„Sie hat die ganz wichtigen Dinge hier auf unserem Planeten benannt, ohne zu hetzen“

Jane Goodall hat die Primatenforschung geprägt wie kaum eine andere. Im Interview spricht Barbara Fruth vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz über Goodalls Vermächtnis, ihre eigene Forschung zu Bonobos und darüber, wie Forscher:innen heute anders arbeiten.
Gruppenfoto der Wenner Gren Conference „The Great Apes Revisited“ in Cabo San Lucas, Mexiko, im November 1994. An der Konferenz nahmen auch Jane Goodall (3. v. l.) und Barbara Fruth (vierte Person rechts von ihr) teil. | Foto: zVg

Am 1. Oktober 2025 ist die berühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall gestorben, eine Wissenschaftlerin, die durch geduldige Feldforschung und einen neuen Blick auf Tiere die Verhaltensbiologie nachhaltig geprägt hat. Seit ihrer Zeit hat sich das Fach stark gewandelt: Neben langfristigen Beobachtungen stehen heute datengetriebene und technologische Ansätze im Zentrum der Forschung.

Was viele nicht wissen: Konstanz gilt dabei als einer der wichtigen Standorte der modernen Verhaltensbiologie. Mit dem Centre for Visual Computing of Collectives (VCC) verfügt die Universität über eine weltweit einzigartige Forschungsinfrastruktur zur Analyse kollektiven Verhaltens, ergänzt durch ICARUS, ein internationales Projekt, das Tierbewegungen mithilfe satellitengestützter Sender aus dem All erfasst und neue Perspektiven auf Verhalten, Ökologie und Artenschutz eröffnet.

Wie sich klassische Primatenforschung und moderne Fragestellungen heute verbinden lassen, zeigt die Arbeit von Barbara Fruth. Eine Woche nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Konstanzer Konzil spricht die anerkannte Bonobo-Forscherin mit karla. Vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Feldforschung im kongolesischen Regenwald geht es um Jane Goodalls Vermächtnis, um das Sozialverhalten unserer nächsten Verwandten und um die Frage, was Bonobos uns über Gewalt, Fürsorge und Zusammenleben lehren können. Das folgende Interview ist ein Ausschnitt aus diesem langen Gespräch.

„Wir wollen neutrale Beobachter sein und, wenn ein Individuum Kontakt aufnehmen möchte, versuchen wir, das ganz aktiv zu unterbinden“, sagt Barbara Fruth über die Erforschung von Bonobos. | Foto: LKBP / V. Ammann

Barbara Fruth (geb. 1964) ist Ökologin und Evolutionsanthropologin. Nach ihrer Promotion an der LMU München arbeitete sie unter anderem in den USA und in England.
„Ich war eher in ökologischen Projekten, mich haben Insekten und Pflanzen interessiert. Ich war sehr stark bei Greenpeace engagiert.“ Erst durch die Begegnung mit Jane Goodall wurde ihr Interesse für die Primatenforschung geweckt.

Der Fokus ihrer Arbeit liegt heute auf der Sozioökologie von Bonobos. Sie engagiert sich außerdem für den Schutz des Regenwalds in der Demokratischen Republik Kongo und gründete 2011 gemeinsam mit anderen den gemeinnützigen Verein „Bonobo Alive“.

Seit 2021 arbeitet sie am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz. Für ihr Engagement erhielt sie am 24. Oktober 2025 das Bundesverdienstkreuz. Ausgezeichnet wurde dabei ihr langjähriges Gesamtwirken: die Arbeit im Verein Bonobo Alive, ein Heilpflanzenprojekt mit Fokus auf nachhaltige Nutzung und gerechtes Benefitsharing, ihre wissenschaftlichen Arbeiten sowie ihr kontinuierliches Engagement mit und für die lokale Bevölkerung im kongolesischen Regenwald.

Ja, meine erste Begegnung war 1986 in München. Da hat sie die Ehrendoktorwürde der Uni München erhalten. Ich wusste vorher nicht viel von ihr. Ihr Vortrag hat mich begeistert. Ich dachte, wow, das wäre auch was für mich, da könnte ich mich genauso gut engagieren.

Sie hatte eine ganz ruhige Ausstrahlung und war, obwohl sie sehr wesentliche Themen angesprochen hat, in ihrer britischen Art unheimlich höflich, präzise, nicht fanatisch. Sie hat die ganz wichtigen Dinge hier auf unserem Planeten benannt, ohne zu hetzen. Das ist etwas, was so selten geworden ist.

„Jane Goodall hat die ganz wichtigen Dinge hier auf unserem Planeten benannt, ohne zu hetzen. Das ist etwas, was so selten geworden ist.“

Barbara Fruth

Unsere Bonobos haben auch Namen, wir verfolgen die Lebensgeschichten der einzelnen Individuen und fiebern oder leiden mit. Wenn eine Mutter ihr Kind verliert, Brutalität zu sehen ist oder ein Individuum eine offensichtlich ziemlich heftige Verletzung hat, dann empfindet man Empathie. Aber der Unterschied zu den früheren Beobachtungen besteht darin, dass ich nie eingreifen würde. Ich beobachte das und kann es aushalten, keinen Veterinär zu holen. Es ist für mich ein Studienobjekt, das sein Leben lebt, unabhängig von meinem Leben.

Wir wollen neutrale Beobachter sein und versuchen, wenn ein Individuum Kontakt aufnehmen möchte, das ganz aktiv zu unterbinden. Bisher sind wir damit auch sehr gut gefahren. Obwohl wir schon so lange (seit 20021) beobachten, sind wir immer noch nicht belästigt worden, wie es etwa bei Jane Goodall in Gombe der Fall war. Da gibt es diese Individuen, die Goodall schon als Kind auf dem Schoß hatte. Sie haben den Forscherinnen und Forschern später die Hölle heiß gemacht, weil sie wussten, dass sie mit ihnen umspringen können.

Außerdem haben wir nicht die gleiche Stärke wie diese Tiere und ich möchte in meinem Studiengebiet nicht, dass die Bonobos merken, wie schwach wir Menschen eigentlich sind.

Jane Goodall (1934-2025) war eine britische Verhaltensforscherin, die 1960 begann, das Verhalten von Schimpansen in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Ursprünglich arbeitete sie als Sekretärin von Louis Leakey, dem Direktor des Nairobi National Museums, der sie als eine von drei Frauen für die Primatenforschung auswählte. Ihre langjährigen Feldstudien dokumentierten erstmals Werkzeuggebrauch, komplexe soziale Strukturen und individuelles Verhalten bei Schimpansen und legten damit den Grundstein für die moderne Primatenforschung.

Durch die Dokumentarfilme ihres damaligen Partners Hugo van Lawick, sowie durch ihre eigenen Bücher, machte sie die Primatenforschung einem breiten Publikum zugänglich. Später konzentrierte sie sich zunehmend auf den Tier-, und Naturschutz und setzte sich international und auf verschiedneen politischen Ebenen für einen ethischen Umgang mit Tieren ein.
Sie gründete das internationale Bildungs- und Naturschutzprogramm Roots & Shoots und war als UN-Friedensbotschafterin aktiv. Für ihr Wirken erhielt sie zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter über 20 Ehrendoktorwürden.

Die Forschung zeigt: Bonobos weisen eine Verhaltensplastizität, von super friedlich bis super aggressiv auf. | Foto: LKBP / Ch. Ziegler

Wir würden das heute so nicht machen. Wenn wir herausfinden wollen, welche Strategien in so einer Gesellschaft entwickelt werden, dann ist neutrales Beobachten aus der Distanz das Einzige, was uns diese Ergebnisse liefert. Aber das kann man ihr überhaupt nicht ankreiden; sie war ja die Erste, die solche Studien durchgeführt hat.

Früher haben sich die Männer mit einer Flinte in einen Eisenkäfig setzen lassen, wenn sie Gorillas beobachten wollten, damit sie ja nicht angegriffen werden und die Möglichkeit hatten, zu schießen. Und dann hat man die Tiere, statt sie zu beobachten, erschossen, weil man den Mageninhalt untersuchen oder sie vermessen wollte. Aber Jane Goodall ist so, wie sie war, mit ihrem Fernglas den Tieren gefolgt und war frustriert, weil die Schimpansen immer weggerannt sind. Klar, dass man da irgendwann mal überlegt: Wie kann ich diese Individuen davon überzeugen, dass ich ihnen nichts tue? Und dann denkt man natürlich an Futter. Das Zufüttern ist eine Sache, die man sehr stark kritisieren kann, weil es ein gravierender Einschnitt in die Ökologie ist.

Ich sage immer: Was jemand kann, zählt. Ich weiß nicht, wen es jucken würde, dass sie keine akademische Karriere hatte. Für sie war das eine Chance, einen Kindheitstraum zu verwirklichen. Und sie hatte diese super Mutter, die gesagt hat: „Kind, du kannst da nicht alleine hin, ich komme mit.“

Cambridge hatte wohl sehr lange ein Problem damit, dass jemand, der nicht mal einen Bachelor hatte, plötzlich Wissenschaft macht. Diese Universität muss sich anlässlich der ersten Publikation Jane Goodalls (1963, My Life with the Chimpanzees) die populärwissenschaftlich geschrieben war, sehr pikiert geäußert haben. Jane Goodall hat dann allen in Cambridge bewiesen, dass sie Wissenschaft kann, und dort promoviert.

Ihr Buch „Chimpanzees of Gombe“ war der Beweis dafür, dass diese Art der Forschung gesellschaftsfähig geworden war. In meiner Generation hat das sicher viele Leute inspiriert.

Bonobos und Schimpansen sind die beiden Menschenaffenarten, die dem Menschen genetisch am nächsten stehen: Rund 98,7 Prozent ihres Erbguts stimmen mit dem des Menschen überein. Bonobos und Schimpansen trennten sich vor etwa ein bis zwei Millionen Jahren. Der gemeinsame Vorfahr von Mensch, Bonobo und Schimpanse lebte vor rund fünf bis sechs Millionen Jahren. Trotz ihrer engen Verwandtschaft unterscheiden sich ihr Sozialverhalten und ihre Konfliktstrategien deutlich: Bonobos gelten als besonders kooperativ und friedlich, Schimpansen hingegen als stärker hierarchisch und territorial.

Die Beobachtung, dass sich Schimpansen-Gruppen gegenseitig bekämpfen, schockierte Jane Goodall zutiefst: „Ich dachte, Schimpansen seien uns so ähnlich, aber netter. Aber sie haben eine dunkle und aggressive Seite, genau wie wir, und sie sind fähig zu Gewalt, Brutalität, Töten und einer Art von primitivem Krieg.“

Die Unterschiede im Verhalten von Schimpansen und Bonobos wurden lange über ihre sozialen Strukturen erklärt: patriarchale Koalitionen bei Schimpansen, enge Zusammenarbeit der Weibchen bei Bonobos. Heute gilt diese Sicht als verkürzt. Viele Verhaltensbiolog:innen sehen die entscheidende Ursache in den ökologischen Bedingungen: Bonobos leben südlich des Kongoflusses in Regionen mit geringerer Nahrungskonkurrenz, eine Umgebung, die das kooperative Verhalten zwischen den Tieren begünstigt und Konflikte weniger eskalieren lässt.

„Ich sage immer: Was jemand kann, zählt. Ich weiß nicht, wen es jucken würde, dass Jane Goodall keine akademische Karriere hatte.“

Barbara Fruth

Durch die Forschung des niederländischen Ethnologen Frans de Waal an im Zoo von San Diego lebenden Bonobos, kam das Bild vom Hippie-Forscher aus dem Regenwald auf. Bis dahin kannte man die Bonobos eigentlich nicht. Dann kam die Frage auf, wie Bonobos und Schimpansen so unterschiedlich sein können, wenn sie so nah miteinander verwandt sind. Was wir herausgefunden haben, war eine Ergänzung zu den Schimpansen, weil wir viele Dinge von diesem Super-Hippie korrigieren und zeigen konnten, dass es tatsächlich erstaunliche Gegensätze zu den Schimpansen gibt.

Bonobos waren auch in unserem Studiengebiet sehr lange sehr friedliche Gesellen. Wir stellen erst jetzt fest, dass sie auch zu Gewalt fähig sind. Es ist nicht diese taktische Kriegsführung, die wir aus den Gombekriegen (eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Schimpansen-Gruppen 1974–19782) kennen, da sind wir noch nicht.

Aber wir sehen eine immense Verhaltensplastizität, von super friedlich bis super aggressiv. Das ist ein Kontinuum, auf dem die Schimpansen etwas weiter in Richtung Brutalität und die Bonobos etwas weiter in Richtung Friedfertigkeit liegen. Aber es gibt auch eine große Überlappung. Ich glaube, diese Verhaltensplastizität ist eines der Haupterkenntnisse aus unserer Forschung, die verhindert, dass wir dieses Schwarz-Weiß-Bild befeuern.

Dieses Jahr hat meine Doktorandin, Kathrine Stewart, ihre Arbeit beendet, in der sie sich die Konflikte zwischen den Gruppen angesehen hat. Eine große Hypothese war, dass das Futterangebot dazu beiträgt. Die eine Gruppe hatte sich in kurzer Zeit verdoppelt, weil sie viele Immigranten bekommen hatte und viele Weibchen Kinder bekommen hatten. Alleine durch diese Verdopplung der Individuen auf gleichem Raum war klar: Da muss expandiert werden. Diese Auseinandersetzungen verlaufen immer wieder gewalttätig. Also eigentlich der Klassiker, den wir ja auch als Auslöser unserer menschlichen Kriegsführung sehen.

Was wir nicht gemessen haben, wovon ich aber überzeugt bin, dass es mit hineinspielt, ist die Nahrungsveränderung durch den Klimawandel. Der Klimawandel beeinträchtigt wahrscheinlich die Fruchtqualität. Dadurch wird die Nahrungskonkurrenz zusätzlich erhöht.

„Bonobos waren auch in unserem Studiengebiet sehr lange sehr friedliche Gesellen, wir stellen erst jetzt fest, dass sie auch zu Gewalt fähig sind. „

Barbara Fruth

Im zweiten Teil des Interviews geht es um aktuelle Projekte, neue Erkenntnisse aus der Bonobo-Forschung sowie die Herausforderungen des Artenschutzes.



  1. Anmerkung der Redaktion ↩︎
  2. Anmerkung der Redaktion ↩︎