Die Antwort auf die Frage, wie Klassenzimmer heute aussehen sollten, kann sich jede:r leicht selbst geben. Man muss sich nur überlegen: In welchen Räumen fühle ich mich selbst wohl? Welche Umgebung brauche ich, um inspiriert, konzentriert und gleichzeitig entspannt sein zu können? Niemand würde da auf die Idee kommen zu sagen: Düstere, stickige, triste Räume mit kaputten Fenstern und unbequemen Stühlen – da blühe ich auf.
Einfach nochmal zur Erinnerung – Schule ist der Ort, an dem Kinder und Jugendliche die meiste Zeit verbringen. Untersuchungen zeigen: Schon Grundschüler verbringen im Durchschnitt mehr als 30 Stunden pro Woche in der Schule, Jugendliche nach dem neunten Schuljahr haben eine schulische Arbeitswoche von durchschnittlich 45 Stunden. Dem gegenüber stehen nur 18 Stunden, die Kinder im Durchschnitt mit ihrer Familie verbringen. Natürlich müssen Schulen da auch Wohlfühlorte sein.
Falls noch Argumente gebraucht werden: Wissenschaftler:innen sagen: Kinder in schlecht ausgestatteten Schulen mit hohen CO2-Werten, schlechter Akustik und unzureichender Beleuchtung werden systematisch benachteiligt – ihre Lernleistung wird messbar reduziert.
In den nächsten Wochen berichten wir in mehreren Beiträgen über das Thema Schulen im karla magazin. Die geplanten Beiträge sind:
Warum funktionierende Schulbauten wesentlich sind für unsere Demokratie. Ein Kommentar. (12.5.)
Warum Schulen Journalismus brauchen. Eine Einordnung. (14.5.)
Und jetzt? Interview mit Bürgermeister Andreas Osner und Bildungs-Amtsleiter Frank Schädler über die Ergebnisse der Schüler:innen-Befragung. (Erscheinungstermin noch offen)
Estland, Finnland, Kanada, Schweiz: Was machen andere Länder besser in der Organisation von Schulbau? Und was könnte Deutschland davon lernen? Ein konstruktiver Blick nach vorne.

40 Prozent sagen: Meine Schule ist kein guter Lernort
Junge Menschen sollten Schule als großen Möglichkeitsraum erleben, als einen Ort, an dem sie sich selbst und das Miteinander in der Gesellschaft entdecken können. Schulen sollten immer die bestmögliche Version von Leben aufzeigen. Aktuell ist der Alltag vieler Schüler:innen aber eher davon geprägt: kaputte Toiletten, nicht funktionierende Technik und marode Räume. Das zeigen auch die Ergebnisse der Konstanzer Schüler:innen-Befragung. 40 Prozent sagten da, ihre Schule sei kein guter Lernort, ein Drittel gab an, dass der Zustand ihrer Schule schlecht sei.
Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) dokumentiert seit Jahren den Investitionsstau im Schulbau. Zuletzt war er bundesweit auf 68 Milliarden Euro gestiegen. Dabei gilt laut KfW: Ein modernes, funktionstüchtiges Schulgebäude ist eine wesentliche Voraussetzung für ein leistungsfähiges Bildungssystem. Und damit auch für den Bildungserfolg junger Menschen.
Eine funktionierende Infrastruktur ist zudem ein Mittel gegen Bildungsungerechtigkeit: Studien belegen, dass positive Schulerfahrung die negativen Wirkungen des Aufwachsens in Armut auf das Wohlbefinden mehr als ausgleichen kann. Umgekehrt gilt: Wer auch in Schulen nur Defizite erlebt, wird abgehängt bleiben.

Wer früh das Scheitern des Staates erlebt, bleibt skeptisch gegenüber Demokratie
Das ist ein Problem für jeden einzelnen Schüler, es ist aber ein Problem für unsere Gesellschaft und die Demokratie. Denn: Wenn junge Menschen in ihrem Alltag ständig mit kaputten Toiletten, nicht funktionierender Technik und maroden Räumen konfrontiert sind, werden sie das nicht gerade als Wertschätzung erleben. Diese Nicht-Wertschätzung wird sich früher oder später auch auf ihre Haltung zu Staat und Demokratie auswirken. Auch deshalb, weil Schulen jene Orte sind, an denen vieles zum ersten Mal passiert. Und erste Male vergisst man nicht so schnell. In dem Fall zum Beispiel auch die Begegnung mit dem Staat.
Kinder und Jugendliche, die täglich erleben, dass der Staat „es nicht hinbekommt“, entwickeln von Beginn an ein skeptisches Verhältnis zu demokratischen Institutionen. Schulen sind die sichtbarste Form staatlicher Daseinsvorsorge. Gelingt es dem Staat nicht, Kindern angemessene Lernbedingungen zu bieten, verliert er fundamental an Glaubwürdigkeit.
Schon jetzt ist das Vertrauen der jungen Menschen in die Problemlösungsfähigkeit von Politik gering. Bei der jüngsten Trendstudie „Jugend in Deutschland“ sagten nur 14 Prozent der Befragten, dass die Regierung das Richtige tue. Fast zwei Drittel gaben zudem an, dass sich Politiker:innen nicht darum kümmerten, was „einfache Leute“ denken. Das Vertrauen in Politik ist in einem Dauertief.
Fatal: Das Ohnmachtsgefühl wächst mit dem Alter
Gleichzeitig wird landauf, landab politische Bildung eingespart, wachsen Polarisierung und Zersplitterung in der Gesellschaft. Und über den Einfluss der Brandbeschleuniger Social Media und Künstliche Intelligenz haben wir da noch gar nicht gesprochen.
Angesichts dieser gesellschaftlichen Großwetterlage sind auch die Ergebnisse der Konstanzer Schüler:innen-Umfrage alarmierend. Selbst in einer bildungsbürgerlich geprägten Stadt erleben die Schüler:innen eine in Teilen unzureichende bis kaputte Lernumgebung und haben gleichzeitig mehrheitlich das Gefühl, nichts daran ändern zu können.
Treffen Systemversagen und empfundene Machtlosigkeit in dieser Weise aufeinander, ist das nahezu idealer Nährboden für Politikverdrossenheit. Besonders dramatisch: Das Ohnmachtsgefühl wächst mit dem Alter. Das heißt: In dem Moment, in dem die jungen Menschen die Schule verlassen, ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit auf dem Tiefpunkt.

Was jetzt auf dem Spiel steht
Politisches Engagement entsteht so eher nicht, dafür aber Frust und Unzufriedenheit mit Staat und Politik. Deutschland riskiert, eine Generation zu verlieren – nicht nur bildungsmäßig, sondern auch hinsichtlich ihrer Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben, ihrer Gesundheit und ihrer Fähigkeit, aktiv an einer demokratischen Gesellschaft teilzunehmen.
Wenn wir aber wollen, dass sich auch künftige Generationen für Demokratie und offene Gesellschaften einsetzen, dann müssen wir ihnen zeigen, dass sich das lohnt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen präzise, was nötig wäre, um Schulbau zu verbessern. Der Investitionsstau zeigt, wie weit wir davon entfernt sind. Die Folgen werden wir über Jahrzehnte spüren.
Dabei könnte vieles so viel besser sein. Studien legen nahe, dass Schulen positive Demokratie-Erfahrungen vermitteln, wenn sie als Institutionen „funktionieren“. Eine Möglichkeit dafür: mehr Partizipation im Schulalltag zulassen. Zum Beispiel über Mitbestimmung, Projektarbeit und praktischen Demokratieunterricht.
Vieles könnte längst besser sein
Die Werkzeuge sind längst da. Zum Beispiel das digitale Projekt „Aula“ von Marina Weisband, das Teilhabe stärker in den Schulalltag integriert. In Konstanz probiert es die Geschwister-Scholl-Schule gerade aus.
Neben digitalen Hilfsmitteln gibt es aber auch sehr einfache Methoden: zuhören, ernst nehmen, bestehende Mitbestimmungsgremien wie die SMVen stärken. Und ganz wichtig – keine Symbolveranstaltungen abhalten. Wenn Feedback-Schleifen im Sand verlaufen und Beteiligung wirkungslos bleibt, verschärft das nur das Gefühl von Machtlosigkeit bei jungen Menschen.
Wenn man sich auf Partizipation einlässt, muss man es ernst meinen. Nur das stärkt die politische Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler.
Was Aladin El-Mafaalani rät
Am Ende hilft vielleicht eine Mahnung des Soziologen und Bildungsforschers Aladin El-Mafaalani. „Partizipation und die ernst zu nehmende Agency von Kindern, die ihre Umwelt aktiv mitgestalten, sind nicht mehr nur auf der Grundlage einer sinnvollen Demokratiebildung relevant, sondern für die gesunde Entwicklung der Kinder unverzichtbar“, schreibt er in seinem Buch „Kinder. Minderheit ohne Schutz“.
Wird Zeit, dass wir danach handeln.
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