Warum Schulen Journalismus brauchen

Schulen fordern oft eine bessere Berichterstattung über Bildungsthemen. Wenn sie das ernst meinen, müssen sie erst mal offener werden gegenüber Journalist:innen. Nicht nur, aber auch in Konstanz.
Schulen brauchen Offenheit für Journalismus. Nur so können Missstände und Herausforderungen öffentlich werden. | Foto: Sophie Tichonenko

Ich arbeite seit mehr als 25 Jahren als Journalist. In dieser Zeit habe ich etliche schwierige Recherchen durchgeführt. Manche endeten gut, andere verliefen im Sande. Manche Menschen habe ich enttäuscht, weil sie sich missverstanden fühlten, andere habe ich vielleicht glücklich gemacht, weil ich ihrer Stimme Gehör verschafft habe. Aber nach dem vergangenen Jahr kann ich sagen: Fast nirgendwo ist journalistische Recherche so schwierig wie in Schulen.

Im vergangenen Sommer scheiterte ein erstes Rechercheprojekt, weil sich nur eine Grundschule im Landkreis Konstanz (Danke, liebe Waldeck-Schule!) darauf einlassen wollte, dass ich sie ein Jahr lang bei der Umsetzung des Startchancen-Programms begleite. Eine Schule. Im ganzen Landkreis.

Bei der zweiten Recherche zu den Versäumnissen im Schulbau lief es erst besser (kein Wunder, da hatten Schulen ein Interesse daran, dass die Missstände öffentlich werden), später aber genauso harzig. Ein Schulleiter sagte mir erst zu, dass ich tiefe Einblicke in den Alltag und die Probleme an seiner Schule bekomme, um mich dann irgendwann zu ghosten. Auf Mails antwortete er nicht mehr, Rückrufbitten ignorierte er. Bis heute weiß ich nicht, warum eigentlich.

Das Verhältnis zwischen Schulen und Journalismus ist kompliziert. Zeit, dass wir es besser machen, damit die Herausforderungen an Schulen (zum Beispiel Dauerbaustellen) die notwendige Aufmerksamkeit erhalten. | Foto: Sophie Tichonenko

In den nächsten Wochen berichten wir in mehreren Beiträgen über das Thema Schulen im karla magazin. Die geplanten Beiträge sind:

Erst bröckelt die Schule, dann das Vetrauen. Reportage-Feature zum Schulbau am Beispiel der Stadt Konstanz.

Was Konstanzer Schüler:innen wirklich über ihre Schule denken. Die Ergebnisse der Schüler:innen-Begfragung.

Warum funktionierende Schulbauten wesentlich sind für unsere Demokratie. Ein Kommentar.

Warum Schulen Journalismus brauchen. Eine Einordnung.

Und jetzt? Interview mit Bürgermeister Andreas Osner und Bildungs-Amtsleiter Frank Schädler über die Ergebnisse der Schüler:innen-Befragung. (Erscheinungstermin noch offen)

Estland, Finnland, Kanada, Schweiz: Was machen andere Länder besser in der Organisation von Schulbau? Und was könnte Deutschland davon lernen? Ein konstruktiver Blick nach vorne.

Was ist wichtiger: Datenschutz oder Teilhabe?

Ein anderer Rektor verbot ein Treffen mit Schüler:innen auf seinem Schulgelände gleich ganz. Offenbar wollte er nicht, dass mir die jungen Menschen die Mängel an seiner Schule vorführten. Auch bei der Online-Befragung der Konstanzer Schüler:innen waren die meisten Schulleitungen eher keine Hilfe.

Sie blockierten das Vorhaben mit dem Hinweis auf Datenschutzbedenken – ein Argument, das im Schulkontext Gewicht hat, das hier aber vor allem eines bewirkte: Es verhinderte, dass Schüler:innen ihre Stimme erheben konnten. Dass dies eine seltene Gelegenheit zur Beteiligung war, spielte offenbar keine Rolle.

Das Konstanzer Schülerparlament hat die Chance hingegen erkannt und die Befragung unterstützt und breit geteilt. Ohne diese Hilfe wäre ich aufgeschmissen gewesen. Die hohe Teilnehmer:innenzahl und die vielen Freifeldantworten zeigen deutlich: Der Zustand der Schulen ist für Schüler:innen ein drängendes Thema.

Angst und Überlastung führen zu Abschottung

Ich nenne übrigens bewusst nicht die Namen der betroffenen Schulleitungen. Schließlich geht es mir nicht darum, einzelne Personen vorzuführen, sondern auf strukturelle Probleme hinzuweisen. Ich bin überzeugt: Meine Erlebnisse sind keine Einzelfälle. Schulen haben ein strukturelles Problem mit Journalismus. Das zeigen nicht nur meine Erfahrungen, sondern auch Gespräche mit Kolleg:innen. Die Gründe sind bekannt – und sie sind nachvollziehbar, aber sie sind keine Entschuldigung.

Erstens: Überlastung. Schulen und alle in diesem System agierenden Menschen sind so beschäftigt damit, den Alltag zu bewältigen, dass für alles andere kaum Raum bleibt. Wer permanent am Limit arbeitet, öffnet sich nicht zusätzlich für kritische Öffentlichkeit.

Zweitens: Angst. Schulleitungen und Lehrkräfte, die vom vorgegebenen Weg abweichen, geraten schnell ins Visier der Aufsichtsbehörden. Und dann sind da die Schüler:innen, die geschützt werden müssen. Datenschutz, Schutzraum, Fürsorgepflicht – all das ist real und wichtig.

Aber: Aus Schutz darf keine Abschottung werden. Und genau das passiert vielerorts.

Veraltetes Spielmobil auf rostigen Stützen. Gäbe es ein besseres Symbolbild für den Zustand des deutschen Bildungssystems? | Foto: Sophie Tichonenko

Schulen sind auf Öffentlichkeit angewiesen

Denn der Schutz vor Öffentlichkeit ist etwas anderes als die Verhinderung von Öffentlichkeit. Das eine ist notwendig. Das andere ist bequem. Schon klar, auch Journalist:innen tragen Verantwortung für das angespannte Verhältnis. Die Logik „Bad news are good news“ und die Überbetonung des Negativen machen es Schulen nicht leicht, Vertrauen zu fassen.

Aber wer daraus den Schluss zieht, Journalismus möglichst fernzuhalten, macht es sich zu einfach – und schadet am Ende sich selbst.

Dabei sind Schulen in hohem Maße auf Öffentlichkeit angewiesen.

Wer Transparenz lehrt, muss sie auch zulassen.

Berichterstattung macht pädagogische Arbeit sichtbar, stärkt das Vertrauen in Schulen und kann bei der Gewinnung von Lehrkräften und Schüler:innen helfen. Sie lenkt Aufmerksamkeit auf strukturelle Probleme wie Personalmangel oder Investitionsstau und erhöht den Druck auf politische Entscheidungsträger. Sie schafft ein Forum für lokale Anliegen und fördert die Vernetzung zwischen Schulen und ihrem Umfeld. Und sie liefert Impulse für die Weiterentwicklung des Systems, etwa durch die Einordnung von Studien und Reformdebatten.

Ohne diese Öffentlichkeit fehlt Schulen ein zentrales Korrektiv – und ein wichtiges Instrument, um ihre Interessen wirksam zu vertreten.

Dazu kommt: Im Unterricht wird Journalismus als vierte Gewalt vermittelt. Wenn dieser Anspruch ernst gemeint ist, darf er nicht an der Schultür enden. Wer Transparenz lehrt, muss sie auch zulassen. Alles andere ist widersprüchlich.

Im Dialog: Beim Nina Grunenberg Fellowship kommen Schulleitungen ins Gespräch mit Journalist:innen. Wie hier im Bild die Berliner Schulleitungen Engin Çatık (Friedrich-Bergius-Schule), Andreas Golus-Steiner (Fichtenberg-Oberschule) und Sandra
Scheffel (Maria-Leo-Grundschule). | Foto: Paul Alexander Probst

Wer Schulen wirklich kennt, berichtet differenzierter.

Vielleicht sollten sich Schulen in diesem Punkt tatsächlich ein Beispiel am Journalismus nehmen. Denn: Journalismus ist lernfähig. Ein Programm wie das Nina-Grunenberg-Fellowship, getragen von der Wübben Stiftung Bildung, der ZEIT Stiftung Bucerius und der Schöpflin Stiftung, ist ein Beleg dafür. Ziel ist es, Bildungsjournalismus besser zu machen. Ich hatte das Glück, einer der ersten Fellows zu sein.

Wir haben Schulen in ganz Deutschland besucht, in Brennpunktschulen hospitiert, mit Bildungspolitiker:innen und Schüler:innen gesprochen, Bildungsforscher:innen zugehört und tiefe Einblicke in den Alltag von Schulleitungen und Lehrkräften erhalten. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer Schulen wirklich kennt, berichtet differenzierter.

Aber diese Lernbewegung darf keine Einbahnstraße sein.

Offenheit statt Abschottung

Wenn Schulen bessere Berichterstattung wollen, müssen sie selbst Teil davon werden. Offenheit ist keine Kür, sondern Voraussetzung.

Deshalb ein Angebot zum Schluss, liebe Schulen: Bevor ihr euch vor der nächsten Recherche wieder abschottet, lasst doch erst mal reden.

Diese Recherche sowie die gesamte Serie zum Schulbau wurde ermöglicht durch den Nina Grunenberg Recherche Grant. Schöpflin Stiftung, Wübben Stiftung Bildung und ZEIT Bucerius Stiftung finanzieren diesen Recherche Grant. Das Netzwerk Recherche ist Kooperationspartner und unterstützt die Autor:innen über ein Mentor:innenprogramm in der Recherche.

Was Konstanzer Schüler:innen wirklich über ihre Schule denken