Kommt die Waldbühne? Loretta fordert mehr Raum für Kultur

Am 11. Juli zieht erstmals eine Kulturparade durch Konstanz. Das neue Kulturnetzwerk Loretta fordert mehr Raum, mehr Mitsprache und weniger Bürokratie. Mit der Waldbühne am Bodenseestadion nennt das Netzwerk ein erstes konkretes Projekt.
Die ersten Forderungen von Loretta stehen schon auf den Wänden unter der Schänzlebrücke. | Foto: Loretta

Sonntagnachmittag, 30 Grad im Schatten. Unter einem Pflaumenbaum am Kulturkiosk Schranke sitzen zwölf Menschen um einen Tisch. Darauf liegen Farben, Stifte, Pinsel und Klebeband. Dazwischen: das Positionspapier des Kulturnetzwerks Loretta mit vier Forderungen an die Konstanzer Lokalpolitik und Verwaltung. Die Sätze, die dort nüchtern formuliert sind, sollen an diesem Nachmittag auf Schilder, Banner und Transparente wandern.

„Wir brauchen noch Tücher für den Wagen“, sagt jemand in die Runde. Wenige Sekunden später geht es darum, wer alte Stoffbahnen auftreiben könnte, wer Zugang zu Material hat, wer wen kennt. Ein Blick in die Vernetzungsgruppe, eine Nachricht an eine Person vom Theater: Vielleicht lässt sich dort etwas organisieren. Sebastian Weiler gehört zur Kerngruppe von Loretta und ist an diesem Nachmittag vor Ort. Er erzählt, dass erst durch Loretta Menschen aus der Konstanzer Kulturszene zusammengekommen seien, die sich vorher kaum kannten.

Die wichtigsten Werkzeuge an diesem Bastelnachmittag: Farben, Pinsel, Pläne und das Positionspapier. | Foto: Sophie Tichonenko

„Wir wollen zeigen, was Konstanz kulturell ausmacht und gleichzeitig betonen, dass es Kulturräume, verlässliche Rahmenbedingungen und Anerkennung braucht“

Lara Schick, Teil der Kerngruppe von Loretta

Eine Kulturparade als politischer Auftritt

Die Vorbereitungen, das Positionspapier und die Vorgespräche mit der Verwaltung laufen auf einen Termin hinaus: Am 11. Juli lädt Loretta zur ersten Konstanzer Kulturparade ein. Die Veranstaltung ist als Kundgebung angemeldet und startet um 17 Uhr am Bodenseeforum. Die Parade zieht entlang des Seerheins und über die Alte Rheinbrücke weiter. Unter der Europabrücke am Schänzle soll gegen 19 Uhr die Abschlusskundgebung mit Redebeiträgen, Live-Musik und Kulturprogramm stattfinden. Ab 21 Uhr folgt eine Soli-Party in der Kantine.

Diese Gruppen haben Wagen angemeldet. | Grafik: Loretta

Aktuell sind mehr als zehn Wagen angemeldet. Mit dabei sind unter anderem das Theater Konstanz, der Kulturkiosk Schranke, verschiedene Kollektive sowie Vertreter:innen mehrerer Kulturprojekte. Die beteiligten Gruppen stellen die Wagen selbst. Über die Soli-Party will Loretta Kosten für Kommunikation, Bühne und Organisation refinanzieren.

Für das Netzwerk ist die Parade ein öffentlicher Schulterschluss zwischen etablierten Häusern, freier Szene und selbstorganisierten Initiativen: „Wir wollen zeigen, was Konstanz kulturell ausmacht und gleichzeitig betonen, dass es Kulturräume, verlässliche Rahmenbedingungen und Anerkennung braucht“, sagt Lara Schick vom Kulturnetzwerk Loretta.

Das Kulturnetzwerk Loretta baut den Wagen für die Kulturparade am 11. Juli 2026. | Foto: Loretta

Am selben Tag geht auch in Stuttgart ein breites Kulturbündnis auf die Straße. Dort startet um 13 Uhr eine Tanzdemo am Stadtgarten. 19 Musik-Wagen ziehen durch die Stadt. Das Bündnis macht damit auf die angespannte Lage von Subkulturen aufmerksam und fordert unter anderem mehr Flächen für Open-Air-Kultur, langfristige Strategien zum Schutz bestehender Kulturorte, mehr Unterstützung für Subkultur und freie Szene sowie einen anderen Umgang mit Lärmkonflikten.

Stuttgarter Tanzdemo im Sommer 2025. | Foto: Raphaël Verissimo

Vier Forderungen für eine bessere Kulturlandschaft

Im Zentrum steht das besagte Positionspapier. Darauf fordert Loretta mehr Räume, weniger bürokratische Hürden, verbindliche Beteiligung und verlässliche Finanzierung. Damit rückt das Netzwerk die Bedingungen in den Fokus, unter denen Kultur in Konstanz entsteht: Wer hat Zugang zu Räumen? Wie planbar sind Genehmigungen? Wer wird beteiligt? Und welche Angebote sind finanziell abgesichert?

Räume: Wer darf die Stadt bespielen?

Allem voran fordert Loretta mehr nicht-kommerzielle Räume für Kunst, Kultur und Begegnung. Bestehende Kulturorte sollen geschützt, Proberäume bezahlbar gehalten und Flächen für selbstorganisierte Veranstaltungen dauerhaft ermöglicht werden. Konkret nennt das Netzwerk die Waldbühne im Bodenseestadion, die aus Sicht von Loretta als nicht-kommerzielle Open-Air-Bühne nutzbar werden soll.

Mit nicht-kommerziellen Räumen sind Orte gemeint, die sich nicht klassischen Verwertungslogiken unterwerfen müssen. Sie sollen einfach zugänglich sein und niedrigschwellig bespielt werden können – etwa für Kunst, Musik, Begegnung, Workshops oder selbstorganisierte Veranstaltungen. Als Beispiel verweist das Netzwerk auf Lindau: Dort habe der KuMoP e.V. von der Stadt einen Raum auf der Hinteren Insel bereitgestellt bekommen.

Bürokratie: Wenn Kultur am Verfahren hängt

In ihrer zweiten Forderung kritisiert Loretta bürokratische Hürden und fordert transparentere Genehmigungen, Auflagen und lösungsorientierte Abstimmungen. Kulturinitiativen sollen etwa feste Ansprechpersonen haben, um Bearbeitungszeiten besser nachvollziehen können. Wer ehrenamtlich oder mit knappen Mitteln arbeitet, kann lange Abstimmungen, kurzfristige Auflagen oder unklare Zuständigkeiten schwer auffangen. 


Die Kerngruppe des Kulturnetzwerks Loretta. V.l.n.r.: Nik Volz, Daniel Clauss, Frank Müller, Lara Schick, Samuel Hofer, Franziska Jakob, Nora Büscher, Sebastian Weiler und Ismail Shoukry (nicht auf dem Bild). | Foto: Kulturnetzwerk Loretta

Mitsprache und Verbindlichkeit

Bei der dritten Forderung geht es um Mitsprache. Loretta fordert einen verbindlichen Austausch zwischen Politik, Verwaltung und Kulturszene. Einen ersten Ansatz gab es bereits im Juli 2025: Damals kamen auf Einladung junger Gemeinderät:innen Vertreter:innen aus Verwaltung, Lokalpolitik und Konstanzer Kultur zu einem Runden Tisch zum Thema Nachtleben zusammen. Offen bleibt, ob daraus ein regelmäßiges Format entsteht und wie verbindlich die Ergebnisse wären. 

Haushalt: Kultur zwischen Infrastruktur und Kürzungsmasse

Am Ende landet die Debatte beim Geld. Loretta fordert, Kultur in schwierigen Haushaltslagen nicht vorschnell zur Kürzungsmasse zu reduzieren. In kommunalen Haushalten zählt Kultur häufig zu den sogenannten freiwilligen Leistungen. Wenn Städte sparen müssen, steht sie damit schneller infrage als Pflichtaufgaben. 

Loretta argumentiert auch wirtschaftlich. Das Netzwerk verweist auf den Handelsverband Treffpunkt Konstanz: „Eine lebendige, vielfältige Innenstadt ist ein Standortvorteil – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch und sozial.“ Zudem führt Loretta die Studie „NightLÄND“ des Landes Baden-Württemberg an. Demnach erzielen Wirtschaftszweige mit starkem Bezug zur Nachtökonomie landesweit knapp neun Milliarden Euro Umsatz pro Jahr; mehr als 220.000 Menschen sind dort beschäftigt.

Aus diesen Befunden leitet Loretta politischen Handlungsdruck ab. „Wenn diese Erkenntnisse nicht nur Festrede bleiben sollen, muss Konstanz daraus Konsequenzen ziehen – mit Räumen, Rückenwind, Beteiligung und verlässlicher Förderung“, sagt Lara Schick.

Kooperation mit HTWG: Entwurf der Waldbühne wird konkret

Die beiden Architekten Marcel Weimar (links) und Tobias Diwersy (rechts) arbeiten und lehren in Konstanz.

Seit dem offiziellen Start hat Loretta verschiedene Teile der Konstanzer Kulturszene in Veranstaltungen und Vernetzungstreffen zusammengebracht. Am 11. Juli soll dieses Netzwerk im Rahmen der Kulturparade erstmals öffentlich sichtbar werden. Danach soll es konkreter werden, zumindest bei der Waldbühne. Nach Angaben von Loretta ist im kommenden Wintersemester ein Masterseminar an der HTWG geplant, in dem gemeinsam mit den Architekten Marcel Weimar und Tobias Diwersy Entwürfe für die Waldbühne entstehen sollen.

Spätestens wenn diese Entwürfe vorliegen und es um eine mögliche Umsetzung geht, dürfte sich die Debatte von der Straße zurück in die lokale Politik verlagern. Dann müssten Stadtverwaltung und Gemeinderat entscheiden, ob sie die Forderungen des Netzwerks als Anliegen einzelner Kulturakteur:innen oder als Teil der Konstanzer Stadtentwicklung behandeln.