„Wir müssen Schulen klüger planen.“

Marode Klassenzimmer und zu wenig Lernräume: Konstanzer Schüler:innen haben in unserer Umfrage den Zustand der Schulen kritisiert. Was sagen die Verantwortlichen bei der Stadt dazu? Ein Gespräch mit Sozialbürgermeister Andreas Osner und Frank Schädler, dem Chef des Konstanzer Amtes für Bildung und Sport, über Verantwortungsgefühl, lange Prozesse in der Politik und mögliche Wege aus der Krise.
„Wir verstehen, dass es den Schülern manchmal zu langsam geht.” Bürgermeister Andreas Osner und Amtsleiter Frank Schädler im karla-Interview über die Lehren aus der Schüler:innen-Umfrage. | Foto: Sophie Tichonenko

Herr Osner, Herr Schädler, gehen wir gleich rein in den Alltag vieler Schüler:innen in Konstanz. ich möchte Ihnen zum Einstieg einen Satz aus unserer Umfrage vorlesen. Dort schrieb ein:e Teilnehmer:in: „Ich hasse es in der Schule, weil es immer nur ums Cool-Sein geht und viel gemobbt und ausgeschlossen wird und niemand was dagegen tut.“ Was macht das mit Ihnen, wenn Sie einen solchen Satz eines jungen Menschen hören?

Andreas Osner, Bürgermeister für Soziales und Kultur: Als Vater trifft mich das persönlich. Ich war acht Jahre alleinerziehender Vater, ich weiß, wovon ich spreche. Einer meiner Söhne hatte eine ähnliche Phase. Am Ende lief es gut aus – er hat seinen Bachelor mit 1,6 abgeschlossen. Aber man vergisst das nicht. Als Bürgermeister muss ich gleichzeitig ehrlich sein: Was in einem Klassenzimmer zwischen Schülerinnen und Schülern passiert, können wir als Schulträger nur bedingt beeinflussen. Wir entscheiden nicht über Personal, wir haben keine Fachaufsicht. Was wir tun können – und was wir tun – ist, Strukturen zu schaffen: Schulsozialarbeit, Gewaltprävention, Betreuungsangebote. Aber eine Garantie, dass dann alles gut läuft, können wir nicht geben.

Frank Schädler, Amtsleiter Amt für Bildung und Sport: Mobbing und soziale Ausgrenzung sind kein neues Phänomen. Das gab es früher auch. Aber das System Schule muss sich dieser Herausforderung bewusst sein – und ich glaube, es ist das. Als Schulträger können wir pädagogisch sinnvolle Räume schaffen, Schulsozialarbeit mitfinanzieren. Das ist unser Beitrag.

Schauen wir auf einen Bereich, den Sie direkt beeinflussen können. Ein Drittel der Befragten beurteilt den Zustand ihrer Schulgebäude als schlecht oder sehr schlecht. 40 Prozent sagen, ihre Schule sei kein guter Lernort. Warum hat die Stadt das mit den Schulen nicht besser hinbekommen in den letzten Jahren?

Frank Schädler: Die Antworten überraschen mich nicht. Wenn tausend Schülerinnen und Schüler täglich durch ein Gebäude ziehen, sieht man das. Es wäre erstaunlich, wenn nicht. Dennoch finde ich: Wir schaffen es trotz finanzieller Engpässe, die Schulgebäude in einem vertretbaren Zustand zu halten. Wo wir uns selbst kritisieren müssen: bei den Räumen. Wenn Platz fehlt, wenn man sich eingeengt fühlt, keine ruhige Ecke findet – da hätten wir mehr tun können. Das wissen wir.

Woran ist das bislang gescheitert?

Andreas Osner: Bildung ist in Konstanz hoch priorisiert – aber es gibt eben nicht nur Bildung. Es gibt Wohnungsbau, Radwege, Stadtentwicklung. Alle kämpfen um denselben begrenzten Topf. Wir führen da schon harte Diskussionen innerhalb der Stadtverwaltung, aber nicht immer können wir uns durchsetzen. Am Ende ist das auch einfach demokratische Abwägung. Wir tun viel – aber es bleibt oft ein Kampf um die Ressourcen. Es wäre unseriös, das zu leugnen.

„Irgendwann müssen wir auch mal entscheiden, sonst drehen wir uns nur noch im Kreis.” Andreas Osner, Bürgermeister für Soziales und Kultur im karla-Interview über Schulbau in Konstanz. | Foto: Sophie Tichonenko

„Wir führen harte Diskussionen innerhalb der Stadtverwaltung, aber nicht immer können wir uns durchsetzen.“

Andreas Osner, Bürgermeister für Soziales und Kultur

Fehlt es im Gemeinderat am Bewusstsein für die Bedeutung von Schulen?

Andreas Osner: Nein, grundsätzlich haben wir ein gutes und sehr konstruktives Miteinander. Aber ich kann Ihnen mal schildern, wie solche Diskussionen ablaufen können.

Gerne.

Andreas Osner: Wir haben zum Beispiel intensiv um die Personalausstattung in der Ganztagsbetreuung an den Grundschulen gerungen. Unser Fachamt hat eine hervorragende Vorarbeit geleistet, ein Berechnungsmodell entwickelt, das vom Städtetag Baden Württemberg als beispielhaft und vorbildlich gelobt und als best practice an an alle vergleichbaren Mitgliedsstädte des Städtetags Baden-Württembergs verschickt wurde. Was passiert hier in der Kommunalpolitik? Wir mussten drei Vorlagen schreiben, haben viermal in verschiedenen Gremien debattiert. Wir mussten immer wieder erklären, warum ein guter Betreuungsschlüssel wichtig ist für die Kinder und dass es hier nicht um Luxus-Ausstattung, sondern um Basics geht; und somit auch für Chancengleichheit und gute Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt.

„Wir mussten drei Vorlagen schreiben, haben viermal in verschiedenen Gremien debattiert.“ Andreas Osner, Bürgermeister für Soziales und Kultur, über manchmal lange Prozesse in der Kommunalpolitik. | Foto: Sophie Tichonenko

Wie ist die Diskussion ausgegangen?

Andreas Osner: Irgendwann haben wir die Kritiker überzeugt und sie haben zugestimmt. Aber solche Prozesse sind langwierig und kräftezehrend. Bitte nicht falsch verstehen – es ist gut und richtig, dass wir darüber diskutieren und auch viele kritische Fragen kommen. Irgendwann müssen wir aber entscheiden, sonst drehen wir uns nur noch im Kreis.

Während das Land für die sogenannten inneren Schulangelegenheiten zuständig ist, also für alles, was mit Lehrplan, Klassengröße, Pädagogik und Lehrkräften zu tun hat, sind die Kommunen für die äußeren Schulangelegenheiten verantwortlich. Dazu zählen die Gebäude, die finanzielle Ausstattung, die Planung, der Bau und die Pflege dieser Infrastruktur. Auch die Schulsekretariate und Hausmeisterdienste werden vor Ort geregelt.

Die Schulsozialarbeit wird ebenfalls über die Stadt oder die Gemeinde koordiniert. Allerdings nicht über das städtische Amt für Bildung und Sport, das sonst alle schulischen Angelegenheiten einer Gemeinde steuert, sondern über das Jugendamt. Geregelt sind all die verschiedenen Zuständigkeiten wiederum über das Schulgesetz des Landes.

Mehr zu den verschiedenen Zuständigkeiten im Bildungssystem, der Rolle der Schulämter und des Bundes, kannst du hier nachlesen.

Ein Dauerthema an Schulen ist der oft desolate Zustand der Toiletten. Warum wird das einfach nicht besser?

Frank Schädler: Das ist wirklich ein Dauerbrenner. Wir haben in den letzten Jahren Verfahren gefunden, um hier Standards bei der Reinigung zu definieren. Einmal am Tag wird gereinigt, Zwischenreinigungen sind nicht vorgesehen. An manchen Schulen funktioniert das gut, an anderen nicht so. Grundsätzlich sind da aber natürlich auch die Schülerinnen und Schüler in der Verantwortung als Hauptnutzer. Sie müssen sich einfach fragen, wie hinterlasse ich diesen Ort und wie hinterlasse ich ihn, dass es auch für alle anderen okay ist.

Ist es nicht ein bisschen einfach, die Verantwortung dafür jetzt an die Schüler:innen abzugeben?

Frank Schädler: Es geht nicht darum, die Verantwortung abzuwälzen und zu sagen, kümmert euch doch selbst um alles. Aber: Ohne die Schüler wird es nicht gehen. Ein größeres Verantwortungsgefühl zu schaffen für das, was an Schulen passiert, scheint mir wichtig. Schüler wollen doch gerne den Ort Schule mitgestalten – hier können sie es ganz niederschwellig tun.

„Natürlich sind bei den Toiletten auch die Schülerinnen und Schüler in der Verantwortung als Hauptnutzer. Sie müssen sich einfach fragen, wie hinterlasse ich diesen Ort und wie hinterlasse ich ihn, dass es auch für alle anderen okay ist.“

Frank Schädler, Leiter Amt für Bildung und Sport der Stadt Konstanz

In den Freitextantworten der Umfrage tauchte ein anderes Motiv immer wieder auf: der kaputte Wasserspender. Nicht eine Schulsanierung, nicht ein Neubau – ein Wasserspender. Seit fast einem Jahr kaputt, schreiben Schüler:innen. Keiner repariert es. Wie kann das sein?

Andreas Osner: Das ist ein gutes Beispiel, weil es so konkret ist. Und ich will nicht ausweichen: Das dürfte nicht so lange dauern. Wenn ein Wasserspender über Monate defekt ist, dann ist das ein Problem – unabhängig davon, wer formal zuständig ist. Das Grundproblem ist: Zwischen dem Anliegen einer Schülerin und der tatsächlichen Reparatur liegen manchmal drei städtische Ämter, ein Hausmeister, eine Vergabestelle und ein Finanzierungsvorbehalt. Das ist kein Vorwand, das ist die Realität. Aber es ist eine Realität, die wir besser erklären und schneller überwinden müssen.

Frank Schädler: Was ich grundsätzlich sagen kann: Wir haben Verfahren und Standards für Wartung und Instandhaltung. Aber diese Verfahren sind manchmal zu langsam für das, was Schülerinnen und Schüler unmittelbar erleben. Da müssen wir schneller werden. Der Wasserspender ist symptomatisch für ein größeres Problem: Reaktionszeiten, die nicht im Verhältnis zur Dringlichkeit stehen.

Schüler:innen berichten auch, dass sie zum Lernen lieber in ein Café nebenan gehen – weil es in der Schule schlicht keinen ruhigen Ort gibt. Sie ziehen also kommerzielle Räume als Lernorte vor, weil die Schule keinen bietet. Was sagt das über den Zustand der Schulen aus?

Frank Schädler: Nichts Gutes. Die Frage des Raums ist für uns das zentrale Thema. Wir haben zu wenig davon. Und wenn dann noch neue Brandschutzauflagen kommen, der Denkmalschutz sich durchsetzt, Fluchttreppen gebaut werden müssen, fallen wieder Quadratmeter weg.

Also legen wir die Hände in den Schoß und tun weiter nichts?

Frank Schädler: Nein. Was wir trotz aller Hürden angehen können: weg vom klassischen Raumgefüge hin zu neuen Konzepten. Gänge als Lernraum nutzen, Differenzierungsräume etablieren, flexible Nutzung ermöglichen. Das entwickeln wir gerade aktiv mit Schulleitungen und Pädagogen. Zusammen mit der Montagsstiftung gibt es konkrete Ansätze, Schule aus Sicht von Schülerinnen neu zu denken. Wir werden in den kommenden Jahren jede einzelne Schule unter die Lupe nehmen, um die Situation für Schüler zu optimieren.

„Schülerinnen und Schüler, die mit einem konkreten Anliegen an ihrer Schule nicht weiterkommen, können sich gerne direkt an uns wenden.” Frank Schädler ist offen für Gespräche mit Schüler:innen. | Foto: Sophie Tichonenko

„Wir wissen, dass unsere Verfahren bei Wartung und Instandhaltung manchmal zu langsam sind. Da müssen wir schneller werden.“

Frank Schädler, Leiter Amt für Bildung und Sport der Stadt Konstanz

Warum kommt das erst jetzt? Die Debatten über fehlende Räume gibt es doch schon länger.

Frank Schädler: Gründe dafür gibt es viele. Die Folgen der globalen Krisen, schrumpfende Budgets für Bau und Unterhalt der Gebäude, bei gleichzeitig massiv steigenden Preisen im Bau, zunehmende Anforderungen bei Brandschutz, Klimaschutz und pädagogischen Konzepten sowie begrenzte personelle Ressourcen im Hochbauamt. Und über die Rolle von Bund und Land haben wir da noch gar nicht gesprochen. Aber: Wir sind dran an dem Thema. Es muss immer einen Ausweg im Sinne einer neuen Perspektive geben. Allen ist inzwischen klar, dass wir uns eine nicht abgestimmte und uneinheitliche Herangehensweise bei der Schulpolitik nicht mehr leisten können.

Gab es das in den vergangenen Jahren zu oft?

Andreas Osner: Leider ja. Es reicht eben nicht, einen Raum neu zu streichen oder modernere Tische aufzustellen. Was zählt, ist das Gesamtsetting – und das entsteht nur, wenn Schulleitung, Lehrkäfte, Schüler:innen und wir als Träger zusammenarbeiten. Das dauert länger, als man sich das wünscht. Aber an der Berchenschule arbeiten wir gerade mit Innenarchitekten, Eltern und Lehrkäften an einem konkreten Neugestaltungskonzept. Das Startchancenprogramm bietet uns finanzielle Möglichkeiten, das voranzutreiben.

„Allen ist inzwischen klar, dass wir uns eine nicht abgestimmte und uneinheitliche Herangehensweise bei der Schulpolitik nicht mehr leisten können.“

Frank Schädler, Leiter des Amts für Bildung und Sport

Das vielleicht bitterste Ergebnis der Umfrage war für mich, dass fast die Hälfte der Schüler:innen sagt, sie fühlen sich machtlos in der Schule. Sie sehen kaum Chancen Schule als Lern- und Lebensort mitzugestalten. Wie kann man das ändern?

Andreas Osner: Das ist auch ein Ergebnis, das mich beschäftigt. Und ich glaube, man muss ehrlich sein: Es gab in der Vergangenheit Versuche, echte Beteiligung zu etablieren. Und dabei wurden manchmal Erwartungen geweckt, die dann nicht einlösbar waren. Das hat zu Frustration geführt – auf allen Seiten. Und dann zieht man sich zurück. Aber das ist keine Lösung. Wir brauchen diese Mitverantwortung. Partizipation ist kein Luxus, sie ist die Grundlage dafür, dass Schülerinnen und Schüler sich mit ihrer Schule identifizieren.

Frank Schädler: Zur Wahrheit gehört aber auch: Die innere Schulentwicklung – Leitbild, Kultur, wie Lehrkäfte mit Schülerinnen sprechen – das liegt in der Verantwortung der Schulleitung. Wir können Impulse setzen, Beratung anbieten. Eingreifen können wir nicht. Aber dort, wo es um Räume geht, wo Schulen konkrete Anliegen an uns herantragen – da können wir Brücken bauen.

„Wir tun viel, aber es bleibt oft ein Kampf um die Ressourcen.” Andreas Osner, Bürgermeister im karla-Interview. Neben ihm: Frank Schädler, Leiter des Amts für Bildung und Sport. | Foto: Sophie Tichonenko

„Partizipation ist kein Luxus, sie ist die Grundlage dafür, dass Schülerinnen und Schüler sich mit ihrer Schule identifizieren.“

Andreas Osner, Bürgermeister für Soziales und Kultur

Schüler:innen haben auch beklagt, dass sie zwar manchmal nach ihrer Meinung gefragt werden – und dann aber nichts weiter passiert. Sie sagen heute, diese Umfrage ist ein weiterer Baustein in Ihrer Argumentation für bessere Schulen. Was soll eine Schülerin, die das liest, glauben – dass es diesmal anders wird?

Frank Schädler: Das ist eine berechtigte Frage. Und ich will sie nicht wegerklären. Was ich anbieten kann, ist kein Versprechen, sondern ein Angebot: Schülerinnen und Schüler, die sich mit einem konkreten Anliegen an uns wenden wollen – die sollen das tun. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht. Wir konnten nicht immer alles lösen. Aber wir konnten erklären, warum manches nicht geht, und was wir tun. Und das hat geholfen. Wirklich.

Darüber hinaus gibt es den geplanten Arbeitskreis Schulentwicklung, der politisch gerade auf dem Weg ist. Das wäre ein struktureller Ort, an dem solche Rückmeldungen verbindlich nachverfolgt werden könnten – mit Schulleitungen, politischen Vertretern, und ja, auch mit Schülervertretungen.

Um die Schulpolitik der Stadt künftig klarer und strategischer auszurichten, soll ein neuer Arbeitskreis „Bildung und Schulentwicklung“ gegründet werden. Beantragt haben das die vier Gemeinderatsfraktionen SPD, Freie Wähler, Linke Liste und FDP. Ziel des Arbeitskreises ist es, strategische Fragen der Schulentwicklung, der Schulbau- und Sanierungsplanung sowie der damit verknüpften pädagogischen Bedarfe zu beantworten. „Ein Arbeitskreis „Bildung und Schulentwicklung“ schafft den notwendigen Rahmen, um Kostenentwicklungen, zeitliche Abhängigkeiten, Kapazitätsbedarfe und Investitionsentscheidungen frühzeitig transparent zu machen und in der mittelfristigen Finanzplanung abzubilden“, heißt es in dem fraktionsübergreifenden Antrag zur Gründung des Gremiums. Der AK soll zweimal im Jahr tagen, den Gemeinderat beraten und besetzt sein aus Verwaltung, Gemeinderat, Schulleitung, Jugendvertretung und Gesamtelternbeirat.

Andreas Osner: Ich würde es noch grundlegender formulieren: Das Prinzip, das uns durch schwierige Phasen getragen hat – auch durch Corona mit Elternbeiräten – ist Ehrlichkeit. Nicht jede Beschwerde lässt sich lösen. Aber jede Beschwerde verdient eine echte Antwort. Wenn man das konsequent macht, zahlt es sich über die Zeit aus. Die Leute verstehen dann: Die nehmen mich ernst. Auch wenn sie nicht alles sofort ändern können.

„Bildung ist in Konstanz hoch priorisiert – aber es gibt eben nicht nur Bildung.” Andreas Osner, Bürgermeister für Soziales und Kultur, im karla-Interview. Rechts neben ihm: Frank Schädler und Tobias Schöll vom städtischen Amt für Bildung und Sport. | Foto: Sophie Tichonenko

„Nicht jede Beschwerde lässt sich lösen. Aber jede Beschwerde verdient eine echte Antwort.“

Andreas Osner, Bürgermeister für Soziales und Kultur

Vielleicht könnte dabei eine Idee helfen, die Schüler:innen in meiner Recherche aufgebracht haben: Die Ausrichtung eines Schulgipfels – ähnlich dem Kita-Gipfel, den die Stadt organisiert hat. Ein Format, bei dem Schüler:innen gemeinsam mit Lehrkräften, Schulleitungen, Stadt und Gemeinderat an der Schullandschaft von morgen arbeiten. Ist so etwas für Sie denkbar?

Andreas Osner: Interessante Idee. Wir werden sie aber nicht sofort umsetzen können. Aber ich nehme die Idee ernst. Ich würde sie gerne im Kontext des geplanten Arbeitskreises Schulentwicklung denken, der politisch gerade auf dem Weg ist. Wenn der eingerichtet wird, wäre das ein natürlicher Ort, um so ein Format zu planen – mit echtem Vorlauf, mit Schülervertretungen, Schulleitungen, politischen Vertretern. Richtig gemacht, nicht als PR-Veranstaltung.

Frank Schädler: Es gibt Schülervertretungen, ein Schülerparlament, eine Jugendvertretung – die sind offiziell organisiert. Mit denen könnten wir das konkret besprechen. Vielleicht auch mit Blick auf den richtigen Zeitpunkt: Am Ende eines Schuljahres? Am Anfang? Das sind Fragen, über die man reden sollte. Ich will nichts versprechen – aber ich sage: Das ist ein berechtigter Ansatz.

Was nehmen Sie sonst mit aus unserer Umfrage – und was folgt jetzt daraus?

Frank Schädler: Wir haben durch diese Umfrage nichts grundsätzlich Neues erfahren. Die Themen kennen wir. Was wir bekommen haben, ist ein gut begründeter Baustein für unsere Argumentation – intern und extern. 511 Schülerinnen und Schüler sind nicht wenig. Das können wir vorlegen, wenn wir beim nächsten Mal im Gemeinderat oder innerhalb der Verwaltung wieder erklären müssen, warum etwas nicht warten kann.

Andreas Osner: Was ich mir konkret wünsche, dass wir im Gespräch bleiben. Mit den Schulen, mit den Schülerinnen und Schülern, mit dem Gemeinderat. Und wenn dieser Arbeitskreis Schulentwicklung kommt – das wäre ein gutes Instrument, solche Erkenntnisse strukturell zu verankern. Vielleicht auch verbunden mit einem Format, bei dem Schüler:innen direkt gehört werden. Das ist kein Versprechen – aber es ist ein Ziel.

Eine große Frage zum Schluss. Schulen baut man für Jahrzehnte. Politik denkt in Wahlperioden. Passt das überhaupt zusammen?

Andreas Osner: Ich sage klar ja – im Sinne von: Wir brauchen keine Entkopplung. Wir sollten dankbar sein für unser politisches System und für unsere Demokratie, mit all seinen Ecken und Schwächen. Unser Gemeinderat hat in der Vergangenheit durchaus weise Entscheidungen getroffen. Die Gemeinschaftsschule ist ein gutes Beispiel – da wurde mutig investiert, trotz Unsicherheiten, und es war richtig.

Frank Schädler: Was ich noch wichtig finde als Signal in die Politik: Wir können Grundsatzdiskussionen nicht immer wieder neu führen oder ständig neue Anpassungen an Bauprojekten vornehmen. Das kostet Zeit, die wir nicht haben. Wir müssen einheitlicher agieren und offener mit unseren Entwicklungen umgehen – auch gegenüber den Schulen. Und wir müssen Raum so denken, dass er flexibel bleibt. Ob ich da drin lerne, esse oder mich aufhalte – das sollte möglichst offen bleiben.

Frank Schädler. Leiter des Konstanzer Amt für Bildung und Sport im karla-Interview. Neben ihm sitzt Tobias Schöll, Mitarbeiter im Amt für Schulen und Bildung. | Foto: Sophie Tichonenko

„Wir können Grundsatzdiskussionen nicht immer wieder neu führen oder ständig neue Anpassungen an Bauprojekten vornehmen. Das kostet Zeit, die wir nicht haben.“

Frank Schädler, Leiter des Amt für Bildung und Sport

Was heißt das konkret?

Frank Schädler: Wir müssen flexibler bauen. Ein Schulraum darf nicht nur ein Schulraum sein. Der muss in zehn Jahren auch als Kita funktionieren, als Gemeinschaftsraum, notfalls als Wohnraum. Diese Flexibilität – das ist die eigentliche Anforderung. Nicht raus aus der Demokratie. Sondern klüger planen innerhalb ihrer Bedingungen.



Was Konstanzer Schüler:innen wirklich über ihre Schule denken