So hat sich der Tourismus in Konstanz entwickelt

Unsere Datenrecherche mit CorrelAid zeigt, wie sich der Tourismus in den vergangenen zwölf Jahren in Konstanz verändert hat. Was macht ihn aus? Und wo geht die Reise hin?

Auf die Frage, was Konstanz für Tourist:innen interessant macht, antwortet Eric Thiel prompt mit einer Aufzählung: die intakte historische Innenstadt, die besondere Lage am See mit dem Alpenpanorama, die Historie mit dem Konzil. Der Geschäftsführer des Konstanzer Stadtmarketings ist selbst bekennender Konstanz-Fan. 

Muss man auch sein für den Job, denn sein Ziel ist es, die Stärken von Konstanz nach außen in den Vordergrund zu stellen. Er betont aber, dass es bei seiner Arbeit nicht nur um Tourist:innen geht: „Wir machen alle Produkte nicht nur für die Gäste, sondern auch für unsere Einheimischen. Wir wollen ja kein Disneyland sein.“ Mit seinen 450.403 Ankünften in 2022 ist Konstanz vom Disneyland weit entfernt. Das zählte 2019 nämlich 15 Millionen Besucher:innen.

Da wir die Datenexpertise nicht selbst bei uns im Team haben, kooperieren wir von karla für datenjournalistische Projekte mit dem gemeinnützigen Verein CorrelAid e. V. Wir von karla haben die Daten bei der Stadt Konstanz angefragt und sie uns gemeinsam mit den Datenexpert:innen angeschaut.

Herausgekommen sind die Diagramme, die CorrelAid uns für diesen Beitrag zur Verfügung stellt. Denn wir glauben fest daran, dass man manche Dinge einfach in Grafiken sehen muss, um sie zu verstehen. Falls ihr Fragen zu der Kooperation oder Anregungen für Themen habt, meldet euch gerne per Mail an redaktion@karla-magazin.de. 

So haben sich die Zahlen entwickelt

Trotzdem hat Konstanz im Jahr 2022 einen Rekord geknackt: Es gab so viele Tourist:innen wie noch nie zuvor. 2019 waren es noch 433.461 Ankünfte. Die Ankünfte beziffern die Anmeldungen von Gäst:innen in einem Beherbergungsbetrieb. Die Übernachtungen wiederum zählen die tatsächlichen Übernachtungen der Gäst:innen. 

Zum Vergleich: In der Landeshauptstadt Stuttgart gab es im Jahr 2022 insgesamt 1,7 Millionen Ankünfte. Bei einer Einwohnerzahl von rund 626.000 Menschen ist das Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich kleiner als in Konstanz. Auf eine:n Einheimische:n in Stuttgart kommen pro Jahr rund drei Ankünfte, in Konstanz sind es fünf Ankünfte. Ist das zu viel für die Stadt? „Selbst wenn alle Übernachtungsgäste gleichzeitig in die Innenstadt kommen, würden Sie das nicht merken“, sagt Thiel. Bei Tagestourist:innen sieht das anders aus: „Das führt dann eher zu Problemen, vor allem im Bereich Verkehr.“ 

Warum die Zahlen der Ankünfte in Konstanz 2022 so gestiegen sind, hat zwei zentrale Gründe. Die Reiselust nach Corona war immens. Gleichzeitig liegt Deutschland-Tourismus im Trend. Laut Umfragen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz ist Deutschland mit einem Marktanteil von rund 30 Prozent der Reisen das mit Abstand beliebteste Reiseziel der Deutschen. Auch der Blick auf die Zahlen aus Konstanz zeigt: Die meisten Tourist:innen kommen aus Deutschland an den Bodensee.

Warum ist das so? „Hier bekommt man Urlaub im Süden, ohne das eigene Land verlassen zu müssen“, sagt Thiel. Eine Rolle spiele auch das Thema Sicherheit, vor allem nach Corona: „Hier ist man weiterhin im deutschen Gesundheitssystem.“ Aufgrund der Vielzahl an deutschen Tourist:innen richtet sich das Stadtmarketing daher vor allem an Deutsche. 82 Prozent der insgesamt rund eine Million Übernachtungen in 2022 waren von Deutschen. 

In 2022 hat Konstanz damit das erste Mal die Millionen-Marke bei den Übernachtungen geknackt. Vor zehn Jahren – im Jahr 2012 – war die Zahl der Übernachtungen noch deutlich niedriger: Damals lag sie bei 656.761 Übernachtungen. 

Rund ein Drittel der Einnahmen der Stadt Konstanz durch Steuern stammen aus Einzelhandel, Hotellerie und Gastronomie. 5.680 Vollzeitarbeitsstellen hängen unmittelbar mit dem Tourismus zusammen. Das hat auch Auswirkungen auf das Leben der Konstanzer:innen. „Einheimische genießen oft die touristische Infrastruktur. Es gäbe keine Insel Mainau ohne die Gäste, es gäbe keine Therme. Wir hätten auch keine so intakte Innenstadt ohne die Kaufkraft der Gäste“, sagt Thiel. All das, sagt Thiel, „erhöht die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger im gesamten Jahr, nicht nur in der Saison.“ Kritik der Konstanzer:innen an den Tourist:innen kann er daher nicht verstehen: „In der Regel haben wir fünf Monate Nebensaison.“ Und betont: „Wir haben hier genug Platz für alle.“ 

Ziel: Tourismus-Sommer entzerren

Wie in so vielen Städten ist der Tourismus bisher auch in Konstanz saisonal. Fünf Monate lang hat Konstanz Nebensaison. Deshalb wird versucht, den Sommer zu entzerren. Und den Fokus mehr auf das Frühjahr zu legen. Schließlich gibt es auch dann die Kapazitäten. Thiel sagt: „Mehr als 100 Prozent gehen im Sommer nicht. Wenn man das überreizt, dann kommen die Probleme.“ Die MTK sucht daher explizit nach Möglichkeiten, um den Tourismus zu entzerren. „Insbesondere im Winter haben wir ausreichend Kapazitäten“, so Thiel. Und die sind 4.000 Betten in rund 40 Hotels. Für den Sommer wird daher schon lange keine Werbung mehr gemacht. 

Bis 2026 sollen weitere 900 Betten hinzukommen. Neue Hotels will Thiel in Konstanz nur noch dann haben, wenn sie etwas mitbringen, was es bisher noch nicht gibt. Heißt: kein zweites Ibis, kein zweites B&B Hotel. Überhaupt sollen die Hotels in der Innenstadt bleiben, nicht in andere Stadtteile abwandern. In Bebauungsplänen wird darauf bereits geachtet. Bedarf sieht Thiel noch im Bereich Youth-Hostel, „da haben wir noch nichts.“ 

Der Konstanzer Tourismus der Zukunft

Noch bis 2026 ist das aktuelle Tourismuskonzept der Stadt Konstanz gültig. Dann muss erneut überlegt und im Gemeinderat abgestimmt werden, wie die Stadt sich nach außen positionieren will. Schon jetzt steht aber fest, in welche Richtung es künftig gehen soll: Neben der Verteilung des Tourismus über das ganze Jahr steht auch das Thema Nachhaltigkeit auf dem Plan. Auch die Barrierefreiheit will das Stadtmarketing verbessern, um allen Menschen die Möglichkeiten einer Reise nach Konstanz zu ermöglichen. 

Sorge bereitet Thiel der Verkehr, allen voran die Deutsche Bahn. Man ermutige zwar alle Menschen mit der Bahn zu kommen. „Aber wenn es ständig Ausfälle gibt, machen die Touristen das nur ein einziges Mal.“ Optimierungsbedarf sieht er daher bei der Verkehrsführung und dem Parkraummanagement – vor allem an Samstagen und Brückentagen. Für das laufende Jahr ist Thiel vorsichtig optimistisch. Die bisherige Wetterlage hat sich vor allem für die Campingplätze negativ ausgewirkt. Mit dem 30. Geburtstag der Imperia stand im April bereits ein Jubiläum an. Auch der Bodensee-Radweg feiert dieses Jahr 40-Jähriges und es folgen noch mehr Anlässe wie der grenzüberschreitende Flohmarkt, die Wiedereröffnung vom Sea Life. Anlässe, die das Stadtmarketing für sich nutzen wird. Oder wie Thiel es sagt: „Das ist für uns ein aufgelegter Elfmeter.“