Manchmal findet man Dinge dort, wo man sie am wenigsten vermutet. Den Autoschlüssel in der Waschmaschine, Ehrlichkeit auf Social Media, so was. Und wer Antworten auf die Fragen sucht, warum viele Schulen im ganzen Land so desolat aussehen und weshalb ausgerechnet im Land der Dichter und Denker die Bildungsinfrastruktur so lange vernachlässigt wurde, der findet sie unter Bergen von Schokolade, Salzstangen und Gummibärchen.
Löcher in den Wänden, versiffte Toiletten und Mobbing
Ein Mittwochabend im Februar. Draußen ziemlich eisig, drinnen gerötete Wangen und wache Augen. Hier, unter dem Dach des Konstanzer Jugendzentrums, zwischen Alpenmilch und Colorado, tagt einmal pro Woche das Konstanzer Schülerparlament. 31 Schülersprecher:innen der weiterführenden Schulen haben sich in dem Verein zusammengeschlossen, um gemeinsam Projekte zu planen und Ideen auszutauschen.
Es dauert nicht lange und man ist mittendrin im Thema. All die Dinge, die in den großen Jugendstudien immer herausgestellt werden, hier kann man sie aus erster Hand erfahren. Der Leistungsdruck? Hoch. Die psychischen Belastungen? Steigend. Die Lehrer:innen? Es gibt gute, aber wenn man einen schlechten erwischt hat, dann: Game over. Die Klassenzimmer? Eng. Räume für konzentriertes Lernen und moderne Unterrichtsformen sind rar. Die Toiletten? Oft eine Katastrophe. Teilweise ist über Wochen für hunderte Schüler nur eine Toilette zugänglich, weil die anderen wegen Schäden gesperrt sind.

In den nächsten Wochen berichten wir in mehreren Beiträgen über das Thema Schulen im karla magazin. Die geplanten Beiträge sind:
- Erst bröckelt die Schule, dann das Vetrauen. Reportage-Feature zum Schulbau am Beispiel der Stadt Konstanz.
- Was Konstanzer Schüler:innen wirklich über ihre Schule denken. Die Ergebnisse der Schüler:innen-Begfragung. (7.5.)
- Warum funktionierende Schulbauten wesentlich sind für unsere Demokratie. Ein Kommentar. (12.5.)
- Warum Schulen Journalismus brauchen. Eine Einordnung. (14.5.)
- Und jetzt? Interview mit Bürgermeister Andreas Osner und Bildungs-Amtsleiter Frank Schädler über die Ergebnisse der Schüler:innen-Befragung. (Erscheinungstermin noch offen)
Und dazu das Gefühl – keiner kümmert sich
Für das Gespräch haben wir maximale Offenheit vereinbart. Um das zu ermöglichen, haben die Schüler:innen in diesem Abschnitt keine Namen. Die Sorge ist zu groß, dass öffentlich geäußerte Kritik ihnen schaden könnte. Sie berichten von Demütigungen durch Lehrer:innen vor der ganzen Klasse, Rassismus, Mobbing und Schulgebäuden im maroden Zustand. Es geht um Löcher in den Wänden, düstere Flure, Beamer, die seit Jahren nicht funktionieren, zu heiße Klassenzimmer und kaputte Wasserspender.
Mindestens genauso verheerend wie die Zustände sind für die Schüler:innen die Reaktionen darauf: „Alles dauert immer 1000 Jahre, bis es repariert wird“, sagt einer. Eine andere: „Probleme werden angesprochen. Lösungen kommen nicht.“
Der Schulbau stockt in vielen Städten
Konstanz ist kein Einzelfall: Im ganzen Land gibt es kaputte Schulen. Der Investitionsstau im Schulbau liegt bundesweit bei 68 Milliarden Euro. Und doch ist die Situation in Konstanz speziell. Vor vier Jahren hat die Stadt die notwendigen Investitionen in Schulen und Sporthallen auf rund 226 Millionen Euro beziffert. Nach den Haushaltsberatungen 2025 war aufgrund des Spardrucks nur noch etwas mehr als ein Zehntel davon übrig. Und das angesichts von Herausforderungen wie Rückkehr zu G9, Ganztagsanspruch an Grundschulen und wachsenden Schüler:innenzahlen.
Statt bestehende Schulen auszubauen, hat die Konstanzer Lokalpolitik entschieden, den Fokus auf den Neubau zweier Schulen im neuen Wollmatinger Wohngebiet „Hafner“ zu legen. Die werden aber frühestens 2031 fertig. Für die aktuelle Schüler:innengeneration zu spät. Sie werden in den nächsten Jahren mit Provisorien leben müssen. Deshalb fragen sich manche in Konstanz jetzt: Wird für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Bildungserfolg einer ganzen Generation geopfert?

Ein Schulleiter, der versucht, die Lage in den Griff zu bekommen
Ein Donnerstag im Dezember. Oliver Fecht, Glatze, üppiger Bart, Typ strenger, aber gerechter Kumpel-Lehrer, läuft über die Flure seiner Schule und versucht irgendwie den Alltag in den Griff zu kriegen. „Es sind so viele Teller gleichzeitig in der Luft – man geht immer dorthin, wo es gerade am meisten eiert“, sagt er, als er in seinem Büro ankommt. Vor der Tür hängt ein Schild in neongelber Schrift: „If nothing goes right, go left.“ Wenn es so einfach wäre.
Seit zwei Jahren ist der 53-Jährige Leiter der Berchenschule. Gegründet wurde die Schule in den 1960er Jahren als Volksschule. Der Bau: funktional, Nachkriegsmoderne. Die Lage: im Konstanzer Norden, das Einzugsgebiet der Schule ist sozial gemischt, aber mit überdurchschnittlichem Anteil an Haushalten mit Unterstützungsbedarf. Die Zahl der Bürgergeld-Empfänger:innen (SGB II) in den angrenzenden Stadtteilen ist höher als anderswo in Konstanz.
Eine Ganztagsschule, die keine brauchbaren Ganztagsräume hat
Rund 400 Kinder besuchen die Schule. Nach diversen Bildungsreformen ist die Berchenschule inzwischen eine Grund- und Werkrealschule. Im Ganztagsbetrieb. Und damit fangen die Probleme hier auch schon an: „Die Schule ist seit 20 Jahren Ganztagsschule. Aber die notwendigen Voraussetzungen dafür wurden nie umgesetzt“, sagt Oliver Fecht jetzt am Besprechungstisch seines Büros.
Um es kurz zu machen – es fehlt an Räumen und die Räume, die es gibt, sind teilweise marode. Das hat ihm die Stadt Konstanz als Schulträger sogar offiziell bestätigt. In einem Gutachten zur Lage der Schulen wurde festgestellt, dass hier mehr als ein Drittel der eigentlich benötigten Räume fehlt.

Die Lehrkräfte? Haben resigniert
Bekannt ist das seit Jahren, geändert hat sich aber wenig. Die Schule schleppte sich von Zwischenlösung zu Zwischenlösung, wurde vertröstet und hingehalten. Im Juli 2025 hatte Oliver Fecht dann genug. Im Bildungsausschuss des Gemeinderats hielt er eine denkwürdige Rede. Der Tenor: So geht es nicht weiter, die Lage sei nicht mehr verantwortbar. Seine Stimme zitterte dabei.
Unter den Lehrer:innen gebe es eine tiefe Resignation, weil sich seit Jahren nichts ändere. Und die Schüler:innen? Hätten doch Räume verdient, in denen sie gut lernen können und sich gerne aufhalten. Eine besondere Herausforderung an der Schule: Klasse eins bis zehn sind unter einem Dach. Die unterschiedlichen Bedürfnisse in Einklang zu bringen – schwierig.
Ein abgenutzter Baucontainer als Symbol der Misere
Sichtbarstes Zeichen für den Mangel auf dem Schulhof: Ein Baucontainer, in dem heute ein Teil des Ganztagsbereichs untergebracht ist. Außen verwittert, innen dünner Teppich und kalte Metallwände. Der Container war eigentlich nur zur kurzfristigen Überbrückung von wenigen Wochen während einer Sanierung vor einigen Jahren von Klassenzimmern vorgesehen. Weil es aber an der ganzen Schule zu wenig Räume gibt, blieb er einfach stehen. Ohne ihn wäre der Ganztagesbetrieb nicht mehr möglich gewesen.
Würde man mit Uta Hauck-Thum über diesen Schulhof gehen, sie würde vermutlich mit den Augen rollen und in ihrer für eine Professorin recht unverblümten Art fragen: „Euer Ernst?“ Bei der Schulbaukonferenz der Montag-Stiftung in Stuttgart im vergangenen Dezember riss sie die Zuhörer:innen mit ihrer Energie beinahe von den Stühlen.

Wie Räume den Bildungserfolg beeinflussen können
Zwei Monate später sitzt die Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik am anderen Ende der Telefonleitung in ihrem Büro der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und hat nichts von ihrer Begeisterungsfähigkeit eingebüßt. „Ganz ehrlich: Kinder, die in solchen dysfunktionalen Räumen lernen müssen, bekommen implizit die Botschaft: Für dich reicht das so. Du gehörst nicht dazu. Das ist fatal“, sagt sie, wenn man ihr die Lage an der Konstanzer Berchenschule schildert.
Für sie ist klar: Räume haben Auswirkungen auf Lernverhalten und psychisches Wohlbefinden – etwa durch Akustik, Licht oder Rückzugsmöglichkeiten. Deshalb müssen Lernräume ansprechend gestaltet sein. Sie nennt das „ästhetische Alphabetisierung“. Oder einfach: „Eine Schule darf – und muss – schön sein“, so die LMU-Professorin. Wie solche Räume aussehen sollten, dazu hat Uta Hauck-Thum nicht nur theoretisch, sondern auch sehr praktisch geforscht. Zum Beispiel im Uni-Lernhaus in München. Hier hat sie unter anderem neue Lern- und Raumkonzepte erprobt.
Schöne Räume sind wichtig, aber gute Lehrkräfte auch
Eine Erkenntnis daraus: Flexibilität sei entscheidend, „weil Lernen nicht für alle gleich funktioniert. Der eine braucht Rückzug, der andere Kooperation. Guter Schulbau berücksichtigt das, damit Kinder entsprechend ihrer Fähigkeiten und Talente lernen können“, so Hauck-Thum. Ein Modell wie das Lernhaus-Prinzip biete überschaubare Einheiten, „die Zugehörigkeit schaffen und trotzdem Offenheit ermöglichen.“
Sie sagt aber auch, dass schöne Räume alleine nicht reichen. „Wenn wir nur bauen, ohne Pädagogik mitzudenken, verbessern wir am Ende nichts für die Kinder.“ Der Lernraum beeinflusse Pädagogik nicht automatisch. Dazu braucht es dann schon noch fähige Lehrkräfte. Aber: „Der Raum eröffnet eine enorme Chance, Unterricht neu zu denken“, so Uta Hauck-Thum.
Wenn sie einen Wunsch an die Politik frei hätte, wie würde der lauten? Es gäbe da sicher mehr als einen Wunsch, sagt Uta Hauck-Thum, aber ganz vorne wäre sicher dieser hier: „Lasst uns Schulen so gestalten, dass Kinder gesund bleiben und eine positive Zukunftsvision entwickeln können.“

Wenn Schulbau zum Havariemanagement wird
In der Konstanzer Gegenwart sieht die Lage derweil nüchterner aus. Schulbau, das sei heute in weiten Teilen „Havariemanagement“, hat der städtische Hochbauamtsleiter Thomas Stegmann kürzlich gesagt. Was dramatisch klingt, heißt erstmal nur: Gebäude werden bewusst länger abgenutzt als vorgesehen, Reparaturen aufgeschoben, bis sie nicht mehr vermeidbar sind.
In Konstanz hat man das so lange ausgereizt bis irgendwann nur noch halb so viel in die Instandhaltung investiert wurde wie notwendig gewesen wäre. Der Spardruck im Haushalt, die vielen anderen Projekte die auch finanziert werden müssen. Da sitzt man manche Dinge aus. Merkt ja erstmal keiner, ob eine Dämmung rechtzeitig erneuert wird. Eine Folge dieser Politik ist, dass viele Schulen gleichzeitig bröckeln. Und jetzt das Geld fehlt, alle Mängel schnell zu beheben.
Dabei kann man der Stadt nicht vorwerfen, in den vergangenen Jahren nicht in den Schulbau investiert zu haben. Zwischen 2017 und 2025 sind 40 Millionen Euro in Neubauten und Sanierungen geflossen. Aktuell das größte Projekt: 2031 sollen eine Grundschule und eine Verbundschule aus Gymnasium und Gemeinschaftsschule eröffnet werden. Kostenpunkt inklusive zweier Sporthallen: 116 Millionen Euro.
Die vielen Gründe der Misere
Trotzdem reicht es nicht aus. Im Frühjahr 2025 haben alle Konstanzer Schulleitungen einen Brandbrief an die Stadtverwaltung geschrieben, in dem sie die „massiven Kürzungen“ bei den Schulen kritisierten. Hintergrund war der von der Stadt ausgerufene Planungsstopp bei notwendigen Erweiterungsbauten. „Ja, das war nicht gut von uns. Wir hätten die Auswirkungen der Haushaltsberatungen klarer gegenüber den Schulen kommunizieren müssen“, sagt Frank Schädler, Leiter des städtischen Amts für Bildung und Sport.
Er sitzt am Besprechungstisch seines Büros, neben ihm sein Hochbauamtskollege Thomas Stegmann, auf dem Tisch liegen ausgedruckte Grafiken zur Entwicklung des Schulbaus. Gemeinsam wollen sie erklären, wie der Investitionsstau in Konstanz entstanden ist. Schnell wird klar – es gibt nicht den einen Grund, sondern sehr viele verschiedene: Die Folgen der globalen Krisen, schrumpfende Budgets für Bau und Unterhalt der Gebäude, bei gleichzeitig massiv steigenden Preisen im Bau, zunehmende Anforderungen bei Brandschutz, Klimaschutz und pädagogischen Konzepten sowie begrenzte personelle Ressourcen im Hochbauamt.

Der Haushalt überzeichnet, die Verwaltung überlastet
Rund 13 Millionen Euro kann das Konstanzer Amt an Baumaßnahmen pro Jahr umsetzen. Und das bezieht sich nicht nur auf Schulen, sondern jeglichen Bau in der Stadt. Im Haushalt standen jedoch zeitweise Projekte mit einem Volumen von 50 Millionen Euro. Das konnte nicht aufgehen. „Wir haben das mal von externen Experten durchrechnen lassen – um solche Summen abarbeiten zu können, bräuchten wir fast 16 zusätzliche Stellen“, erklärt Thomas Stegmann. Dass das unrealistisch ist in Zeiten der Haushaltssperre, weiß er auch. Worum es ihm geht: „Die Verknüpfung zwischen Investitionsvolumen und Personalbedarf ist in der Öffentlichkeit oft schwer zu vermitteln. Dabei hängt beides eng zusammen“, so Stegmann.
In der Konsequenz folgt daraus – mit begrenzten Ressourcen kommt man gar nicht umhin, Bauprojekte nur zeitlich versetzt planen zu können. Mit anderen Worten: Den Bedürfnissen im Schulbau wird man immer nur zeitverzögert begegnen können. „Ich sehe nicht, dass wir irgendwann mal sagen können, wir haben den Stau aufgehoben. Das werden wir nie schaffen“, sagt Thomas Stegmann.
Wie es mit der Berchenschule weitergehen soll
Zumindest für die Berchenschule von Oliver Fecht gibt es aber inzwischen bessere Aussichten: Die geplante Erweiterung soll in den Haushaltsberatungen 2027/2028 priorisiert werden, mit Hilfe des Startchancenprogramms von Bund und Land fließen zusätzliche Gelder dorthin. Die Ziele: Schönere Räume, bessere Akustik und die Einrichtung von Lernzonen. Auch die alten Baucontainer sollen abgebaut werden.
Dass dort überhaupt noch investiert wird, ist auch ein Bekenntnis der Stadt: Sie will an der Schule festhalten, obwohl das Land die Schulform Werkrealschule auslaufen lässt. „Wir wollen jedem Kind eine passende Förderung und Perspektive bieten“, sagt Frank Schädler. Die Berchenschule ergänze das Angebot an weiterführenden Schulen in Konstanz. Hauptschulabschlüsse sollen nach dem Ende der Werkrealschule dort weiterhin möglich sein.

Ein Versprechen: Kein Schüler soll Nachteile haben
Letztlich seien die Fragen rund um die Finanzierung von Schulbau aber auch gesellschaftspolitische Fragen, findet Frank Schädler: „Was ist einer Gesellschaft Bildung wert? Da sind wir als kleine Kommunalverwaltung relativ weit weg, direkten Einfluss zu nehmen. Aber wir versuchen unter den Rahmenbedingungen, die wir haben, das Beste für die Schulen rauszuholen.“
Ob das wirklich immer so geschehen ist, da hat Manfred Hensler so seine Zweifel. Hensler war früher Rektor einer Berufsschule in Konstanz, heute sitzt er für die FDP im Gemeinderat. Er wolle der Stadt das Bemühen nicht abstreiten, „aber der Schulbau hatte in der Vergangenheit hier nicht immer die höchste Priorität“, sagt Hensler bei einem Kaffee in der Konstanzer Altstadt. Stattdessen fließe Geld in Projekte, die politisch gewollt, aber aus seiner Sicht nicht zwingend seien. Die Folge: am Ende mangelte es am Geld bei den Schulen.
Ein Pflichtpraktikum für Politiker:innen in Schulen?
Was ihm vor allem fehlt, ist eine klare Priorisierung seitens der Stadtverwaltung: „Eine Liste mit den nach Wichtigkeit geordneten Projekten im Schulbau würde dem Gemeinderat bei seinen Entscheidungen helfen und Transparenz gegenüber den Schulleitungen schaffen“, ist der FDP-Mann überzeugt. Daneben helfe nur sparen: „In den guten Jahren haben wir uns Dinge geleistet, die jetzt nicht mehr drin liegen“, findet Hensler. Für ihn gehören dazu: ein Fahrradparkhaus, das breite Kulturangebot der Stadt, gehypte Digitalisierungsprojekte. Weniger Gold-Lösung, mehr Pragmatismus sei gefragt.
Am Ende hat er noch einen sehr konkreten Vorschlag: „Eigentlich müssten alle Politiker:innen ein Pflichtpraktikum in einer Schule machen. Das würde Perspektiven und Prioritäten dauerhaft verändern“, glaubt Manfred Hensler.
Wie Schulbaupolitik in der Konstanzer Gegenwart aussieht, kann man in einer Gemeinderatsvorlage zur Schulentwicklung aus dem Dezember 2025 nachlesen: mehr als 30 Mal wird das Wort „Containerersatzraum“ erwähnt. Die Lösung lautet also weiterhin, Provisorien zu schaffen und auf eine bessere Zukunft zu hoffen.

Wie er das den jetzigen Schüler:innen erklären will? Frank Schädler hält kurz inne, sagt dann, er wisse um die schwierige Lage, aber: „Wir werden das hinkriegen. Wir werden keinem Schüler erklären müssen: Sorry, du hattest halt schlechtes Timing und Pech mit deiner Schullaufbahn. Wir tun alles dafür, akzeptable Lösungen zu bieten.“
Hilfe ist zumindest in Aussicht. Das Land hat die Fördermittel für den Schulbau ab dem Jahr 2025 mehr als verdoppelt – auf 450 Millionen Euro jährlich. Das dürfte langfristig entlasten. Nur: Die Probleme, vor denen die Stadt jetzt steht, löst das nicht.
Die Versäumnisse der Vergangenheit holen die Stadt ein
Anruf bei Jörg Röber. Der Professor der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl kennt die Mechanismen hinter solchen Krisen. Er sagt: „Konstanz ist eine wachsende Stadt. Als solche hätte sie in den vergangenen Jahren sehr viel mehr in die Infrastruktur investieren müssen. In den Jahren der Dauerkrise wurde da viel versäumt“, sagt er. Dann fügt er hinzu: „Bund und Land haben aber schon auch ihren Beitrag zur Krise geleistet.“
Was er damit meint, ist das Prinzip, das in vielen Städten für Druck sorgt: Aufgaben werden von Bund und Land nach unten weitergereicht, die Finanzierung nicht immer. Für die Kommunen bedeutet das Engpässe, die sich über Jahre aufstauen. Die Folge ist ein Modus, den Röber ziemlich nüchtern beschreibt: Verwaltungen fahren auf Sicht. Sie erledigen das Nötigste, verschieben den Rest. „Wenn nicht alles auf einmal möglich ist, tut es eben nur ein bisschen weh, einzelne Investitionen zu verschieben. Aus Sicht von Gemeinderäten, die wiedergewählt werden wollen, ist das eine verständliche Logik.“
Nur löst das kein Problem – es vertagt es. Und genau da liegt für Röber der Knackpunkt in der Gegenwart. „Viele Kommunen müssen sich überlegen, was wirklich Priorität haben sollte. Das ist der eigentliche Stresstest für Kommunalpolitik.“ Das kann konkret heißen: freiwillige Leistungen streichen. Auch bei Dingen, die politisch wehtun: im Sport oder der Kultur, bei anderen Projekten, die nicht zwingend sind. Anders, sagt Röber, lasse sich die Handlungsfähigkeit kaum zurückgewinnen.

Weniger Projektförderung, mehr Grundfinanzierung
Würden mehr Fördergelder von Bund und Land helfen? Zeitweise schon, sagt Röber, aber dauerhaft hilft nur etwas anderes: „Eine bessere Grundfinanzierung statt immer neuer Fördertöpfe.“ Das würde Kommunen erlauben, weniger Förderkriterien hinterherlaufen zu müssen und besser planen zu können.
Andere Frage: Wenn Anliegen junger Menschen, wie zum Beispiel funktionierende Schulen, in der Politik nicht durchdringen, liegt das vielleicht auch daran, dass zu wenig junge Menschen in der Politik mitbestimmen können?
Repräsentationsfragen sind auch Machtfragen
Jörg Röber nickt: „Der Gemeinderat ist oft eine Elitenveranstaltung: Die bürgerliche Mitte ist überproportional vertreten, die jüngere Generation kaum. Und da der Anteil älterer Wählerinnen und Wähler wächst, orientiert sich Politik zwangsläufig an diesen Mehrheiten.“
Trotzdem glaubt er nicht, dass mehr Jugendbeteiligung automatisch Entscheidungen ändern würde: „Auch jüngere Gemeinderäte müssen dieselben schwierigen Güterabwägungen treffen – zwischen Schulbau, Straßenbau, Kitaausbau, sozialem Wohnungsbau und vielem mehr. Das wird nicht einfacher, nur weil jemand jünger ist“, sagt Röber.

Schüler:innen wollen ernst genommen werden
Elaine Payer, Emma Ramos und Alena Dias-Vieira würden ihm da vermutlich widersprechen. Elaine und Emma engagieren sich in der SMV im Suso-Gymnasium, Alena ist Vorsitzende des Konstanzer Schülerparlaments (KSP) und Schülerin am Marianum des Kloster Hegne.
Für Alena Dias-Vieira ist klar: „Es gibt zu wenig junge Menschen im Gemeinderat. Es wird über uns, aber selten mit uns gesprochen, wenn es um Themen geht, die uns betreffen“, so die 18-Jährige. Sie engagiert sich politisch, weil sie nicht diejenige sein will, über die entschieden wird; sie will mitreden. Das sieht Emma Ramos genauso: „Ich bin in der SMV, weil ich den Wunsch habe, Dinge zu verändern und die Situation für uns Schüler verbessern will.“
Die Wunschschule? Offen, partizipativ, ohne Leistungsdruck
Mal angenommen, sie könnten Schule so verändern, wie es ihnen gefällt – was würden sie tun? Schöne Orte im Schulhaus schaffen, helle Räume, mehr Lerncoaching für Schüler:innen, zwei Lehrer:innen in jeder Klasse, Schüler:innen nicht in ein starres System zwängen, sondern sich mehr daran orientieren, was sie für ihren Bildungserfolg brauchen, zum Beispiel. Und: Weniger Leistungsdruck durch Noten. Ein offener Umgang mit psychischen Belastungen und Stress könnte zudem helfen, die Lage zu entspannen, findet Dias-Vieira. Gemeinsam mit Lehrer:innen und Schulleitung die Schule von morgen entwickeln, das wäre ein ziemlich großer Wurf, finden die drei Schülerinnen.

Woran es am Suso-Gymnasium mangelt
Schon jetzt gibt es auch am Suso-Gymnasium genug zu tun. „Neue Lernformen in Gruppen können wir fast nicht ausprobieren. Vor allem im Neubau ist es schwierig, weil es dort in den Fluren keine Sitzmöglichkeiten und Tische gibt“, sagt Elaine Payer. Eine Konsequenz daraus – ein Großteil des Unterrichts findet frontal statt. Und damit gerade nicht so, wie es Bildungsforscher:innen eigentlich fordern: Differenziert, offen, ko-kreativ.
Eine große Aula fehlt der Schule ebenso wie Gemeinschaftsräume für die Unter- und Mittelstufe. Nicht mal die SMV hat eigene Räume: „Für jede Sitzung müssen wir uns einen neuen Ort suchen“, sagt die Elftklässlerin. Das Suso, ein altsprachliches Gymnasium mit Hochbegabtenzug, wurde 1911 gebaut, 2008 folgte ein Anbau. Trotzdem fehlen Räume.
Vor allem: Fachräume für Kunst, Musik und Naturwissenschaften. Und: Für Lehrkräfte gibt es keinen einzigen Arbeitsplatz. Besonders absurd: Weil die Kapazitäten in der kleinen Sporthalle des Anbaus nicht ausreichen, müssen Schüler:innen für den Sportunterricht oft mit Bussen quer durchs Stadtgebiet gefahren werden.

Die Ausbaupläne? Kassierte die Politik wieder ein
Die Probleme sind in der Politik längst bekannt. Seit fast zehn Jahren wird darüber diskutiert. Geändert hat sich bislang nichts. Dabei gibt es inzwischen einen fertigen Entwurf für einen Neubau mit angegliedeter Sporthalle. Im Sommer 2024 hatte die Stadt die Pläne noch stolz vorgestellt. Ein Jahr später folgte eine Haushaltssperre und die Verschiebung sämtlicher Erweiterungspläne bis ins Jahr 2035. Und jetzt?
Schulleiter Patrick Hartleitner, graues Sakko, schwarzes Hemd, Geschichtslehrer-Brille, zuckt mit den Schultern und winkt ab. „Dann geht es halt weiter mit den Provisorien“, sagt er bei einem Gespräch in seinem Rektorenbüro. Er verbirgt nicht, dass er enttäuscht ist von der Politik. Woran es liegt, dass die Erweiterung immer wieder verschoben wurde? „Offensichtlich lagen die Prioritäten der Politik nicht beim Schulbau. Die Situation ist nicht nur für uns, sondern die gesamte Konstanzer Schullandschaft schmerzlich.“
Ist die Stadt noch ein verlässlicher Partner?
Was ihn dabei besonders geärgert habe, sei, dass Verwaltung und Gemeinderat sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schoben. „Und wir standen dazwischen. Eine verlässliche Partnerschaft zwischen Schulen und der Stadt als Schulträger stelle ich mir anders vor“, so der Schulleiter.
Um dem Raummangel trotzdem irgendwie zu begegnen, werden ab dem Schuljahr 2027/28 wieder Container auf dem Gelände des Suso-Gymnasiums stehen. Die Schüler:innen werden ja auf jeden Fall kommen, also muss man sie auch unterbringen. „Wir werden das schon irgendwie hinkriegen, aber ich wünschte mir, dass die Zeit der Provisorien mal ein Ende hätte“, sagt Hartleitner.
Solche Übergangslösungen gehören inzwischen zum Alltag an vielen Schulen. Es wird organisiert, verschoben, angepasst damit der Betrieb weiterläuft. Die Sache ist nur: Wenn maximal halbgute Lösungen zur Dauerlösung werden, dann hat das Folgen. Für den Schulalltag, aber auch für das Vertrauen von Schüler:innen in die Fähigkeit von Staat und Politik, grundlegende Dinge verlässlich zu organisieren.

Kippt die Stimmung unter den Schüler:innen?
Wer wissen will, wie weit diese Zweifel gediehen sind, der sollte unbedingt mit Kilian Hampel reden. Der 31-Jährige ist Sozial- und Politikwissenschaftler und Co-Autor der großen Trendstudie „Jugend in Deutschland“. Ende März wurde eine neue Ausgabe veröffentlicht.
Mit beunruhigenden Ergebnissen: Das Vertrauen in Politik ist bei jungen Menschen sehr gering, die Parteien an den extremen Rändern, also die mit den einfachen Antworten, sind besonders beliebt und es gibt eine politische Spaltung zwischen den Geschlechtern: Mädchen tendieren zur Linkspartei, Jungs zur AfD.
Staatliches Versagen am eigenen Leib spüren
Wenn die Lage jetzt schon so kompliziert ist, wie wirken sich die Mangel-Erfahrungen in der Schule auf das Weltbild der Schüler:innen aus? Naja, sagt Hampel, als Wertschätzung werden sie es kaum verstehen.
Ein Dienstag im April, wir spazieren entlang des Konstanzer Seerheinufers. Hampel, dunkelblond, Schnäuzer, Typ irgendwo zwischen Beach-Volleyballer und Boyband-Mitglied, ordnet ein. „Wenn Schüler:innen das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse von Schulleitung oder Politik nicht gesehen werden, wenn sie erleben, wie Toiletten über Wochen unbenutzbar sind oder es durch das Schuldach reinregnet, dann spüren sie staatliches Versagen ganz unmittelbar.“
Sie lernen den Staat über seine Schwächen kennen. Vertrauen gewinne man so nicht. Eine mögliche Folge: Die Zweifel an der Problemlösungsfähigkeit von Politik steigen.
Deshalb sei es so wichtig, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen lernen, konstruktiv mit Belastungen umzugehen und Zuversicht für ihren Blick auf die Zukunft zu gewinnen. „Funktionierende Infrastruktur in gut ausgestatteten Schulen, in denen Jugendliche bei wichtigen Entscheidungen beteiligt werden, können solche Räume bieten“, sagt er.

Wie politische Glaubwürdigkeit wieder wachsen kann
Die gute Nachricht ist: Die Jugendstudie verrät auch einen Weg aus der Krise. „Politische Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo Problemlösungen erkennbar sind und Mitwirkung real erfahrbar wird“, schreiben die Forscher:innen.
Manchmal funktioniert Politik wie eine einfache Gleichung.
Von alleine löst sie sich deswegen aber nicht.
Diese Recherche wurde ermöglicht durch den Nina Grunenberg Recherche Grant. Schöpflin Stiftung, Wübben Stiftung Bildung und ZEIT Bucerius Stiftung finanzieren diesen Recherche Grant. Das Netzwerk Recherche ist Kooperationspartner und unterstützt die Autor:innen über ein Mentor:innenprogramm in der Recherche.
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