Konstanz rief 2019 als erste deutsche Stadt den Klimanotstand aus. Sieben Jahre später ist die Bilanz gemischt. Beim Ausbau von Photovoltaik, E-Mobilität und Wärmenetzen gibt es Fortschritte, zugleich verfehlt die Stadt wichtige Etappenziele. Diese fünfteilige Klimareihe nimmt in den Blick, wo die Klimakrise in Konstanz längst spürbar ist und welche Spielräume vor Ort noch genutzt werden könnten.

Im Lorettowald ist es an heißen Tagen spürbar kühler als auf den versiegelten Straßen der Innenstadt. Im Fischerweihermoor entscheidet der Wasserstand darüber, ob der Boden Kohlenstoff speichert oder freisetzt. Auf landwirtschaftlichen Flächen wird Trockenheit zum wirtschaftlichen Risiko, im Bodensee geraten ökologische Gleichgewichte unter Druck. Wer in Konstanz über die Klimakrise spricht, spricht nicht über ein fernes Szenario, sondern über die Landschaft und Umgebung direkt vor der Haustür.
Als Konstanz im Mai 2019 den Klimanotstand ausrief, war das ein symbolträchtiger Beschluss. Ihm vorausgegangen war eine Phase starker zivilgesellschaftlicher Mobilisierung, getragen unter anderem von der globalen Bewegung Fridays For Future. Der Gemeinderat stimmte der Resolution zum Klimanotstand einstimmig zu. Mittlerweile sind sieben Jahre vergangen und zahlreiche Berichte erschienen, die zur städtischen Klimaentwicklung Bilanz ziehen. Auch heute stellt sich die Frage, wie entschlossen eine Stadt reagiert, die früh ein politisches Signal gesetzt hat.

Die Antwort fällt nüchtern aus. In einigen Bereichen ist die Stadt Konstanz zwar vorangekommen: Photovoltaik wird ausgebaut, die E-Mobilität wächst, Wärmenetze werden erweitert. Zugleich zeigt die kommunale Klimabilanz jedoch, dass zentrale Etappenziele verfehlt werden. Besonders groß bleibt der Handlungsdruck im Wärmesektor. Beinahe die Hälfte der Treibhausgase entsteht hier, während sich die Wärmeversorgung noch immer zu 90 Prozent aus fossilen Energien speist.
Die Konstanzer Bürger:innenbefragung von 2024 ergab, dass sich 80 Prozent der Konstanzer:innen gleich viel oder mehr Klimaschutz wünschen. In der neuesten Befragung von 2025 wird das Thema nicht explizit erwähnt. Umso dringlicher ist die Frage, wie die Stadt ihre Verantwortung definiert: Was versteht sie unter Klimaschutz und Klimaanpassung und welche dieser Ziele setzt sie mit welcher Konsequenz tatsächlich um? Laut Stadtverwaltung erarbeitet die Stadt Konstanz beispielsweise seit März 2025 ein Klimaanpassungskonzept, um den Folgen des Klimawandels strategisch und systematisch zu begegnen. Hierfür erhält die Stadt Konstanz eine Bundesförderung.
In einer weiteren Pressemitteilung verweist die Stadtverwaltung zudem auf kleinere, zeitlich befristete Eingriffe im öffentlichen Raum. Im Rahmen des Smart-Green-City-Projekts „Innenstadt von morgen“ wurden im Sommer 2025 der Pfalzgarten, der Augustinerplatz und der Bodanplatz vorübergehend umgestaltet. Laut Verwaltung sollten diese „Sommerorte“ zeigen, wie sich Aufenthaltsqualität, Begrünung und Hitzeschutz mit vergleichsweise einfachen Mitteln erproben lassen. Die dabei gesammelten Rückmeldungen sollen in die weiteren Planungen einfließen.


Hochbeete, Sitzecken und Schatten: Der Pfalzgarten neben dem Münster als Sommerort im September 2025. | Fotos: Sophie Tichonenko
Globales Klima, lokale Folgen
Die Klimakrise ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale und politische Frage, die insbesondere von Bewegungen für Klimagerechtigkeit adressiert wird. Der Weltklimarat hält fest, dass besonders Bevölkerungsgruppen, die historisch am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben, überproportional von ihren Folgen betroffen sind. Emissionen sind nicht nur global, sondern auch sozioökonomisch ungleich verteilt. Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen verursachen die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung fast die Hälfte der Emissionen. Berechnungen der World Inequality Database zufolge ist das reichste Prozent der Weltbevölkerung für mehr als 15 Prozent der konsumbedingten Emissionen verantwortlich und für 41 Prozent aus dem Privatkapital.

Klimagerechtigkeit beschreibt einen Ansatz, der die Klimakrise nicht nur als Umweltproblem, sondern auch als Frage globaler Verantwortung und ungleicher Betroffenheit versteht. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung, dass die Auswirkungen der Klimakrise Regionen und Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark treffen und dass historische wie aktuelle Emissionen ungleich verteilt sind.
Der Begriff der „Klimagerechtigkeit“ wird häufig von sozialen Bewegungen, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen verwendet. Er knüpft an Debatten und Kämpfe zu Umweltgerechtigkeit an, die seit Jahrzehnten von schwarzen und indigenen Communities geführt werden. Dabei geht es unter anderem darum, wie Klimaschutz, wirtschaftliche Entwicklung, Ressourcenverbrauch und soziale Ungleichheit zusammenhängen.
In Debatten über Klimagerechtigkeit werden Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus als strukturelle Ursachen der Klimakrise und der daraus entstehenden Ungleichheiten benannt. Dass diese Perspektive nicht aus Europa stammt, sondern eng mit Forderungen aus dem globalen Süden verbunden ist, hebt auch Kirsten Mahlke in einem Community-Beitrag im karla Magazin von 2023 hervor. Darin verweist sie auf den nigerianischen Journalisten Peter Emorinken Donatus, der Klimagerechtigkeit als Auseinandersetzung mit historischen, kolonialen und neokolonialen Schulden sowie der fortgesetzten Zerstörung von Lebensräumen beschreibt.
Auch das politische Umfeld, in dem kommunaler Klimaschutz stattfindet, ist in den vergangenen Jahren unsicherer geworden. International ist etwa die Zahl bewaffneter Konflikte 2024 auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung des Uppsala Conflict Data Program (UCDP) 1946 gestiegen. Schätzungen zufolge entfallen rund 5,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen auf den Militärsektor. Kriege und Konflikte zerstören damit auch Umwelt und Lebensräume, binden staatliche Ressourcen und verschärfen politische Zielkonflikte. Die Verschiebung politischer Prioritäten zeigt sich auch in Deutschland: Klima-, Infrastruktur- und Sicherheitspolitik konkurrieren um Geld und politische Priorität. Mit dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr und höheren Verteidigungsausgaben haben sich finanzielle Spielräume und politische Gewichte verschoben.
Zugleich gibt es Kritik daran, wie dagegen die Mittel aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität verwendet werden. Das ifo Institut1 kommt für 2025 zu dem Ergebnis, dass der Großteil der zusätzlichen Schulden nicht in zusätzliche Infrastrukturinvestitionen geflossen sei und bei den Kommunen nur 12 Prozent des Sondervermögens angekommen seien. Mario Hesse, Ökonom an der Universität Leipzig und Co-Autor der Studie, warnt deshalb, das Sondervermögen könne angesichts der angespannten Finanzlage der Kommunen kaum zusätzliche Wachstumsimpulse entfalten, sondern allenfalls den Rückgang kommunaler Investitionen bremsen.
In der Energiepolitik plant die deutsche Bundesregierung neue Reservekraftwerke, die vor allem dann einspringen sollen, wenn Wind- und Solarstrom wetterbedingt nicht ausreichen. Nach Berichten von taz und Tagesschau sollen dafür noch 2026 Kraftwerkskapazitäten von bis zu zwölf Gigawatt ausgeschrieben werden. Weil sich solche Anlagen am Markt kaum refinanzieren lassen, ist eine staatlich gestützte Finanzierung vorgesehen, die nach dem Gesetzesentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums auch über eine Umlage auf den Strompreis erfolgen könnte. Kritiker:innen wenden ein, dass damit zusätzliche fossile Infrastruktur abgesichert und die Kosten zumindest teilweise an Verbraucher:innen und Unternehmen weitergereicht werden. Der Experte für Energie- und Klimapolitik beim Umweltverband BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland spricht sogar von einer „klimapolitischen Bankrotterklärung“.
Das Pariser Klimaabkommen ist ein völkerrechtlicher Vertrag der Vereinten Nationen. Er wurde am 12. Dezember 2015 auf der UN-Klimakonferenz in Paris beschlossen und trat am 4. November 2016 in Kraft.
Was ist das Ziel?
Die Vertragsstaaten haben sich darauf verständigt, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen und Anstrengungen zu unternehmen, sie auf 1,5 Grad zu halten. Außerdem sollen die Anpassungen an die Folgen des Klimawandels gestärkt und Finanzströme stärker auf klimaverträgliche Entwicklung ausgerichtet werden.
Wie funktioniert das Abkommen?
Alle Staaten müssen eigene Klimapläne vorlegen, die sogenannten Nationally Determined Contributions (NDCs). Diese nationalen Beiträge sollen regelmäßig fortgeschrieben und in ihrer Ambition gesteigert werden. Hinzu kommen ein Transparenzrahmen für die Berichterstattung sowie eine globale Bestandsaufnahme alle fünf Jahre, um den gemeinsamen Fortschritt zu überprüfen.
Warum ist das Abkommen wichtig?
Das Abkommen verpflichtet erstmals nahezu alle Staaten, Klimaschutz, Anpassung und Berichterstattung in einem gemeinsamen Rahmen zu organisieren. Damit ist die Richtung für die nationale Klimapolitik vorgegeben – auch wenn die konkreten Maßnahmen und deren Umsetzung weiterhin von den einzelnen Staaten bestimmt werden.
Welche Kritik gibt es?
Kritiker:innen halten das Pariser Klimaabkommen für politisch wichtig, aber in seiner Wirkung für begrenzt. Ein zentraler Einwand lautet, dass die Staaten ihre Klimabeiträge selbst festlegen und der Kontrollmechanismus des Abkommens ausdrücklich „fördernd“ und „nicht strafend“ angelegt ist. Zugleich reichen die bisherigen nationalen Zusagen nach Einschätzung des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) und des UNEP (United Nations Environment Programme) nicht aus, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.
Kommunen wie Konstanz handeln also nicht im luftleeren Raum. Förderprogramme, Energiepreise, gesetzliche Vorgaben und internationale Entwicklungen oder Wirtschaftspolitik bestimmen den Rahmen, in dem sie agieren können. Kommunale Klimapolitik entscheidet sich auch nicht in Grundsatzreden, sondern in Nutzungskonflikten, Haushaltsfragen und Verwaltungsabläufen. Sie entscheidet sich dort, wo Mittel verteilt, Flächen ausgewiesen, Projekte beschleunigt oder verschoben werden. Sie entscheidet sich in der Konkurrenz zwischen Wohnungsbau und Freiraumschutz, zwischen Verkehr und Aufenthaltsqualität, zwischen Investitionskosten, sozialer Belastung und langfristiger Vorsorge. Gerade auf lokaler Ebene wird sichtbar, ob politische Beschlüsse in konkretes Handeln übersetzt werden – oder eben nicht.
Die Stadt Konstanz muss damit ihre eigenen Ziele unter Bedingungen umsetzen, die sie nur teilweise selbst steuern kann. Das entbindet die lokale Politik und Verwaltung nicht von der Verantwortung, macht aber sichtbar, innerhalb welchen Rahmens sie handelt. Wer die Klimapolitik der Stadt bewerten will, muss deshalb beides sehen: die Grenzen kommunaler Steuerung und die Spielräume, die trotzdem vorhanden sind.

Fünf Beiträge über Wald, Grünflächen, Moor, Asphalt und Wasser
Genau dort setzt diese Klimareihe an. Sie folgt fünf Schauplätzen, an denen sich die Klimakrise in und um Konstanz konkret beobachten lässt: Wald, Grünflächen, Moor, Asphalt und Wasser. Dort zeigt sich, wie eng Klimafragen mit Alltag, Infrastruktur und Flächennutzung verknüpft sind. Gleichzeitig wird sichtbar, wie unterschiedlich die Zeithorizonte politischer Entscheidungen und ökologischer Prozesse sind. Ein versiegelter Platz heizt sich im nächsten Sommer auf, ein Moor verliert über Jahre an Speicherfunktion, ein Wald reagiert über Jahrzehnte auf Trockenstress und ein See kippt nicht an einem einzigen Tag.
Ein Team aus neun Journalist:innen und Autor:innen aus der karla Community, Lektor:innen, Video- und Fotograf:innen sowie Gestalter:innen hat daher untersucht, welche Klimawandelanpassungen bereits ergriffen wurden und wie es um die städtischen Mittel steht. Die „Klimareihe“ fragt nach, wo Bürger:innen und Expert:innen weiteren Handlungsbedarf sehen, an welchen Schnittstellen Konflikte und Potenziale sichtbar werden und welche Erwartungen sie mit Blick auf das Jahr 2050 formulieren.
- Projekt- und Redaktionsleitung: Sophie Tichonenko
- Autor:innen: Laura Hüllmann, Mark Schoder, Amelie Gensel, Simon Otte, Anton Bambusch, Julia Flattich, Kiara Francke
- Grafikdesign und Illustration: Sophia Bogdahn
- Video: Lorenz Philipp Cramer
- Fotografie: Simon Otte, Mark Schoder, Sophie Tichonenko
- Redigatur und Lektorat: Kiara Francke, Sophie Tichonenko
Mit Expert:innen zwischen Lorettowald, Hitzeinseln und Fischerweihermoor
Expert:innen und Wissenschaftler:innen führten uns für diese Recherche an verschiedene Orte in Konstanz und der Region: in die Baumkronen des Lorettowalds, ins Fischerweihermoor bei Allensbach, auf die Höfe regionaler Landwirt:innen und von städtischen Hitzeinseln bis in die Tiefen des Bodensees.
Wir werfen einen Blick auf die Beschaffenheit unserer Böden. Auf ihre Fähigkeit, Kohlenstoff zu binden, die Temperaturen zu kühlen, Biodiversität zu erhalten und unsere Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Warum Moore „Datenbanken der letzten 10.000 Jahre“ sind und weshalb sie eine Schlüsselrolle für Klimaschutz, Artenvielfalt und Wasserhaushalt spielen, erklärt der Moorexperte Theo Nägele.

Auch für Wald- und Grünflächen zeigt sich, wie eng Klimafragen mit Nutzungskonflikten verknüpft sind. Andreas Bolte vom Thünen-Institut für Waldökosysteme verweist auf erfreuliche Forschungsergebnisse, wonach Böden auch bei Waldschäden weiterhin Kohlenstoff puffern können. Gespräche mit Konstanzer Landwirt:innen legen zugleich offen, wo ökologische Flächennutzung und die Bebauungspläne der Stadt aneinandergeraten.
In der Stadt selbst rückt die Frage in den Vordergrund, wie widerstandsfähig versiegelte Flächen gegenüber Hitze und Starkregen sind. Die Geografin Juliane Frost spricht über Sofortmaßnahmen zur Entsiegelung und Begrünung, über ungleiche Hitzebetroffenheit und über den Zugang zu Wasser. Welchen Einfluss die steigenden Temperaturen auf das Ökosystem des Bodensees haben, verdeutlicht außerdem der Gewässerökologe Dietmar Straile. Er berichtet von sogenannten Schutzzonen, Wiederaufzuchtprogrammen und Kipppunkten im See. Dabei betont er beim Klima- und Artenschutz die Notwendigkeit einer breiteren Zusammenarbeit und Vernetzung unter den unterschiedlichen Akteur:innen.
Bilanz der Gegenwart und Blick in die Zukunft
Die Klimakrise lässt sich in Konstanz nicht abstrakt betrachten. Sie zeigt sich im Zustand der Böden und Wälder, in der Hitze versiegelter Stadtplätze, in Nutzungskonflikten auf landwirtschaftlichen Flächen und im Ökosystem des Bodensees. Genau dort setzt diese Reihe an: bei den Orten, an denen politische Entscheidungen sichtbar werden, und bei den Menschen, die ihre Folgen erforschen, begleiten oder mit ihnen leben.
In fünf Teilen fragen wir deshalb, was in Konstanz bereits in Bewegung geraten ist, wo Maßnahmen an Grenzen stoßen und welche Konflikte ungelöst bleiben. Sieben Jahre nachdem der Klimanotstand ausgerufen wurde, geht es nicht mehr nur um politische Beschlüsse, sondern darum, wie die eigenen klimapolitischen Ansprüche der Stadt realisiert werden.


Protest neben dem Münster in Konstanz: Die Aufnahmen zeigen das Klimacamp von 2022 und eine Klimademo im April 2026. Sie dokumentieren, wie die lokale Klimabewegung ihre Forderungen über Jahre hinweg im öffentlichen Raum sichtbar gemacht hat und das noch immer tut
Moore im Landkreis Konstanz: Warum sie wieder nass werden müssen

- Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. (abgekürzt ifo für Information und Forschung) ↩︎
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