Daten aus 20 Jahren im Check: So viel verdient man in Konstanz

Unsere Datenrecherche mit CorrelAid zeigt, wie sich die Gehälter der Bewohner:innen in Konstanz in den vergangenen 20 Jahren entwickelt haben. Und in welchen Nachbargemeinden man mehr verdient.

Obwohl es jede:r haben will, redet niemand gerne darüber: Das Gehalt ist noch immer ein Tabu-Thema. Oder weißt du, was dein:e Chef:in, dein:e Nachbar:in, dein:e Kolleg:in verdient? Anders ist das in Norwegen, denn hier herrscht totale Transparenz, was Gehälter und Steuerzahlungen angeht. Eine Studie hat gezeigt: „Die Zufriedenheit Einzelner kann zwar steigen. Aber die Menschen, die weniger verdienen, sind durch die Transparenz unglücklicher geworden“, sagt Sebastian Findeisen, Professor für Wirtschaftspolitik am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Konstanz.

Findeisen ist auch Teil des Clusterprojekts „Digitalisierung, Automatisierung und die Zukunft der Arbeit in postindustriellen Wohlfahrtsstaaten“ – beschäftigt sich also tagtäglich mit dem Arbeitsmarkt. Generell, sagt er, spiele das Gehalt eine große Rolle in unserer Gesellschaft. Denn: Wer Geld hat, kann sein Leben finanzieren. „Auch wenn andere Dinge im Leben wichtig sind, denken viele an ihr Gehalt. Im vergangenen Jahr haben viele wieder gemerkt, wie wichtig es im Leben ist“, sagt Findeisen und spielt damit auf die Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln und Energie an. 

Das Foto zeigt Sebastian Findeisen von der Uni Konstanz.

Da wir die Datenexpertise nicht selbst bei uns im Team haben, kooperieren wir von karla für datenjournalistische Projekte mit dem gemeinnützigen Verein CorrelAid e. V. Wir von karla haben die Daten bei der Bundesagentur für Arbeit angefragt und sie uns gemeinsam mit den Datenexpert:innen angeschaut.

Herausgekommen sind die Diagramme, die CorrelAid uns für diesen Beitrag zur Verfügung stellt. Denn wir glauben fest daran, dass man manche Dinge einfach in Grafiken sehen muss, um sie zu verstehen. Deshalb ist das erst der Anfang unserer gemeinsamen Kooperation. Wir haben uns bereits die nächsten Datenquellen ausgeguckt, die wir gemeinsam als Recherchebasis nutzen wollen. Falls ihr Fragen zu der Kooperation oder Anregungen für Themen habt, meldet euch gerne per Mail an redaktion@karla-magazin.de. 

Um herauszufinden, welche Rolle das Gehalt im Leben unserer Community spielt, haben wir euch bei Instagram danach gefragt.

Das Foto zeigt Raman.

Raman arbeitet als Koch in der Brasserie Colette – und hat damit seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. „Das Gehalt spielt eine Rolle in meinem Leben, aber es ist für mich vor allem ein Mittel zum Zweck“, sagt der 29-Jährige, der seit zwei Jahren in Konstanz wohnt. Er arbeitet 40 Stunden im Monat in Früh- und Spätschichten und verdient 2.400 Euro brutto. Damit liegt er deutlich unter dem Konstanzer Durchschnittsgehalt von 3.572 Euro.

„Wenn ich ehrlich bin: Es ist mir wurscht“, sagt Raman und lächelt. „Man kann immer mehr verdienen, aber brauche ich das?“ 

Konstanz, Radolfzell, Singen: Wo verdient man mehr? 

In Konstanz liegt das Durchschnittsgehalt im Jahr 2021 bei 3.572 Euro – und damit mehr als 200 Euro hinter Radolfzell mit 3.780 Euro. Auch in Stockach verdient man als Arbeitnehmerin im Durchschnitt etwas mehr als in Konstanz: Hier liegt der Durchschnittswert bei 3.590 Euro.

Vor zehn Jahren sah das noch anders aus. Damals verdiente man in Stockach (2.844 Euro) noch weniger als in Konstanz und auch weniger als in Singen (2.886 Euro). 2011 lag das Durchschnittsgehalt in Konstanz nämlich bei 2.933 Euro, in Radolfzell bei 2.997 Euro.

„Der Kreis Konstanz liegt insgesamt über dem Durchschnitt“, sagt der Wissenschaftler Findeisen. Das bundesweite Durchschnittsgehalt liegt im Jahr 2021 bei 3.525 Euro. Konstanz, Singen, Radolfzell und Stockach liegen darüber. Dass es zwischen den Städten im Kreis Unterschiede gibt, findet der Professor für Wirtschaftspolitik interessant. 

Die Entwicklung der Gehälter – und die Gründe dafür

Der Gehaltsrechner des Statistischen Bundesamts gibt einen guten Einblick in Faktoren, die die Gehälter beeinflussen. Anhand von Fragen nach dem Beruf, dem eigenen Abschluss, dem Alter und dem Bundesland wird ein durchschnittliches Gehalt berechnet. All das sind Faktoren, die Auswirkungen auf das eigene Gehalt haben können. Heraus kommt ein geschätzter Durchschnittswert auf Basis der eigenen Angaben. Auch das Geschlecht hat Auswirkungen auf das eigene Gehalt: 18 Prozent weniger verdienen Frauen in Deutschland im Vergleich zu Männern.   

Die uns vorliegenden Werte der Bundesagentur für Arbeit sind Durchschnittswerte über alle Branchen und Geschlechter hinweg. Das heißt: Im Detail können Gehälter sehr stark davon abweichen – nach oben oder unten. Dennoch ermöglichen sie einen guten Überblick über die Gehaltssituation. Grundsätzlich kann man sagen:

„Angemessen ist ein Gehalt dann, wenn man zu einem fairen Grad an dem Mehrwert beteiligt wird, den man mit seiner Arbeit schafft“,

sagt Findeisen.

Heißt: Brummt ein Restaurant, dann wird es als unfair empfunden, wenn die:der Besitzer:in nur einen geringen Lohn bezahlt. 

Abgesehen von den Faktoren, die ein:e Arbeitnehmer:in mit in eine Beschäftigung bringt, gibt es auch äußere Einflüsse auf Löhne. Sie steigen zum Beispiel immer dann, wenn die Produktivität wächst – Firmen also mehr Umsatz haben und diesen verteilen können. Das kann infolge von besseren Technologien, durch das Erschließen neuer Märkte oder allgemeines Wirtschaftswachstum passieren. Bundesweit sanken die Gehälter bis Mitte der 2000er erst, weil Deutschlands Wirtschaft eine Rezession erlebte. Außerdem mussten viele Arbeitslose schlecht bezahlte Jobs annehmen. Danach stiegen die Löhne mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wieder an. 

Erst seit der Corona-Pandemie sind die Gehälter vieler Menschen zum Beispiel durch Kurzarbeit wieder zurückgegangen. Ab 2020 wuchsen die Verdienste erst weniger stark an, um dann im Folgejahr 2021 bundesweit sogar erstmals seit langer Zeit wieder zu sinken. Auch in Konstanz sind die Gehälter im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie um 0,08 Prozent gesunken.

In den vergangenen 20 Jahren sind die Löhne in Konstanz inflationsbereinigt um 3,7 Prozent gestiegen. Und zwar von 2.606 auf 3.572 Euro brutto im Monat. Inflationsbereinigt heißt, dass die Werte zeigen, wie viel sich Beschäftigte tatsächlich von ihrem Gehalt kaufen können. Ist die Inflationsrate hoch – im Februar 2023 lag sie bei 8,7 Prozent – sind die Lebensmittel teurer. Durch die Inflationsbereinigung werden die Gehälter über die Jahre besser vergleichbar. 2021 lagen die Gehälter der Menschen, die in Konstanz wohnen und sozialversicherungspflichtig angestellt in Vollzeit arbeiten (3.572 Euro), 47 Euro über dem mittleren Lohn in Deutschland (3.525 Euro). Dieser leicht höhere Lohn von unter 50 Euro pro Monat kann die deutlich höheren Lebenshaltungskosten im Vergleich zu anderen Städten in Deutschland allerdings nicht ausgleichen. 

„Wir erleben aktuell eine riesige Inflation. 2022 war das Jahr, wo die Reallöhne am stärksten gefallen sind“, sagt Findeisen. „So eine Situation hatten wir noch nie.“

In der Regel kommt erst die Inflation, dann ziehen die Gehälter nach, beurteilt der Ökonom den aktuellen Stand. Dass die gesamte Inflation ausgeglichen wird, sei nicht wahrscheinlich. Ohnehin dauert es, bis Gehälter an die Inflation angepasst werden – zwischen ein und drei Jahren. Grund dafür sind zum Beispiel Tarifverhandlungen, die dann zu Beschlüssen führen.  

Gehalts­unterschiede in Konstanz

Unterschiede in den monatlichen Verdiensten lassen sich auch innerhalb der Gemeinde erkennen. Geringverdienende, deren Gehälter zu den untersten 20 Prozent in Konstanz gehören, erhalten höchstens 2.413 Euro brutto im Monat. Menschen mit Spitzeneinkommen, die obersten 20 Prozent, bekommen mindestens 5.278 Euro und damit rund 2,2-mal so viel. Deutschlandweit liegt dieser Wert bei 2,2.

In Konstanz hat sich der Abstand zwischen Spitzen- und Geringverdienenden seit dem Jahr 2002 weiter vergrößert. Die höchsten monatlichen Löhne sind hier in den vergangenen 20 Jahren um 195 Euro (3,8 Prozent) gestiegen, die niedrigen Löhne hingegen um 17 Euro (0,7 Prozent) gesunken. „Wir befinden uns auf einem erhöhten Niveau der Lohnungleichheit“, sagt Sebastian Findeisen. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung (die davon ausgeht, dass die Ungleichheit weiter steigt), falle sie seit 2012 sogar langsam. „Der Rückgang ist nur einfach viel langsamer als der starke Anstieg, den es bis vor zehn Jahren gab.“

Die Ungleichheitsforschung sucht nach Antworten, warum das so ist. Mögliche Erklärungen sind die sinkende Zahl der Tarifverträge und die geringe Lohnsteigerung im Niedriglohnsektor. Deutschland ist ein Gewinner der Globalisierung, vor allem kleine und mittlere Unternehmen ermöglichte der technologische Wandel die Produktion und den Export von Waren. „Es ist nicht klar, was dieser Wandel mit den Löhnen macht“, sagt Findeisen. Auf der einen Seite steigert das Opportunitätswachstum die Möglichkeit der Lohnsteigerung, die Konkurrenz mit der Technik senkt sie. Findeisen resümiert: Vermutlich wird sich das ungefähr die Waage halten.

Idealerweise schafft die Politik gute Rahmenbedingungen für eine stabile Lohnentwicklung. Heißt: Dass es Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gibt, damit die Firmen hohe Löhne zahlen. Denn niedrige Löhne entstehen immer dann, wenn Unternehmen Marktmacht haben. „Der Staat reguliert den Arbeitsmarkt bis zu einem gewissen Grad, beschränkt sich aber auf die untersten zehn Prozent der Jobs“, erklärt Findeisen. Darunter fällt auch der Mindestlohn, der 2015 flächendeckend eingeführt wurde. Zwar könne er nicht ewig erhöht werden, sei aber ein gutes Mittel, um die Ungleichheit im unteren Gehaltsbereich zu reduzieren. Im übrigen Bereich „hofft man, dass Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt die Löhne reguliert“, sagt Findeisen. 

Von einem hohen Einkommen bleibt natürlich nur viel übrig, wenn die Miete niedrig ist. In Konstanz Fehlanzeige. „Die hohen Mieten hier entstehen ja auch durch die hohe Nachfrage“, erläutert Findeisen. Wir haben die Gehaltssteigerung der vergangenen Jahre mal mit der Mietsteigerung gegengerechnet: 

Blick in die Zukunft

Wie werden sich die Gehälter in Konstanz künftig entwickeln? „Große Veränderungen sehe ich hier in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht“, so Sebastian Findeisen von der Uni. Konstanz folgt bei der Gehaltsentwicklung eher dem bundesweiten Trend. „Hier studieren zwar viele Leute, aber es gibt im Verhältnis zu den Absolventen und Absolventinnen der beiden Hochschulen relativ wenig Arbeitsplätze für diese in der Stadt“, sagt Findeisen. In den vergangenen Jahren gab es daher in Konstanz keine Abweichung von der Norm, die zum Beispiel durch ein neues großes Unternehmen in der Stadt hätte erreicht werden können.

„Konstanz wird immer ganz gut dastehen, weil dann doch im Verhältnis zur Größe der Stadt einige mit einem Uni- oder FH-Abschluss hier bleiben“,

resümiert Findeisen. 

Für Raman hat das Gehalt bei der Auswahl seines Jobs eine Rolle gespielt, aber keine entscheidende: „Ich will mich in meinem Job wohlfühlen, das ist mir wichtiger als mein Gehalt“, sagt der Koch. „Solange ich meine Miete bezahlen, mir gutes Essen leisten kann und noch etwas übrig bleibt, ist das doch ausreichend.“ Er versteht nicht, warum sich so viele Arbeitnehmer:innen in der Gastronomie beschweren. In seinem jetzigen Job lernt Raman viel. „Investment in mich“ nennt Raman das. Und er glaubt fest daran, dass sich das irgendwann auszahlt. 

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