„Die Scham muss die Seite wechseln!“ Mit diesem Satz hat die Französin Gisèle Pelicot weltweit Aufsehen erregt, als sie im Gerichtsprozess die Videos öffentlich machte, auf denen hundertfache Vergewaltigungen an ihr zu sehen waren. Und ihre Botschaft war klar: Nicht ich, sondern diese Männer müssen sich schämen!
Ein „epochaler Satz“, wie Meike Sasse, Chefdramaturgin am Stadttheater Konstanz im März, zu Beginn des Abends im Foyer der Spiegelhalle betont. Ein Satz, den auch Monika Kerker, Jahrgang 1945, zusammen mit ihrem Mann hergeführt hat. „In meiner Jugend war in der Erziehung Scham und Schande gängige Begriffe.“ Sätze wie: „Du sollst dich schämen!“, oder „Mach uns keine Schande!“ habe sie häufig gehört.
Doch um diese Form der Schande – das macht der Abend im weiteren Verlauf deutlich – geht es hier nicht. Eine Zuhörerin macht im späteren Gespräch den Unterschied klar. Das eine sei die Scham, „wenn man jemand anderem in den Vorgarten geschlappt ist“, Grenzen verletzt habe. Die andere sei die Scham, durch Traumatisierung ausgelöst, die bei all den Opfern von sexueller Gewalt zu „finden“ sei.

Was ist sexuelle Gewalt?
Sexuelle Gewalt umfasst alle sexuellen Handlungen, die gegen den Willen einer Person erfolgen. Dazu zählen unter anderem sexuelle Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung. Maßgeblich ist die fehlende Zustimmung – nicht, ob sich eine betroffene Person gewehrt hat.
Wie viele Frauen sind betroffen?
In Deutschland erlebt etwa jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben physische und/oder sexualisierte Gewalt. Das zeigen aktuelle Erhebungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher – viele Betroffene sprechen aus Scham oder Angst nicht über das Erlebte.
Was sind Femizide?
Als Femizid wird die Tötung einer Frau bezeichnet, weil sie eine Frau ist – häufig durch (Ex-)Partner. Im Jahr 2023 wurden bundesweit 360 Frauen und Mädchen getötet. Insgesamt zählte die Polizei 938 Fälle von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten an weiblichen Personen.
Wo gibt es Hilfe in Konstanz?
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
Bundesweites, kostenloses und anonymes Beratungsangebot – rund um die Uhr
📞 116 016
🌐 hilfetelefon.de
Frauenhaus Konstanz e. V.
Schutz, Unterkunft und Beratung für Frauen in Gewaltsituationen
Austraße 89, 78467 Konstanz
📞 07531 15270
🌐 frauenhaus-konstanz.de
Diakonie Konstanz
Vertrauensstelle bei sexuellem Missbrauch
Wollmatinger Str. 22, 78467 Konstanz
📞 07531 3632620
🌐 www.diakonie-konstanz.de
Wichtig: Betroffene tragen keine Schuld. Es ist mutig, Hilfe in Anspruch zu nehmen – und es gibt sie!
Betroffene sprechen ihre Scham aus
Und um die geht es. Sabine Moßbrucker, mit Sonali Bartels Initiatorin des Abends und selbst Betroffene, gibt zu Anfang zu, dass sie dieser Satz von Gisèle Pelicot schnell genervt habe. Denn so einfach sei das eben nicht. Die Scham bleibe an einem „kleben“, sie gehe einfach nicht weg. Und deshalb habe sie sich über Instagram mit anderen Frauen zusammengetan und über diese Scham Texte verfasst. Das waren Birgit Mattausch, Pastorin und Buchautorin und Jasmin Brückner, Wortkünstlerin und Schreibpädagogin. Und diese hätten Worte gefunden, „wofür ich keine habe und sprachlos geblieben bin.“
Zusammen sei man deshalb hier auf der Bühne „in echt“ zusammengekommen, um diese gemeinsam gefundene Sprache vorzutragen. So sprechen die drei Frauen von ihrer Perspektive auf die Scham, nur „unterbrochen“ von Harfenklängen von Clara Henrich. Sabine Moßbrucker beginnt. Ihr Text macht deutlich, wie wenig die Scham ihr von der Seite weichen wolle. Wie die Frage: „Bin ich schuld?“ sie begleite.
„Wir schauen uns an, die Scham und ich.“ Und sie finde keine Antwort auf die Frage: „Wie bekomme ich sie rüber zu den Täter:innen?“
Denn die Scham sei schon „immer rübergeschickt zu mir, mir angetan.“ Das Gefühl von Wertlosigkeit, das sich immer wieder einstelle, die Hoffnung darauf, dass „sich eine dazustellt…“ und das Fazit: „Wir schauen uns an, die Scham und ich. Sie bleibt!“
Die Frage nach der „Erträglichkeit“
Daran schließt die Pastorin Birgit Mattausch in ihrem Text die Frage an, was es alles bräuchte, um die Situation für die Opfer „erträglicher“ zu machen: „Es bräuchte die, die Mut haben, ihre eigene Verwundbarkeit zu spüren.“ Die bereit seien, dem Schmerz nicht auszuweichen. Letztlich bräuchte es „uns alle zusammen“, was sie ironisch mit ihren letzten Worten bricht: „Hex, hex!“ Ja, wenn zaubern helfen könnte…
Danach findet die Autorin Jasmin Brückner ihre Worte: „Ich will die Scham auskotzen, liegenlassen am Straßenrand!“ Ablegen wie eine zweite Haut. Die Scham gehöre doch zu denen, die sie am wenigstens haben. Das alleine sei schon tragisch, doch noch viel tragischer, „dass diese Scham so wenig tragisch empfinden.“
Schon bei den perlenden Harfenklängen zwischen den vorgetragenen Texten geht so mancher Blick ins Leere, der von Betroffenheit und Ohnmacht der Zuhörer:innen zeugt. Was sich im anschließenden Gespräch zeigt. Eine Frau gibt zu: „Ich musste weinen!“ Die Scham begleite sie jeden Tag, aber es sei gut, dem Ganzen hier Raum zu geben. Während eine weitere Zuhörerin meint, ihr seien die Texte nicht wütend genug.

Zwischen Wut und Vergebung
Wut, die sich dann doch, zumindest ansatzweise, zeigt, wenn es im Gespräch mit dem Publikum um den Begriff „Vergebung“ geht. Die ja öfter eingefordert werde, ob von Therapeuten oder kirchlicher Seite. Sabine Moßbrucker wird deutlich:
„Die Frage nach Vergebung habe ich mir nie gestellt – sie wird mir gestellt.“ Sie sei doch gar nicht die Adressatin. „Das ist eine Zumutung, dass ich mich auf die Suche nach ihr begeben soll – das ist nicht mein Job.“
Auch eine Ordensfrau im Publikum – eine Franziskanerin – macht das deutlich: Vor der Vergebung müsse die Reue stehen. Eine Frau, der sexuelle Gewalt angetan wurde, habe jedoch nichts zu bereuen.
Wut, die auch die Pastorin Mattausch überkommt, wenn sie sich auf eine jüngst veröffentlichte Studie bezieht, in der der sexuelle Missbrauch in der Evangelischen Landeskirche aufgedeckt wurde. Ein Landesbischof verhält sich daraufhin, als wäre nichts gewesen. Ja, dann werde sie wütend und frage sich, warum sie noch zu „diesem Laden“ gehöre. Wobei an dieser Stelle von allen Beteiligten klargestellt wird: Sexuelle Gewalt gibt es in allen gesellschaftlichen Bereichen.
„Hast du zehn Menschen in einem Raum, hast du immer Betroffene dabei“, erklärt Brückner.
Alleine diese Tatsache könne eine:n schon wütend machen. Daneben stehen die Aussagen über das, was – trotz allem – trösten könne: „Mir hilft schon, wenn jemand zu mir sagt: Es ist scheiße ungerecht, dass du dich auch noch schämen musst!“ Das sei dann ein „kleines Atemholen.“ So eine Frau, während eine andere Stimme äußert, dass es ihr helfe, wenn ihr vertraute Menschen versichern würden, dass sie sich wirklich nicht schämen müsse, nicht schuld sei.

„Es gibt kein Zurück ins Davor“
Und eindrücklich auch die Botschaft einer Betroffenen, was wie ein Fazit für diesen Abend klingt: „Es gibt kein Zurück ins Davor.“ Jemand, der traumatisiert worden sei, könne nur lernen, damit umzugehen. Weggehen, gar heilen werde das nie. „Es holt einen immer wieder ein.“ Man mache einen Schritt nach vorne und einen zurück. Und gehe es einem heute gut, können es morgen doppelt so schlimm wieder über einen kommen. Da sei es hilfreich, wenn Freundinnen das verstanden hätten und achtsam fragen würden: „Wie geht es dir HEUTE?“
Am Ende werden Wünsche formuliert. Dass auch die Männer mehr über das Thema reflektieren, dass die Medien anders berichten würden, dass patriarchalische Strukturen aufgebrochen werden könnten. „Allein dass ihr alle heute gekommen seid, ist schon ein erfüllter Wunsch!“, formuliert die Pastorin angesichts des vollen Foyers. Woran sich Sabine Moßbrucker mit einem „sehr bewegten Danke “ anschließt, nicht ohne noch eine Bitte zu formulieren: „Nehmen Sie das Thema mit, besprechen Sie es zu Hause, wo immer es geht.“ Damit sie selbst mal Pausen machen könne, im Bewusstsein, andere hätten nun das Darüber-Sprechen für sie übernommen. Die Erschöpfung ist ihr anzusehen. Der Tenor von allen dennoch: Das hier tat gut, war wichtig.
Und auch Frau Monika Kerker verlässt, beeindruckt von der Offenheit der Frauen, das Foyer. „Das gab es so in unserer Generation nicht.“ Das müsse weitergehen und Raum bekommen. Ein Wunsch jedoch, auch das hat dieser Abend gezeigt, wird sich wahrscheinlich nicht erfüllen: Dass sich Täter-Männer zu so einem Abend zusammenfinden und über ihre Scham, Schuld und vielleicht Reue öffentlich reflektieren.
Und die Scham dann endlich die Seite wechselt.
Mein Körper, meine Entscheidung — oder?
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