„Schaffen wir es, einen Weg zu finden, der das Miteinander von Mensch und Tier langfristig erlaubt?“

Am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz forscht Barbara Fruth zu Bonobos. Im Interview spricht sie über neue Erkenntnisse aus der Feldforschung, Heilpflanzen, Artenschutz sowie die Grenzen biologischer Erklärungen des menschlichen Verhaltens.
Barbara Fruth bei der Feldforschung: Im Hintergrund sind Bonobos zu sehen, während sie ihre Beobachtungen im Notizbuch festhält. | Foto: LKBP / V. Ammann

Am 1. Oktober 2025 ist die berühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall gestorben, eine Wissenschaftlerin, die durch geduldige Feldforschung und einen neuen Blick auf Tiere die Verhaltensbiologie nachhaltig geprägt hat. Seit ihrer Zeit hat sich das Fach stark gewandelt: Neben langfristigen Beobachtungen stehen heute datengetriebene und technologische Ansätze im Zentrum der Forschung.

Was viele nicht wissen: Konstanz gilt dabei als einer der wichtigen Standorte der modernen Verhaltensbiologie. Mit dem Centre for Visual Computing of Collectives (VCC) verfügt die Universität über eine weltweit einzigartige Forschungsinfrastruktur zur Analyse kollektiven Verhaltens, ergänzt durch ICARUS, ein internationales Projekt, das Tierbewegungen mithilfe satellitengestützter Sender aus dem All erfasst und neue Perspektiven auf Verhalten, Ökologie und Artenschutz eröffnet.

Wie sich klassische Primatenforschung und moderne Fragestellungen heute verbinden lassen, zeigt die Arbeit von Barbara Fruth. Eine Woche nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Konstanzer Konzil spricht die anerkannte Bonobo-Forscherin mit karla. Vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Feldforschung im kongolesischen Regenwald geht es um Jane Goodalls Vermächtnis, um das Sozialverhalten unserer nächsten Verwandten und um die Frage, was Bonobos uns über Gewalt, Fürsorge und Zusammenleben lehren können. Das folgende Interview ist Teil zwei des Ausschnitts aus diesem langen Gespräch.

„Sie hat die ganz wichtigen Dinge hier auf unserem Planeten benannt, ohne zu hetzen“

Das Projekt war darauf ausgelegt, eine Alternative zum Schutz des Regenwaldes zu finden. Die Idee war, durch Heilpflanzen und die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung große Waldareale zu erhalten und eine nachhaltige Sammlung zu ermöglichen, um Extrakte für Medikamente zu verarbeiten. Das war mit der Firma Schwabe in Karlsruhe geplant, die mit Extrakten arbeitet, für die sie Langzeitkollaborationen mit den Ursprungsländern hat.

Die Vision war: Wie kann ich große Areale Regenwald zugunsten des Menschen und seiner Gesundheitsversorgung erhalten? Es ist daran gescheitert, dass ein Gesetz erlassen wurde, wonach für neue Medikamente klinische Studien nötig wurden, die damals 30 Millionen Euro gekostet hätten. Das macht man nicht für Heilpflanzenprodukte, die bei uns für etwa 10 Euro verkauft werden, also ist Schwabe ausgestiegen. Ich habe daraufhin gesagt: Lieber veröffentliche ich die Studie nicht, sonst kommt eine andere Firma, die dann diese Wirkstoffe synthetisiert. Wir haben den Datensatz genutzt, um herauszufinden, wie die Überlappung der Pflanzennutzung zwischen Menschen und Bonobos aussieht.

Interessant war, dass Bonobos die Früchte der Bäume futtern, die Menschen für Heilpflanzen nutzen. Ich hatte aber auch eine Doktorandin, Mélodie Kreyer, die untersucht hat, was Bonobos an Heilpflanzen essen. Das Ergebnis: Bonobos arbeiten dabei eher prophylaktisch als kurativ. Was wir sagen können, ist, dass sie sehr gesund sind. Wenn sie mal krank sind, zeigen sie es kaum. Sie sondern sich kurz ab und kommen zurück, wenn sie wieder gesund sind.

Barbara Fruth (geb. 1964) ist Ökologin und Evolutionsanthropologin. Nach ihrer Promotion an der LMU München arbeitete sie unter anderem in den USA und in England.
„Ich war eher in ökologischen Projekten, mich haben Insekten und Pflanzen interessiert. Ich war sehr stark bei Greenpeace engagiert.“ Erst durch die Begegnung mit Jane Goodall wurde ihr Interesse für die Primatenforschung geweckt.

Der Fokus ihrer Arbeit liegt heute auf der Sozioökologie von Bonobos. Sie engagiert sich außerdem für den Schutz des Regenwalds in der Demokratischen Republik Kongo und gründete 2011 gemeinsam mit anderen den gemeinnützigen Verein „Bonobo Alive“.

Seit 2021 arbeitet sie am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz. Für ihr Engagement erhielt sie am 24. Oktober 2025 das Bundesverdienstkreuz. Ausgezeichnet wurde dabei ihr langjähriges Gesamtwirken: die Arbeit im Verein Bonobo Alive, ein Heilpflanzenprojekt mit Fokus auf nachhaltige Nutzung und gerechtes Benefitsharing, ihre wissenschaftlichen Arbeiten sowie ihr kontinuierliches Engagement mit und für die lokale Bevölkerung im kongolesischen Regenwald.

Letzteres, gerade bei Männchen, weil das ja dann sehr angreifbar macht.

Ja, das ist die Chance für den Beta oder Gamma, zu sagen: Jetzt haue ich dem mal eins auf die Mütze, und dann kann sich das Blatt wenden.

„Interessant war, dass Bonobos die Früchte der Bäume futtern, die Menschen für Heilpflanzen nutzen.“

Barbara Fruth

Es ist berechtigt, Rückschlüsse zu ziehen, wir haben ja einen gemeinsamen Vorfahren. Wenn wir sehen, welche Umwelteinflüsse Verhaltensweisen prägen, können wir sagen: So ähnlich könnte es bei uns gelaufen sein. Dafür wollen wir ja diese analogen Modelle von lebenden, nahen Verwandten.

Beim Biologismus müssen wir vorsichtig sein. Ich kann nicht sagen: Wenn Bonobos Kriege führen, weil das Territorium zu eng ist, steckt das in unseren Genen. Wir Menschen haben einen Evolutionsschritt gemacht. Wir haben Verträge, gesellschaftliches Miteinander, wir haben viele Möglichkeiten, die Bonobos oder Schimpansen nicht haben. Wir haben die Wahl.

Menschen produzieren Nahrungsmittel für ein Vielfaches der Bevölkerung und schmeißen täglich Tonnen davon weg. Wenn wir sinnvoller handeln würden, wenn wir vielleicht nicht mehr als 80 Milliarden Nutztiere ernähren würden, könnten wir vielleicht 12 Milliarden Menschen ernähren und hätten viele Probleme nicht. Wir haben eine genetische Prädisposition, aber wir sind weiter, wir können anders damit umgehen.

Bonobos und Schimpansen sind die beiden Menschenaffenarten, die dem Menschen genetisch am nächsten stehen: Rund 98,7 Prozent ihres Erbguts stimmen mit dem des Menschen überein. Bonobos und Schimpansen trennten sich vor etwa ein bis zwei Millionen Jahren. Der gemeinsame Vorfahr von Mensch, Bonobo und Schimpanse lebte vor rund fünf bis sechs Millionen Jahren. Trotz ihrer engen Verwandtschaft unterscheiden sich ihr Sozialverhalten und ihre Konfliktstrategien deutlich: Bonobos gelten als besonders kooperativ und friedlich, Schimpansen hingegen als stärker hierarchisch und territorial.

Die Beobachtung, dass sich Schimpansen-Gruppen gegenseitig bekämpfen, schockierte Jane Goodall zutiefst: „Ich dachte, Schimpansen seien uns so ähnlich, aber netter. Aber sie haben eine dunkle und aggressive Seite, genau wie wir, und sie sind fähig zu Gewalt, Brutalität, Töten und einer Art von primitivem Krieg.“

Die Unterschiede im Verhalten von Schimpansen und Bonobos wurden lange über ihre sozialen Strukturen erklärt: patriarchale Koalitionen bei Schimpansen, enge Zusammenarbeit unter den Weibchen bei Bonobos. Heute gilt diese Sicht als verkürzt. Viele Verhaltensbiolog:innen sehen die entscheidende Ursache in den ökologischen Bedingungen: Bonobos leben südlich des Kongoflusses in Regionen mit geringerer Nahrungskonkurrenz, in denen das kooperative Verhalten zwischen den Tieren begünstigt wird und Konflikte weniger eskalieren.

Barabara Fruth engagiert sich für den Schutz des Regenwalds in der Demokratischen Republik Kongo und gründete 2011 gemeinsam mit anderen den gemeinnützigen Verein „Bonobo Alive“. | Foto: LKBP / V. Ammann

Finde ich interessant, weil sie mir mal gesagt hat: Wenn sie eine Sache bedauert, dann, dass sie keine gute Mutter für ihren Sohn war. Weil er in den Käfig gekommen ist, als er in Gombe war, damit die Schimpansen ihn nicht zerreißen.

Ich bin ja auch Mutter mehrerer Kinder, und die Bonobo-Weibchen, mit ihrer unendlichen Geduld, haben mich immer beeindruckt. Das ist etwas, was wir in unserer Gesellschaft so gar nicht kennen. Es hängt bestimmt auch damit zusammen, dass wir nicht den ganzen Tag nur mit unseren Kindern herumziehen und nach Früchten suchen, sondern auch noch einen Beruf oder Termine haben.

Jane Goodall (1934-2025) war eine britische Verhaltensforscherin, die 1960 begann, das Verhalten von Schimpansen in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Ursprünglich arbeitete sie als Sekretärin von Louis Leakey, dem Direktor des Nairobi National Museums, der sie als eine von drei Frauen für die Primatenforschung auswählte. Ihre langjährigen Feldstudien dokumentierten erstmals Werkzeuggebrauch, komplexe soziale Strukturen und individuelles Verhalten bei Schimpansen und legten damit den Grundstein für die moderne Primatenforschung.

Durch die Dokumentarfilme ihres damaligen Partners Hugo van Lawick, sowie durch ihre eigenen Bücher, machte sie die Primatenforschung einem breiten Publikum zugänglich. Später konzentrierte sie sich zunehmend auf den Tier-, und Naturschutz und setzte sich international und auf verschiedneen politischen Ebenen für einen ethischen Umgang mit Tieren ein.
Sie gründete das internationale Bildungs- und Naturschutzprogramm Roots & Shoots und war als UN-Friedensbotschafterin aktiv. Für ihr Wirken erhielt sie zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter über 20 Ehrendoktorwürden.

Die Bonobos haben ein sehr kleines Verbreitungsgebiet, nur südlich des Kongo-Flusses. Früher gab es dort intakten Regenwald, aber die menschliche Bevölkerung wächst, der Bedarf an Land für Subsistenzwirtschaft wächst, die Brandrodung vernichtet große Teile des Waldes und damit auch
Bonobo-Habitat. Hinzu kommt die Wilderei. Es ist immer noch so, dass es Wilderer meist nicht auf Bonobos abgesehen haben, aber wenn sie welche sehen und Waffen haben, wird schnell mal eine Untergruppe abgeschossen, einfach weil jeder Bonobo ein großes Stück Fleisch ist.

Die dritte und am wenigsten erforschte Bedrohung sind die zoonotischen Krankheiten. Dadurch, dass Bonobos und Menschen immer näher zusammenrücken, ist das Risiko der Übertragung von Krankheiten groß. Bonobos sind hochsensibel, was respiratorische Krankheiten angeht, und alles, was von Menschen kommt, kann dafür sorgen, dass sie daran sterben.

„Beim Biologismus müssen wir vorsichtig sein. Ich kann nicht sagen: Wenn Bonobos Kriege führen, weil das Territorium zu eng ist, steckt das in unseren Genen. “

Barbara Fruth
Seit 2021 arbeitet Barbara Fruth am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz. Für ihre Forschung und ihr Engagement erhielt sie im Oktober 2025 das Bundesverdienstkreuz, überreicht vom Konstanzer Oberbuürgermeister Uli Burchardt.| Foto: zVg

Ich kann Bonobos und deren Habitat nur schützen, wenn das auch für die Menschen passt, die vor Ort in diesem System leben. Der Bonobo ist dabei unsere Galionsfigur, die die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und hilft, zahlreiche weniger populäre Arten sowie den gemeinsamen Lebensraum zu schützen.

Die Schwierigkeiten sind die wachsende Bevölkerung und die wachsenden Bedürfnisse. Die traditionelle Nutzung des Waldes reicht dafür nicht mehr aus. Durch veränderte Jagdmethoden, bessere Infrastruktur und Nachfrage aus Städten ist Wildfleisch ein Cash-Crop (eine Ware, mit der viel Profit gemacht werden kann1) geworden. Das Bedürfnis ist groß, zusätzlich zur traditionellen Subsistenzwirtschaft schnell Geld zu verdienen, etwa für Bildung, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur. Das ist alles verständlich. Die Frage ist: Schaffen wir es, einen Weg zu finden, der die lokale Bevölkerung zufriedenstellt und das Miteinander von Mensch und Tier langfristig ermöglicht?

Ich habe Ideen, die nicht sehr konventionell sind. Es gibt das Bestreben der jüngeren Generation, eine Ausbildung zu machen und aus den Heimatdörfern wegzugehen. Wenn man Finanzierungen findet, die ermöglichen, dass sie ihre Ausbildungen woanders absolvieren und sich woanders niederlassen können, dann könnte dieser Bereich um den Nationalpark eine Pufferzone sein, in der Menschen, die das wollen, traditionell leben, mit Grundbildung und Gesundheitsversorgung. Ich glaube, das ist momentan die einzige Chance, einen breiten Gürtel um den Nationalpark zu ermöglichen, in dem der Bedarf der Menschen aus dem Wald gedeckt wird, ohne den Park zu zerstören. Durch unseren gemeinnützigen Verein „Bonobo Alive“ kompensieren wir finanziell, bauen Schulen, bezahlen Lehrer und unterstützen Ausbildungen. Aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir können natürlich nicht alle Dörfer anstellen; wir sind das einzige zahlende Projekt in einem Umkreis von 500 Kilometern.

Dort, wo die Infrastruktur schlecht ist, sind Arten geschützt. Das gilt auch für den Nationalpark. Der ist nicht überall gut geschützt, weil es breite Flussläufe und ein paar Straßen gibt, aber dort, wo wir sind, ist die Infrastruktur so schlecht, dass der Wald noch relativ gut geschützt ist. Ein Problem sind Wilderer, die mit Fahrrädern kommen und Räucherfleisch rausbringen. Wenn die Umweltbehörde keine Patrouillen stellt, wird auch im Park gewildert. Die sind unterbesetzt und seit Trump die USAID gestrichen hat (die USAID wurde am 01.07.2025 beendet2), auch unterfinanziert. Damit fallen viele Schutzmaßnahmen weg.

Es hat massive Auswirkungen. Ich kann als Max-Plancklerin keine DFG-Mittel (Deutsche Forschungsgemeinschaft, Einrichtung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung3) beantragen, und bin auf andere Drittmittel angewiesen, da das Projekt durch die verfügbaren Mittel nicht stemmbar ist. Über das Exzellenzcluster konnte ich bisher aus dem DFG-Topf signifikante Mittel beantragen, und das Projekt in eine neue Richtung bringen. Dass das jetzt weg ist, trifft mich persönlich.

Nein, das ist unabhängig. Ich habe hier meine erste feste Stelle in Deutschland und bin sehr glücklich. Das Projekt bekam so wieder einen Platz unter dem Dach der Max-Planck-Gesellschaft. Und die Zusammenarbeit mit der Uni hat es sehr gefördert. Für mich war das ein toller Einstieg in das Miteinander von Max-Planck und Uni.

Bei meinem Projekt funktioniert es sehr gut. Ich habe gehört, dass viele andere das nicht so machen, aber für mich war es inspirierend, biologische Ökonomen und Psychologen mit ins Projekt nehmen zu können. Genau das mache ich gern.

Ich bin begeistert, wie viel hier gut läuft. Das öffentliche Verkehrssystem ist fantastisch. Ich mag die kleinräumige Landwirtschaft mit Streuobstwiesen, die vielen engagierten Vereine und das Ziel Klimaneutralität bis 2035. Sorgen macht mir, dass Erdbeerzucht auf Plastik stattfindet, was zu Mikroplastik wird, das ins Trinkwasser gelangt.

Bei ökologischer Landwirtschaft könnte man mehr machen, wir haben etwa zwölf Prozent im Bodenseekreis (gerechnet auf die landwirtschaftlich genutzte Fläche)4 – da geht noch was. Auch beim Verkehr: Warum so viele SUVs, warum ein neues Parkhaus, wenn das Bussystem so gut ist? Da könnte man anders denken. Das ist Kritik auf hohem Niveau. Und die Essensverschwendung betrifft ja nicht nur Konstanz. Meine Kinder machen Dumpster Diving und Food-Sharing. Das ist super, aber da kann man sicher noch mehr machen.

„Die Zusammenarbeit mit der Uni Konstanz hat mein Projekt sehr gefördert. Für mich war das ein toller Einstieg in das Miteinander von Max-Planck und Uni.“

Barbara Fruth

Im ersten Teil des Interviews spricht Barbara Fruth über Jane Goodalls Vermächtnis, über unterschiedliche Forschungsansätze in der Primatenforschung und darüber, was Bonobos über das Bild unserer nächsten Verwandten zeigen.


  1. Anmerkung der Redaktion ↩︎
  2. Anmerkung der Redaktion ↩︎
  3. Anmerkung der Redaktion ↩︎
  4. Anmerkung der Redaktion ↩︎