie umgibt. Sie sehen den Schmerz der anderen, seit Generationen. Osmans kleiner Sohn ist die vierte.
Was wir in Konstanz anders machen können
Aus der Tatsache heraus, nicht im Nahen Osten zu leben, sollten wir doch mehr machen, als Gräben zu graben. Osman macht klar: Der Krieg wird nicht zwischen Israelis und Palästinenser:innen geführt, sondern von Extremisten gegen friedliebende Kräfte. Wir könnten alles dafür geben, Letztere zu stärken. Die Debatte wieder zu vermenschlichen. Wir könnten zusammen kochen, einen Tee am Kulturkiosk trinken.
Osman schreibt: „Frieden beginnt mit einer Haltung. Frieden bedeutet, die andere Seite nicht länger als eine gesichtslose Masse zu betrachten, die eine Bedrohung darstellt, sondern die Menschen auf der anderen Seite wieder als Individuen mit einer Geschichte und mit Gefühlen zu betrachten.“
Wer weiß, vielleicht sieht man bald einen palästinasolidarischen Menschen vor dem Münster, der „Bring them home!“ ruft, und eine israelsolidarische Person, die einen Stopp der Siedlungspolitik fordert. Vielleicht schaffen wir in Konstanz das, was der Schriftsteller Navid Kermani empfahl:
„Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen.“
Wann? Montag, 31. März 2025, 19:00 Uhr
Wo? Volkshochschule (VHS) Konstanz
Was? Interview, Buchvorstellung und Diskussion
Amnesty International Konstanz lädt zu einem Abend über Menschenrechte in Palästina und Israel ein. Nach einer Einführung von Amnesty wird ein aufgezeichnetes Interview mit Abed Dalbah, einem palästinensischen Aktivisten und Journalisten aus dem nördlichen Westjordanland gezeigt. Im Anschluss stellt die deutsch-palästinensische Schriftstellerin Joana Osman ihr Buch „Wo die Geister tanzen“ vor und spricht über ihre Erfahrungen in der Friedensbildung.
Wann: Sonntag, 30. März 2025, 14 Uhr
Wo: Herosé-Park, Abschlusskundgebung auf der Marktstätte
Am 30. März wird jährlich der Palästinensische „Land Day“ begangen, der an den Widerstand palästinensischer Bürger:innen gegen die Landenteignungen durch Israel im Jahr 1976 erinnert. Aufgrund der aktuellen Aggressionen der israelischen Regierung in Gaza ruft das Aktionsbündnis Rettet Gaza zu einer Demonstration auf. Massenproteste innerhalb Israels, wie am 22. März 2025 mit 100.000 Teilnehmenden, zeigen die Dringlichkeit, erneut für Verhandlungen und einen Waffenstillstand einzutreten. Es wird ein Ende der Blockade Gazas, der Apartheid in Israel und eine politische Lösung gefordert, die allen Menschen vor Ort gleiche Rechte zusichert.
Anmerkung der Redaktion (28. März 2025):
Im ursprünglichen Beitrag wurde mehrmals von Mitgliedern der „Alliance Against Antisemitism“ gesprochen. Nach sorgfältiger Überprüfung konnten jedoch einzelne Personen nicht eindeutig zugeordnet werden. Daher haben wir den Text angepasst und sprechen nun vom Umfeld der Gruppe oder nennen beispielsweise die Signalgruppe „Stand with Israel“.
Wir wollen darauf hinweisen: Stellt der Autor in seinen Äußerungen zu bestimmten Aspekten begründete Vermutungen an, sind diese durch die Meinungs- und Pressefreiheit gedeckt.
Des Weiteren möchten wir uns für folgenden Fehler entschuldigen: Beim Upload der ursprünglichen Version wurde versehentlich eine falsche Datei veröffentlicht. Der Titel des Beitrags war daher zunächst „Raus aus der Polarisierung: Wie Stadtgespräche wieder konstruktiv werden“. Der korrekte Titel lautete jedoch „Kommentar: Wie Stadtgespräche wieder konstruktiv werden“. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.
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