Das Foto zeigt die Demo vom Theater und der Philharmonie auf dem Münsterplatz.

Kultur­schutz­gebiet? Wie es beim Theater und der Philharmonie nun weitergeht

Der Gemeinderat hat entschieden: Die Werkstattbühne bleibt erstmal bestehen. Trotzdem muss das Theater einiges sparen, ebenso die Philharmonie. Was heißt das für die Spielstätten? Dazu haben wir mit dem Chefdirigenten Gabriel Venzago und der Intendantin Karin Becker gesprochen. 
Wiebke ist Journalistin aus Leidenschaft. Gemeinsam mit Michael leitet…

Am Tag nach der Entscheidung des Gemeinderats wirken Karin Becker, die Intendantin des Theaters, und Gabriel Venzago, Chefdirigent, erschöpft – das geben sie auch beide zu. Die vergangenen Wochen haben ihre Spuren hinterlassen. „Wir sind keine Sieger, es kann im Moment keine Gewinner geben“, sagt Venzago. Der Gemeinderat hat am Donnerstag gegen größere Einsparungen bei den beiden Kulturhäusern gestimmt.

Trotzdem kommen auf die Südwestdeutsche Philharmonie und auch das Theater Konstanz Einsparungen zu. Trotz seiner Erschöpfung sagt Venzago: „Wir haben jetzt auch einen klaren und realistischen Auftrag, die Philharmonie für unsere Stadt und darüber hinaus modern zu machen.“ Was mitschwingt, ist auch etwas Erleichterung, dass der Gemeinderat sich nicht für noch größere Einsparungen entschieden hat.

Ich habe das Theater und die Philharmonie immer als Orte der Demokratie betitelt, gestern hat auch das Rathaus gezeigt, dass es ein Ort der Demokratie ist“, sagt Intendantin Karin Becker. „Wir haben die beste der schlechten Möglichkeiten bekommen.“

Karin Becker, Intendantin Theater
Gabriel Venzago und Karin Becker. Foto: Wiebke Wetschera

Die finanziellen Zuschüsse der Kultur sind eine freiwillige Ausgabe der Stadt Konstanz. Insgesamt steht der Verwaltung dafür ein Budget von rund 20 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Doch die Lage des Konstanzer Haushalts ist angespannt: Die Stadt hat ein strukturelles Defizit von 15 Millionen Euro. Um diesem entgegenzuwirken, hat die Stadt in den vergangenen Jahren bereits Erhöhungen vorgenommen, wie beispielsweise bei den Kitagebühren, oder die Zuschüsse für Vereine von Sport und Kultur reduziert.

Durch neun Millionen Euro mehr Einnahmen und sechs Millionen weniger Ausgaben soll das Defizit behoben werden. „Für die Stadt ist die Situation natürlich prekär und wir als Theater sind solidarisch und loyal.“, sagt Karin Becker. „Aber wenn es um meinen Betrieb geht, gibt es eine Grenze, über die es nicht hinausgeht.“

Foto: Wiebke Wetschera

Wie geht es beim Theater weiter?

Das Theater bekommt Zuwendungen vom Land und wird von der Stadt bisher mit sieben Millionen Euro pro Jahr unterstützt. Das Theater muss mit dem Beschluss des Gemeinderats nun jährlich rund 300.000 Euro einsparen. Karin Becker hatte sich vor einigen Monaten in einer internen proaktiven Arbeitsgruppe überlegt, wie und wo es sparen kann, und kam dabei auf den Betrag von 227.500 Euro. Dafür wurde im aktuellen Spielplan bereits die Zahl der Produktionen von 22 auf 18 heruntergesetzt.

Nun sind es knapp 70.000 Euro mehr, die das Theater darüber hinaus kürzen muss. „Das ist kein Pappenstiel“, sagt Becker. Wie genau das erreicht werden kann, das müsse in den nächsten Wochen diskutiert werden. „Wenn es um Geld und Arbeitsplätze geht, dann braucht es Ruhe und Zeit für eine gute Entscheidung“, sagt sie. Eins steht aber schon fest: Sie werde versuchen, nicht an weiteren Produktionen zu sparen. Ihr oberstes Ziel, das betont Becker immer wieder, war es: Arbeitsplätze zu retten. Am Theater arbeiten momentan 124 Menschen an 99 Arbeitsplätzen.

Wie geht es bei der Philharmonie weiter?

Die Philharmonie hingegen bekommt bisher drei Millionen Euro von der Stadt sowie zwei Millionen Euro vom Land. Nun soll die Philharmonie nicht nur 60.000 Euro im Jahr einsparen, sondern auch mehr einnehmen. 200.000 Euro insgesamt ist das Ziel – 120.000 Euro durch Projektförderungen, 80.000 Euro durch tatsächliche Mehreinnahmen der Philharmonie. Venzago ist zuversichtlich, dass diese Mehreinnahmen realistisch sind. „Dass wir das schaffen können, das zeigen Zahlen der Philharmonie aus der Vergangenheit“, so Venzago. „Aber mir ist bewusst, dass wir sparen müssen.“ 

Gabriel Venzago.
Foto: Wiebke Wetschera

Bei der Philharmonie gibt es momentan die Sondersituation, dass die Intendanz nach dem Abgang von Insa Pijanka weiterhin unbesetzt ist. Venzago ist eigentlich als Chefdirigent angestellt, musste sich seit seinem Antritt aber auch viel mit Finanzen beschäftigen, wofür sonst die Intendanz zuständig ist. Das hat für den Chefdirigenten zusätzlichen Druck erzeugt. Gleichzeitig sagt er: „Wir Dirigenten, und das habe ich jetzt erfahren, müssen trotz aller Kunstfreiheit lernen und damit umgehen, dass sich Kultur auch sehr viel um Zahlen dreht und das auch sehr spannend sein kann.” Trotzdem freut er sich auf den Tag, an dem es heißt, dass eine neue Intendanz gefunden wurde. Die Ausschreibung soll im November beginnen. Wenn es gut läuft, könnte dann im Herbst 2024 eine neue Intendanz starten. 

„Wir müssen das Vertrauen der Stadt wieder gewinnen. Wir können neue Formate nur etablieren, wenn Menschen uns vertrauen, dass sie bei uns etwas geboten bekommen.“

so Gabriel Venzago.

Er sieht die Philharmonie auf dem richtigen Weg. Die Einsparungen tun zwar weh, aber mit dem Beschluss des Gemeinderats gibt es für die Philharmonie auch einen Zukunftsauftrag. „Der Auftrag ist: Zeigt mal, was ihr könnt, im 21. Jahrhundert“, so der Chefdirigent. Um zukunftsfähig zu werden, setzt der Dirigent vor allem auf den Austausch mit der Stadtgesellschaft und neue Formate, die andere Räume in die Gesellschaft öffnen. Aber: Die Philharmonie ist dabei immer auf passende Veranstaltungsräume angewiesen, die in Konstanz rar sind. „Für uns ist es deshalb nicht so leicht, diese neuen Räume in der Gesellschaft zu entdecken“, so Venzago. 

Werden Kulturbesuche jetzt teurer?

An den Preisen wollen die Philharmonie und das Theater erstmal nicht überdimensioniert schrauben – so zumindest der Plan. Die 25.000 Besucher:innen der Philharmonie pro Jahr sollen sich das weiterhin leisten können. „Ich möchte nicht eine Philharmonie sein, wo die Plätze in der ersten Kategorie 100 Euro kosten“, sagt Venzago.

Karin Becker.
Foto: Wiebke Wetschera

In der Debatte um Eintrittspreise werden die Tickets des Theaters häufig mit jenen für andere Kulturveranstaltungen in Konstanz verglichen – wie die Preise für das Campus Festival oder die für das Konzert der Toten Hosen. „Das kann man nicht vergleichen, weil es völlig andere Angebote sind. Wir als Theater sind das ganze Jahr da und müssen unsere Leute das ganze Jahr bezahlen. Und wir müssen auch dafür sorgen, dass sich die Menschen einen Besuch bei uns mehrmals im Jahr leisten können“, so Becker. Sie wolle mit ihren Preisen allen die Möglichkeit bieten, das Theater zu besuchen. Das ist auch Venzago wichtig: „Wir sind bezuschusst und haben auch die Aufgabe, ein breites Angebot für eine Vielzahl von Leuten anzubieten“, so der Chefdirigent. In der vergangenen Spielzeit gab es beim Theater Konstanz 1040 Veranstaltungen mit rund 84000 Besucher:innen., vor Corona, in der Spielzeit 2018/2019, waren es 104.000.

Gemeinsam statt einsam

Konstanz macht mobil, wenn es um politische Entscheidungen geht. Sportvereine, vor der Entscheidung des Gemeinderats zu Kürzungen der Zuschüsse. Eltern, als die Erhöhung der Kita-Gebühren anstand. Unterstützer:innen des Theaters und der Philharmonie im Vorfeld zur Einspardebatte bei der Kultur. „Wir haben gemerkt, wenn wir uns gegeneinander ausspielen, dann erreichen wir gar nichts“, sagt Venzago. Auch Karin Becker ist es wichtig, hier auf Zusammenarbeit statt Konkurrenz zu setzen:

„In der momentanen Zeit, in der auch viele junge Menschen rechts wählen, darf weder bei der Kultur, noch bei der Bildung oder dem Sport gespart werden. Auch Sport ist ein Ort der Demokratie, wo junge Menschen Teamgeist und auch das Verlieren lernen. Trotzdem ist meine Hauptaufgabe, für mein Theater zu streiten und zu diskutieren.“ 

Karin Becker
Foto: Wiebke Wetschera

Die Solidarität mit dem Theater und der Philharmonie hat es vom Münsterplatz am Montagabend in den Gemeinderat am Donnerstagabend geschafft: Dort waren für die Gemeinderatssitzung zahlreiche Unterstützer:innen der Institutionen erschienen. „Die Krise war zwar eine Chance, aber die Arbeit, die investiert wurde, war ein Marathon. Die Unterstützung in der Stadt ist großartig und diese Solidarität gibt einem auch Energie. Aber diese Energie möchte ich für unsere Kunst einsetzen und nicht für Existenzfragen“, so Venzago.

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