Was Konstanzer Schüler:innen wirklich über ihre Schule denken

Fast jede:r zweite Konstanzer Schüler:in fühlt sich in der Schule machtlos, fast ein Drittel fühlt sich nicht gehört, und den baulichen Zustand ihrer Schulhäuser beurteilen viele kritisch. Eine Befragung von karla zeigt erstmals die Perspektive der Schüler:innen auf die Konstanzer Schullandschaft.
Was sich Konstanzer Schüler:innen vor allem wünschen, ist mehr Mitgestaltung im Schulalltag. | Foto: Canva

Wenn über Schulen gesprochen wird, dann gerät die Perspektive der Schüler:innen allzu oft aus dem Blick. Dabei sind es doch die jungen Menschen, die einen Großteil ihrer Zeit dort verbringen. Untersuchungen zeigen: Schon Grundschüler:innen verbringen im Durchschnitt mehr als 30 Stunden pro Woche in der Schule; Jugendliche nach dem neunten Schuljahr haben eine schulische Arbeitswoche von durchschnittlich 45 Stunden. Deshalb hat uns interessiert, wie Konstanzer Schüler:innen auf den Lern- und Lebensort Schule blicken.

In einer Online-Befragung haben wir sie nach ihrer Einschätzung zum baulichen Zustand ihres Schulgebäudes, zur Qualität der schulischen Lernumgebung sowie zum allgemeinen Wohlbefinden in der Schule befragt. Die Ergebnisse zeigen erstmals umfassend die Perspektive der Konstanzer Schüler:innen auf.

In den nächsten Wochen berichten wir in mehreren Beiträgen über das Thema Schulen im karla magazin. Die geplanten Beiträge sind:

  1. Erst bröckelt die Schule, dann das Vetrauen. Reportage-Feature zum Schulbau am Beispiel der Stadt Konstanz.
  2. Was Konstanzer Schüler:innen wirklich über ihre Schule denken. Die Ergebnisse der Schüler:innen-Begfragung. (7.5.)
  3. Warum funktionierende Schulbauten wesentlich sind für unsere Demokratie. Ein Kommentar. (12.5.)
  4. Warum Schulen Journalismus brauchen. Eine Einordnung. (14.5.)
  5. Und jetzt? Interview mit Bürgermeister Andreas Osner und Bildungs-Amtsleiter Frank Schädler über die Ergebnisse der Schüler:innen-Befragung. (Erscheinungstermin noch offen)
  6. Estland, Finnland, Kanada, Schweiz: Was machen andere Länder besser in der Organisation von Schulbau? Und was könnte Deutschland davon lernen? Ein konstruktiver Blick nach vorne.

Demnach wachsen die Sorgen um psychische Gesundheit ebenso wie die Angst vor Mobbing. Der Leistungsdruck an den Schulen beschäftigt die jungen Menschen offenbar stark. Ein:e Teilnehmer:in der Befragung schrieb:

„Schule ist mehr ein Gefühl von Zwang und Beobachtung als von Konzentration und Lernbereitschaft.“

Die nicht-repräsentative Befragung der Konstanzer Schüler:innen haben wir über vier Wochen im Februar 2026 mittels eines Online-Fragebogens durchgeführt. Insgesamt haben 511 Schüler:innen verschiedener weiterführender Schulen teilgenommen. Die Umfrage erfolgte anonym und umfasste sechs quantitative Fragen auf einer Skala von 1 (sehr schlecht/stimme gar nicht zu) bis 5 (sehr gut/stimme voll zu) sowie mehrere offene Freitextfelder. Zudem wurden Angaben zur Klassenstufe, zur Schulform und zum Geschlecht erhoben.

Statistische Daten zu den Teilnehmer:innen:

Schulform: Die meisten Befragten gaben an, dass sie auf einem Gymnasium (67 %) sind. Weitere beteiligte Schulformen: Gemeinschaftsschule (15 %), Berufliche Schule (12 %), Werkrealschule (3 %), Realschule (1 %), andere (2 %).

Klassenstufen: Teilnehmen konnten alle Schüler:innen der Klassen 5–13. Die meisten Antworten gab es von den Klassenstufen 10–12: 63 % aller Antworten.

Geschlecht: Die Angabe zum Geschlecht war freiwillig. Die Geschlechterverteilung sah demnach so aus: Weiblich (53 %), Männlich 36 %, keine Angabe/divers 11 %

Sehnsucht nach Wertschätzung und funktionierender Infrastruktur

Blickt man auf die weiteren Ergebnisse der Befragung, an der sich 511 Schüler:innen verschiedener Schulformen beteiligt haben, dann zeigt sich sehr klar: Sie sehen den Zustand der Schulhäuser kritisch und wünschen sich deutlich mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten. Konstanzer Schüler:innen erwarten keinen Luxus von ihrer Schule. Aber sie haben ein deutliches Bedürfnis nach Verlässlichkeit, Wertschätzung und einer funktionierenden Grundinfrastruktur in ihrem Schulalltag.

Zentrale Wünsche waren: saubere, nutzbare Toiletten, verlässliches WLAN, funktionsfähige Basistechnik, Reparaturen in angemessener Zeit, ruhige Lernräume für alle Stufen sowie Zugang zu Trinkwasser. Kaputte Wasserspender wurden häufig als Problem genannt.

In dem Online-Fragebogen konnten die Teilnehmer:innen in Freifeldern auch ausführlichere Antworten und persönliche Erfahrungen teilen. Sehr viele Schüler:innen haben diese Möglichkeit genutzt. Hier eine Auswahl

„Es gibt einige Lehrer, die für eine angespannte Stimmung sorgen. Sie gehen unsensibel und unempathisch mit Schülern um und vermitteln einem nicht das Gefühl, dass sie das Beste für jeden Schüler im Sinn haben.“

„Ich fühle meine Bedürfnisse gesehen und gehört. Lehrer sind sehr menschlich und nett und wir haben eine sehr gute Verbindung zu ihnen.“

„Die Benotung ist unfair, die Lehrer sind schlecht, Bedürfnisse muss man hinten anstellen und bei psychischen Problemen wird einem kaum geholfen.“

„Meine Lehrer sind respektvoll und lieb zu mir. Ich habe ein tolles Coaching.“

„Manchen Lehrern sollte man das Recht zu unterrichten entziehen. Rassismus, Sexismus und ein Fick auf langsamere Schüler.“

„Die guten Lehrer sind aber wirklich total engagiert und einfach sympathisch. Die können dann auch gut zuhören.“

„Selbst wenn man sich traut, einem Lehrer zu erzählen, was er ändern könnte, wird man nicht ernst genommen.“

„Die meisten Lehrer sind ziemlich cool, die Schule achtet sehr auf die mentale Gesundheit.“

„Unfaire Lehrer. Komisches Machtgefüge. Man fühlt sich hilflos ausgesetzt. Bedürfnisse sind egal.“

„Die meisten Lehrer sind freundlich und man kann mit ihnen reden bei Problemen.“

Auffällig war: Das stärkste Lob kam überproportional häufig aus der Gemeinschaftsschule und aus jüngeren Jahrgängen (Klasse 5–8).

Besonders kritisch zu sehen ist: Offenbar führt die Kombination aus baulichem Verfall, fehlender Lerninfrastruktur, technischen Defiziten bei gleichzeitig hohem Leistungsanspruch zu einem Gefühl des Missverhältnisses: Es wird viel verlangt, aber wenig bereitgestellt. Dazu passt: Fast 40 Prozent der Befragten sagten, dass ihre Schule kein guter Ort zum Lernen sei.

Trotz allem – die meisten Schüler:innen fühlen sich wohl an ihrer Schule

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Trotz aller Mängel fühlen sich mehr als die Hälfte der befragten Schüler:innen an ihrer Schule wohl oder sehr wohl. Positive Einflussfaktoren sind für sie demnach vor allem Freundschaften und soziale Kontakte in der Schule sowie engagierte und einfühlsame Lehrer:innen.

Allerdings: Auf der anderen Seite der Skala sagt auch jede:r fünfte Befragte, dass er oder sie sich an der Schule nicht oder gar nicht wohlfühlt. Als Gründe hierfür werden genannt: einzelne Lehrkräfte mit unangemessenem Verhalten, hohe Arbeitsbelastung, als unfair empfundene Benotung, Mobbing-Vorfälle und eine unattraktive Schulumgebung als Stimmungsdämpfer.

„Ich hasse es dort, weil es immer nur um cool sein geht und viel gemobbt und ausgeschlossen wird und niemand was dagegen macht.“

„Es geht bei Schule nur noch um gute Noten und die Lehrer machen unnötig Druck – so nimmt es den Schülern nur den Spaß.“

„Hatte lange Probleme mit Mobbing und es hat niemanden interessiert.“

„Die Lehrer geben einem keine Unterstützung. Der Vergleich mit Mitschülern ist groß und es wird mehr von einem erwartet als man die Kapazität dafür hat.“

„Bei psychischen Problemen wird einem kaum geholfen.“

„Kein Verständnis von Lehrern oder dem Direktor für psychische Erkrankungen.“

„Viele Lehrer nehmen auch psychische Krankheiten nicht ernst.“

Je älter die Schüler:innen sind, desto machtloser fühlen sie sich

Bedenklich sind auch zwei andere Befunde der Befragung: Fast jede:r zweite Befragte fühlt sich ohnmächtig in der Schule und glaubt nicht daran, etwas verändern zu können. Gleichzeitig fühlt sich fast ein Drittel der Befragten weder gehört noch ernst genommen in der Schule. Das zeigt, dass es an Konstanzer Schulen offenbar ein strukturelles Partizipationsdefizit gibt.

So schrieb ein:e Teilnehmer:in:

„Schüler:innen werden von Lehrkräften oder der Schulleitung oft auch nach Feedback gefragt. Wenn sie dieses dann bekommen, wird Kritik fast immer abgesprochen, diskutiert oder einfach nicht beachtet.“

Diese Wahrnehmung des Ausgeliefertseins verstärkt sich zudem mit dem Alter: Je älter die Schüler:innen, desto geringer das Gefühl, gehört zu werden. Gleichzeitig haben Oberstufenschüler:innen das geringste Gefühl, etwas verändern zu können. Mehr als jede zweite Person aus der Oberstufe sieht sich in der Lage, kaum Einfluss zu nehmen. Und das ausgerechnet bei der Altersgruppe, der formal mehr Partizipationsrechte zustehen sollten.

„Ich hab im Flugmodus mehr Empfang als in dem WLAN da.“

„Klassenzimmer im Sommer zu warm, Fenster kann man teilweise nicht öffnen.“

„Wenn man angenehm in Ruhe sitzen möchte, geht man zum Bäcker rüber. Alles wirkt alt, heruntergekommen, düster und dreckig.“

„Die Fensterscheiben sind mit Panzertape zugeklebt, weil es nicht mehr schließt – aber wegen Denkmalschutz schwer zu ersetzen.“

„Es ist sanierungsbedürftig.“

„Wir hatten 3 Jahre einen kaputten Beamer.“

„Keine ruhigen Orte zum Lernen, vor allem für Unter- und Mittelstufe.“

„Die Schule hält die Wetterbedingungen nicht aus – wir haben es im Sommer viel zu heiß und im Winter viel zu kalt.“

„Die Technik ist zwar vorhanden, jedoch wissen die Lehrer oft selbst nicht, wie man diese bedient.“

„Die Schul-iPads sind bei fast allen kaputt: sie spinnen, löschen Daten etc.“

„Die Beamer zum Beispiel funktionieren seit Jahren nicht gut. Der Grund sei das fehlende Geld, um die Technik zu erneuern. Doch Handytaschen für Schüler, die 15 Euro pro Person kosten, lassen sich finanzieren.“

„Fast kein Platz, an dem man selbstständig ALLEINE lernen kann – außer in der Bibliothek, in der man andauernd von Lehrern rausgeschmissen wird.“

„Das Suso hat nicht mal einen einzigen Raum zum Lernen.“

„Es gibt keinerlei Aufenthaltsräume für längere Pausen oder Freistunden, man kann sich nur auf den Gängen aufhalten, wo es kalt, laut und ungemütlich ist.“

„Es wäre mega cool, wenn es eine größere Schülerbibliothek gäbe, wo man produktiv lernen kann.“

„Einfach veraltet, dreckig und muss renoviert werden.“

„Es stinkt, wenig Raum und schlechte Qualität.“

„Unterhaltsrückstau, alte Toiletten, ungepflegte Außenanlagen, düster.“

Zusammenhang zwischen dem Gefühl des Gehörtwerdens und der Selbstwirksamkeit

Die Fragen zum Gehörtwerden und eigenen Veränderungsmöglichkeiten sind sowohl in positive als auch negative Richtung miteinander verbunden:

👉 Wer sich gehört fühlt, glaubt eher, etwas verändern zu können.

👉 Wer sich nicht gehört fühlt, zweifelt auch an der eigenen Wirksamkeit.

Konstanzer Schulen haben ein strukturelles Partizipationsdefizit

Die Daten zeigen insgesamt ein strukturelles Partizipationsdefizit: Schüler:innen fühlen sich zwar in Maßen gehört, die empfundene Fähigkeit, tatsächlich etwas verändern zu können, ist jedoch deutlich geringer ausgeprägt. Es gibt offenbar eine auseinandergehende Schere zwischen Gehörtwerden und eigener Handlungswirksamkeit.

Bemerkenswert auch: Mehr als jede:r Fünfte (21,3 %) fühlt sich weder gehört noch in der Lage, etwas zu verändern – eine Gruppe, die in ihrer Schule strukturell abgehängt wirkt. Auch das legt offen, dass es eine große Sehnsucht nach mehr Wertschätzung, Teilhabe und Mitgestaltungsmöglichkeiten unter Konstanzer Schüler:innen gibt.

Gleichzeitig gibt es eine annähernd gleich große Gruppe (19 %), die beides positiv erlebt. Beide Gruppen können für die weitere Schulentwicklung relevant sein: Die erste als dringendstes Handlungsfeld, die zweite als Beleg, dass gute Partizipationskultur möglich ist. Interessant zudem: Offenbar fühlen sich Jungs weniger gehört und sehen sich weniger in der Lage mitzugestalten als Mädchen:

Alle Ergebnisse im Detail: Das sagen Konstanzer Schüler:innen zu…

Schulgebäude und Lernumgebung

Gebäude in mäßigem Zustand: Der bauliche Zustand der Schulgebäude wird von den Befragten insgesamt als mäßig bewertet. Etwa ein Drittel (33 %) vergab eine negative Bewertung, nur 31 % zeigten sich zufrieden. Die größte Gruppe wählte mit 37 % den mittleren Wert und sah Probleme, aber auch Gutes.

Am häufigsten genannte Kritikpunkte in den Freitexten:

  • Schmutz und mangelnde Sauberkeit in Klassenzimmern, Fluren, insbesondere Toiletten
  • Defekte oder dauerhaft abgesperrte Toiletten
  • Veraltete, kaputte oder fehlende Möbel (Stühle, Tische)
  • Zu wenig Sitzmöglichkeiten
  • Kaputte Wasserspender (in mehreren Freitexten als seit Monaten beziehungsweise fast einem Jahr defekt beschrieben)
  • Fehlende oder unzureichende Aufenthaltsbereiche, vor allem in den Pausen
Besonders die Berufsschulen in Konstanz – wie hier die Wessenbergschule – haben bauliche Mängel. Der Neubau der Schulen wird erst in den nächsten Jahren eröffnet. | Foto: Michael Lünstroth

Dauerhaftes Problem seit Jahren – die Situation in den Toiletten. Das sagen die Schüler:innen dazu:

„Die Toiletten sind immer abgeschlossen, dann muss man innerhalb von 5 Minuten durchs halbe Schulhaus laufen, um aufs Klo zu gehen und bekommt dann Ärger von den Lehrern, falls man zu spät komme.“

„Der Großteil unserer Toiletten ist seit Monaten wegen Vandalismus gesperrt.“

„Bei Vandalismus werden die Toiletten komplett gesperrt, sodass teilweise nur eine Toilette pro Geschlecht offen ist.“

„Es stinkt, Toiletten dreckig, oft verstopft, oft keine Seife oder Papier. Heizung kaputt. Spiegel fehlen in 90 % der Klos.“

„Wir haben Hakenkreuze an den Toilettenwänden und Papierhandtücher seit Wochen leer.“

„Öftere Putzeinheiten wäre schön. Wärmeres Wasser wäre sehr wichtig. Regelmäßige Toiletten-Kontrollen z. B. auf Tücher oder Toilettenpapier.“

Nicht überraschend ist folgender Befund: Besonders negativ fiel die Bewertung der Beruflichen Schulen aus, während Schüler:innen der Gemeinschaftsschule ihren Gebäudezustand deutlich positiver einschätzen. Während die Gemeinschaftsschule erst 2016 eröffnet wurde, haben die Beruflichen Schulen (Wessenbergschule und Zeppelin-Gewerbeschule) mit maroden Gebäuden zu kämpfen. Allerdings: Ein neues Berufsschulzentrum wird derzeit gebaut. Ab 2027 sollen die ersten Schüler:innen hier unterrichtet werden, die Fertigstellung des letzten Bauabschnitts dauert allerdings bis 2030. An den alten Schulgebäuden wird deshalb kaum noch etwas investiert. Der Schulträger hier ist der Landkreis Konstanz.

Hier (rechts) ensteht das neue Berufsschulzentrum. Links daneben die Gemeinschaftsschule Gebhard. | Foto: Sophie Tichonenko

Schule als Lernort? Eher nicht

Die Eignung des Schulgebäudes als Lernort wurde noch kritischer bewertet als der Gebäudezustand. Fast 40 Prozent der Befragten stimmten der Aussage „Mein Schulhaus ist ein Ort, an dem ich gut lernen kann“ nicht oder gar nicht zu.

Beispielhaft wurden in den Freifeldantworten unter anderem diese Mängel genannt:

  • fehlende ruhige Rückzugsräume für konzentriertes Arbeiten (besonders für Unter- und Mittelstufe)
  • schlechtes oder kein WLAN für Schüler:innen
  • häufig defekte Technik (Beamer, Projektoren), teils über Monate nicht repariert
  • überfüllte und zu kleine Klassenzimmer
  • Bibliothek oft belegt (zum Beispiel durch VKL-Unterricht) oder laut
  • Kein Zugang zu Lernräumen für alle Jahrgangsstufen
Am Humboldt-Gymnasium fehlen nach Angaben der Schüler:innen vor allem Wasserspender und ruhige Räume. Viele gehen lieber zum Bäcker nebenan, wenn sie lernen wollen. | Foto: Sophie Tichonenko

Trotz aller Mängel fühlen sich viele wohl

Das allgemeine Wohlbefinden fällt im Vergleich zu den anderen Kategorien am positivsten aus. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 %) gaben eine positive Bewertung ab, 20 % äußerten sich negativ.

Positive Einflussfaktoren waren demnach:

  • Freundschaften und soziale Kontakte in der Schule
  • Engagierte und einfühlsame Lehrkräfte
  • Angenehme Atmosphäre im Klassenzimmer

Als belastend wurde wahrgenommen:

  • Einzelne Lehrkräfte mit unangemessenem Verhalten (fehlende Empathie, unangebrachte Kommentare)
  • Hohe Arbeitsbelastung und als unfair empfundene Benotung
  • Mobbing-Vorfälle
  • Schmutzige oder unattraktive Schulumgebung als Stimmungsdämpfer
Schulhof zwischen Grundschule Petershausen und Campus 2 der Gemeinschaftsschule Gebhard. | Foto: Sophie Tichonenko

„Alles dauert sehr lange.“ Vertrauensverlust in die Problemlösungsfähigkeit der Schulen

Mehr als ein Drittel der Befragten (36 %) schätzen die Problemlösungsfähigkeit durch Schulleitung und Lehrer:innen negativ ein. Häufig wurde kritisiert, dass Reparaturen sehr lange dauern oder Beschwerden folgenlos bleiben. Die Diskrepanz zwischen den Anforderungen der Digitalisierung und der tatsächlichen Funktionsfähigkeit erzeugt Frust. Es entsteht das Gefühl von Symbolpolitik statt nachhaltiger Infrastruktur.

Das sagen die Schüler:innen dazu im Originalton:

„Alles dauert immer 1000 Jahre, bis es repariert wird.“

„Sachen, die mich in der 5. Klasse gestört haben, sind jetzt immer noch so.“

„Die Toilette im Erdgeschoss im Neubau ist seit 4–5 Jahren kaputt und es gab sehr oft Beschwerden – nur niemand macht was.“

„Probleme werden angesprochen. Lösungen kommen nicht.“

„Defekte Technik oder Wasserspender funktionieren erst nach mehreren Monaten / ganzen Schuljahren wieder.“

Das wachsende Gefühl von Ohnmacht: Mitgestaltung und Gehörtwerden

Zwei Fragen widmen sich dem Themenfeld Mitgestaltung und Gehörtwerden. Beide Fragen haben verwandte, aber unterschiedliche Dimensionen von Partizipation gemessen: Eine Frage fokussierte das subjektive Erleben des Ernstgenommenwerdens – also darauf, ob Schüler:innen das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse gesehen werden. Die zweite Frage im Feld bezog sich auf die empfundene Handlungswirksamkeit – also darauf, ob Schüler:innen glauben, aktiv etwas verändern zu können.

Auf die Frage, ob sie das Gefühl hätten, dass Schüler:innen an ihrer Schule ernst genommen werden und ihre Bedürfnisse wichtig sind, stimmten mehr als 42 Prozent der Befragten eher oder voll zu. Gleichzeitig verneinten dies fast 29 Prozent der befragten Schüler:innen. Das zeigt, dass bei einer positiven Grundtendenz gleichzeitig ein erheblicher Teil der Schüler:innen sich nicht ausreichend wahrgenommen fühlt.

Die Gemeinschaftsschule schneidet bei der Bewertung der Schüler:innen besser ab. Kein Wunder: Sie wurde erst 2016 eröffnet. | Foto: Michael Lünstroth

Gemeinschaftsschüler:innen fühlen sich mehr gehört

Wertet man die Ergebnisse nach Schulform und Alter aus, ergeben sich neue Einblicke: Das Gefühl des Gehörtwerdens ist an der Gemeinschaftsschule offenbar am größten – fast zwei Drittel der Befragten stimmten dort der These des Ernstgenommenwerdens zu. An den Gymnasien und den beruflichen Schulen liegt der Wert mit rund 38 Prozent deutlich darunter. Einschränkend muss man sagen: An der Umfrage haben deutlich weniger Gemeinschaftsschüler:innen (77) teilgenommen als Gymnasiast:innen (352).

Ältere Schüler:innen fühlen sich weniger ernstgenommen

Ein klares Muster zeigt sich beim Blick auf die Schulstufen: Je älter die Schüler:innen, desto geringer das Gefühl, gehört zu werden. Während in der Unterstufe noch 48,5 Prozent positive Werte angeben, sind es in der Oberstufe nur noch 35,2 Prozent.

Schüler:innen im Originalton

„Schüler werden nicht ernst genommen, egal bei was. Probleme werden angesprochen, aber nicht ernst genommen.“

„Es wird individuell darauf geachtet, wie es den Schüler:innen geht und wie man ihr Schulerlebnis verbessern kann.“

„Selbst wenn man sich traut, einem Lehrer zu erzählen, was er ändern könnte, wird man nicht ernst genommen und man wird ignoriert.“

„Im Suso herrscht ein insgesamt angenehmes Klima. In meiner Wahrnehmung gibt es kaum Mobbing, die Lehrer sind korrekt im Umgang mit den Schülern und werden auch von uns respektiert.“

„Kein Verständnis von Lehrern sowie vom Direktor für jegliche Dinge – z. B. psychische ernste Krankheiten, teilweise Respektlosigkeit gegenüber Schülern und Eltern.“

„Manche Lehrer geben mir das Gefühl, nicht so gut zu sein – deshalb fühle ich mich unwohl.“

„Die meisten Lehrer achten sehr auf die mentale Gesundheit der Schüler, sofern sie offen kommunizieren.“

Die Berchenschule in Konstanz. | Foto: Michael Lünstroth

Mitgestaltungsmöglichkeiten? Fehlanzeige!

Die Frage nach der Handlungswirksamkeit und der Möglichkeit, Schule mitgestalten zu können, legt die Demokratiedefizite an vielen Schulen offen. Fast jeder zweite Befragte sagt demnach, dass er oder sie sich machtlos in der Schule fühlen und glauben, nichts ändern zu können, wenn ihnen etwas nicht gefällt.

Besonders bitter: Je älter die Schüler:innen sind, umso größer ist das Ohnmachtsgefühl. Mehr als jede zweite Person (53,6 %) in der Oberstufe sieht sich kaum in der Lage, Einfluss zu nehmen. Was das für ihr Verhältnis zu Demokratie und Politik bedeutet, lässt sich nur erahnen.

Große Desillusion und Ernüchterung an Beruflichen Schulen

Eine Auswertung nach Schulform eröffnet eine weitere Perspektive: Demnach ist das Ohnmachtsgefühl an den Beruflichen Schulen besonders groß – fast zwei Drittel der Befragten (64,2 %) sagen hier, dass sie kaum oder keine Chancen haben, an ihrer Schule etwas in ihrem Sinne zu verändern.

Zum Vergleich: An der Gemeinschaftsschule liegt der Wert bei knapp 21 Prozent. An den Gymnasien sagen mehr als die Hälfte der Befragten (50,6 %), dass sie sich den Entwicklungen an ihrer Schule ausgeliefert fühlen. Umgekehrt gilt: Die höchste Selbstwirksamkeitsrate (60 %), also die meisten positiven Antworten, erzielte in der Umfrage die Werkrealschule, also die Berchenschule.

Schüler:innen im Originalton

Erfahrungen mit wirkungsloser Beteiligung:

„Schüler:innen werden von Lehrkräften oder der Schulleitung oft nach Feedback gefragt. Wenn sie dieses dann bekommen, wird Kritik fast immer abgesprochen, diskutiert oder einfach nicht beachtet.“

„Die Oberstufen-Assemblies werden pseudomäßig organisiert. Die Probleme werden immer so zurechtgeredet, dass die Schulleitung dann sagt: ‚hm ne, können wir nix machen‘.“

„Es werden viele Dinge gesagt, aber nicht erfüllt. Beispiel: Menstruationsprodukte auf den Mädchentoiletten.“

„SMV wird zu wenig gehört.“

„SMV macht absolut gar nichts für die Wünsche, sondern schlägt Sachen vor, für die niemand gefragt hat.“

„Es wurde bereits ein Antrag für neue Wasserspender gestellt. Dieser wurde nicht wahrgenommen wegen mangelnder finanzieller Möglichkeiten. Dafür wurde aber eine Lampe im 3. Stock eingerichtet, welche viel zu hell ist.“

„Das Landratsamt als Träger der Wessenberg-Schule investiert einfach keinen Cent mehr. Die Schulleitung ist bemüht, aber chancenlos.“

Positive Gegenbeispiele:

„Die SMV ermöglicht uns Schülern viel bei der Gestaltung der Schule beizutragen. Dadurch konnte auch schon viel verändert werden. Unter anderem konnte dadurch das lang erwünschte Schülercafé öffnen.“

„Über die App Aula können wir Anregungen und Verbesserungsvorschläge austauschen.“

Diese Recherche wurde ermöglicht durch den Nina Grunenberg Recherche Grant. Schöpflin Stiftung, Wübben Stiftung Bildung und ZEIT Bucerius Stiftung finanzieren diesen Recherche Grant. Das Netzwerk Recherche ist Kooperationspartner und unterstützt die Autor:innen über ein Mentor:innenprogramm in der Recherche.