Maike Sippel ist Professorin für nachhaltige Ökonomie an der HTWG Konstanz und forscht zu Klima, Nachhaltigkeit und Transformation. In ihrem 2025 erschienenen Buch „Die Welt, der Wandel und ich“ beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Wandel angestoßen wird und was Menschen dazu beitragen können. Im Interview mit karla spricht sie über gesellschaftliche Mobilisierung im Kontext der Klimakrise, legitimen Widerstand und die Handlungsspielräume vor Ort.
„Die Welt ist schön und wert, dass man um sie kämpft“, zitieren Sie Ernest Hemingway. Sie arbeiten viel mit Hoffnung und Dankbarkeit. Verstellt diese Haltung nicht den Blick auf die dramatische Lage?
Wir sollten vor der tiefen Krise nicht die Augen verschließen, sondern sie an uns heranlassen. Damit wir das besser aushalten, hilft eine Haltung der Dankbarkeit für all das, was eben auch wunderschön ist. Da heraus können wir uns besinnen, was gerade verloren geht und was auf dem Spiel steht. Dann entsteht die Motivation, zu handeln.
„Wir sollten vor der tiefen Krise nicht die Augen verschließen, sondern sie an uns heranlassen.“
Maike Sippel
Maike Sippel ist seit 2013 Professorin für nachhaltige Ökonomie an der HTWG Konstanz und arbeitet zu Klima, Nachhaltigkeit und Transformation. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf Projekten im Grenzbereich von Wissen und gesellschaftlicher Realität. Besonders interessiert ist sie daran, wie der erforderliche Wandel in die Welt kommt und was wir alle dazu beitragen können. Darum geht es auch in ihrem Buch „Die Welt, der Wandel und ich“ (Verlag Herder 2025).
Beim Lesen Ihres Buchs beschlich mich das Gefühl: Wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und ich mich dann noch für Fridays for Future Konstanz engagiere, dann ist die Welt schon halb gerettet. Überschätzen Sie den Hebel einzelner Personen?
Nein, die Welt ist dann noch nicht gerettet, das schreibe ich an keiner Stelle im Buch. Aber wenn du an den wirkungsvollsten Hebeln dein Möglichstes tust, um die Welt zu retten, und ansonsten halbwegs deinen Frieden mit dem Lauf der Dinge machen kannst, ist dein Seelenfrieden gerettet. Zu wissen, dass ein Sinn in deinem Tun steckt, weil es auf deinen Werten basiert und in die richtige Richtung geht, ist eine wertvolle Haltung. Dann schaffst du es, in der Krise nicht kaputtzugehen.
Im Podcast „Jung und Naiv“ warf Ihnen Thilo Jung vor, strukturelle Machtfragen auszublenden. Haben Sie Berührungsängste gegenüber fossilen Mächten und Männern, die die Welt verbrennen?
Ich glaube, es ist ein Balanceakt. Wie konfrontativ kommuniziere ich? Wie sehr will ich Brücken bauen und dabei klar sagen, wo der Pfad hinführen muss?
Bedeutet das, Sie vermeiden Konflikte mit mächtigen Akteuren?
Nein. Wenn ich in meinem Buch über Schmerz schreibe, dann geht es auch um Wut. Und meine Wut zielt auf die Männer, die die Welt verbrennen. Das Gute an der Emotion „Wut“: Darin steckt ein Potenzial, zu handeln.
„Das Gute an der Emotion „Wut“: Darin steckt ein Potenzial, zu handeln.“
Maike Sippel
Trotzdem fühlen sich Klimaaktivist:innen ob des Stillstands oder gar der Rückschritte im Klimaschutz verzweifelt, hilflos, konsterniert. Kommt ihr Buch zu spät?
Die Klimakrise passiert gerade und Menschen sterben. Ein Happy End ist nicht garantiert. Das ist schlimm. Aber wenn wir jetzt sagen: „Naja, wenn es kein Happy End gibt, dann hören wir halt auf und lehnen uns zurück“ – das kann es ja nicht sein. Dann peilen wir eben das kleinstmögliche Happy End an. Praktisch bedeutet das, sich vorzustellen, was die schönste Zukunft ist, die wir uns vorstellen können. Und sich dann zu fragen: Was können wir dazu beitragen, dass es ein bisschen wahrscheinlicher wird, dass es so wird? Es kommt darauf an, so wenig Leid wie möglich zuzulassen.
Sie schreiben, der Anblick des lichten Lorettowalds bekümmert Sie. Auf den Feldern rund um den Bodensee sterben Insekten, Zugvögel rasten seltener im Ermatinger Becken, Fische fehlen, kranke und alte Menschen leiden in Heimen unter der Hitze. Braucht es in Konstanz mehr Raum, um Verluste zu betrauern?
Auf jeden Fall. Um die richtige Form zu finden, müssen wir experimentieren, weil Trauern ja auch ein sehr persönlicher und intimer Prozess ist. Gerade haben wir zum Beispiel einen Resilienz-Workshop veranstaltet, für die Klimamitarbeitenden aus der Stadtverwaltung. Langsam entstehen solche Angebote.
Es gibt die Ansicht: 3,5 Prozent einer Bevölkerung reichen aus, um einen sozialen Kipppunkt zu erreichen. Warum schreiben Sie im Buch wenig über die Möglichkeiten der Mobilisierung?
Die 3,5 Prozent beziehen sich auf Regimewechsel in autoritären Ländern. In Deutschland ist die Situation anders, wir brauchen keinen Regimewechsel. Aber auch zu unserer Situation in Deutschland gibt es Studien. Die schätzen die Prozentzahl eher zwischen 10 und 25 Prozent. Das ist so oder so eine schaffbare Größe. Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt: Wir müssen überlegen, wie wir dahin kommen.
Was halten Sie von zivilem Ungehorsam, etwa Blockaden gegen Rüstungsunternehmen am Bodensee oder gegen fossile Infrastruktur? Wo verläuft für Sie die Grenze zum legitimen Widerstand?
Das ist eine sehr gute Frage, die mich stark beschäftigt: Welche Formen von Widerstand rechtfertigt die Krise oder wären vielleicht sogar Pflicht? Fridays for Future hat viel erreicht und das Klimathema hochgehängt. Die folgenden Protestformen, zum Beispiel der „Letzten Generation“, waren nicht so erfolgreich. Ich habe aber auch keine bessere Idee.

Sie schreiben von „Pionier:innen des Wandels“, etwa dem Café Voglhaus und der Litzelstettner Kirchengemeinde. Aber überwiegen nicht die Menschen, die aktiv die Welt zerstören?
Wandel geschieht, einfach gesagt, auf zwei Ebenen. Die Pioniere des Wandels treiben etwas voran, bringen neue Alternativen in die Welt, verschieben das Normale und zeigen damit der Politik: Da geht was! Das können einzelne Menschen, Initiativen und Unternehmen sein. Und dann ist die Politik gefragt, die systemische Entscheidungen treffen muss. Aber nur zu sagen: „Die Politik muss liefern!“, das ist zu bequem. Wir sind ja nicht einfach nur Politik-Konsument:innen, sondern gestalten mit. Das spiegelt sich im Konzept des ökologischen Handabdrucks wider. Wir können anpacken, um den Wandel, den wir sehen wollen, für alle einfacher zu machen.
„Wir sind ja nicht einfach nur Politik-Konsument:innen, sondern gestalten mit.“
Maike Sippel
Für viele Menschen bleibt neben Alltagsstress wie Lohnarbeit und Sorgearbeit kaum Zeit für politisches Engagement
Ein Stück weit fühlt es sich heute vielleicht für manchen mehr nach Hamsterrad an, als vor einigen Jahren. Zusätzlich raubt Social Media Zeit. Auch ist in einem Studium heute mehr Zug drin als zu meiner Studienzeit. Aber es hängt ja schon auch von einem selbst ab, wie man Prioritäten setzt.
Wo sehen Sie, dass Menschen konkret Klimapolitik mitgestalten, jenseits des eigenen Konsums?
Gerade bei der Landtagswahl haben sich viele Menschen politisch engagiert, in ihren Freundeskreisen, auf der Straße und im Haustürwahlkampf. Weil sie von der Sache überzeugt sind. Die Wahlbeteiligung lag hoch. Das macht doch Mut. Auch wenn man sicherlich streiten kann, ob grüne Politik genug Klimaschutz umsetzt.
Konstanz war die erste deutsche Stadt, die einen Klimanotstand ausrief. Gab es in letzter Zeit Momente, in denen Sie gemerkt haben: Klimarhetorik und -handeln stimmen nicht überein?
Wir müssen das Lokale im großen Kontext sehen. Es ist logisch, dass Konstanz allein innerhalb eines falschen großen Systems nicht mal eben klimaneutral werden kann. Konstanz kann vorangehen, aber einige wichtige Stellschrauben liegen woanders, zum Beispiel beim Bund, etwa die Regulierung, Heizungen zu modernisieren und den Energiepreis zu gestalten. Wollen wir unsere Klimaziele hier erreichen, stehen wir vor einem großen Kraftakt. Man denke nur an Bau und Finanzierung von Wärme- und ertüchtigten Stromnetzen.

Was halten Sie von der Idee, Sprache integrativer zu gestalten, also die Grenzen zwischen Mensch und Tier oder Natur und Kultur aufzulösen? Vielleicht versehen wir dann irgendwann den Lorettowald oder den Rhein mit eigenen Rechten.
Dafür bin ich persönlich offen. Wenn wir aber irgendwie an die zehn oder 25 Prozent der Stadtbevölkerung herankommen wollen, müssen wir überlegen, was unter diesen Menschen noch mehrheitsfähig ist. Sich als Mensch ins Reich der Tiere einzureihen, ist für viele schon sehr weit weg. Aber es stimmt: Wir sehen uns nicht mehr als Teil dieser Welt, das ist ein Kernproblem.
„Wir sehen uns nicht mehr als Teil dieser Welt, das ist ein Kernproblem.“
Maike Sippel
Wie wäre es, wenn Schulen mehr Exkursionen in den Wald und zu den letzten Gletschern anbieten?
Im vergangenen Wintersemester haben meine Studierenden und ich ein Waldklassenzimmer gebaut. Jetzt gibt es da Sitzgelegenheiten und eine Kiste im Wald bei Litzelstetten. Schulklassen können mit dem Material in der Kiste und auf Baumstämmen das Ökosystem Wald konkret kennenlernen.
Welche lokalen Pionier:innnen des Wandels inspirieren Sie persönlich?
Etwa das Software-Unternehmen Seitenbau. Oder die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) und ihre engagierten Leute. Oder der Kulturkiosk Schranke, der inspiriert. Und der Hätteli-Hof oder die Förster, die sich einbringen, die Lehrer, die die Nachhaltigkeit in den Schulen voranbringen. Es gibt viele Menschen, wenn wir uns umsehen.

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