Hitze, Trockenheit und Starkregen verändern die Landwirtschaft rund um Konstanz. Der Haettelihof zeigt exemplarisch, wie kleine Betriebe zwischen Klimaanpassung, Preisdruck und Flächenkonflikten arbeiten – und warum für Thomas Schumacher auch die Einkaufstüte politisch ist. Lisa Kreitmeier, Landwirtin und Gemeinderätin, erweitert den Blick auf resiliente Böden, regenerative Landwirtschaft und die Frage, wie regionale Ernährungssicherheit aussehen kann.

Zwischen Acker, Stall und Weide entsteht ein großer Teil dessen, was auf unseren Tellern landet. Hier prägen das Wetter und die Jahreszeiten alle Abläufe und die Ernte. Landwirtschaft ist deshalb nicht nur Planung, sondern auch körperliche Arbeit, Erfahrung, Anpassung und Leidenschaft – und sie beginnt dort, wo Nahrung entsteht: im Boden.
Rund um den Bodensee gelten die Böden als besonders fruchtbar. Seit Jahrtausenden sichern sie die Ernährung der Region. Trotzdem machen sich die ansässigen Landwirt:innen Sorgen um die Folgen der Klimakrise, die sie bereits jetzt in veränderten Bedingungen wie extremer Hitze, Trockenheit oder Starkregen spüren. Aus Sicht von Thomas Schumacher vom Haettelihof geht in Teilen der Bevölkerung der Bezug zur Herstellung von Lebensmitteln zunehmend verloren. Auch politische Entscheidungen würden, so seine Kritik, die Bedeutung von Acker- und Grünland für die lokale Nahrungsversorgung nicht immer ausreichend berücksichtigen.
Acker- und Grünland unterscheiden sich grundlegend: Ackerflächen werden umgebrochen, um darauf je nach Region Getreide, Gemüse oder Hülsenfrüchte anzubauen. Grünflächen hingegen bleiben unbearbeitet, um etwa Tiere darauf zu halten. Die Dauerbegrünung macht sie zu einem sehr effektiven CO₂‑Speicher. In ihrer Speicherkapazität übertreffen Grünflächen sogar den Wald.

Kleine Höfe zwischen Auflagen und Preisdruck
In Baden-Württemberg gibt es durch die „historische Realteilung“ vor allem kleine landwirtschaftliche Betriebe. Aufgrund von Preisdruck und steigender politischer Auflagen auf nationaler und europäischer Ebene geraten gerade sie unter Druck. So gelten etwa verschärfte Dokumentations- und Schutzregeln für Umwelt, Pflanzen und Tiere. Wie groß der Ärger über die Lage ist, verdeutlichten die Bauernproteste 2023/24 am Beispiel der Agrardiesel-Subventionen, die zwischenzeitlich abgeschafft werden sollten. Trotzdem wird derzeit über weitere Kürzungen des EU-Agrarhaushalts diskutiert. Der Deutsche Bauernverband warnt, dass der Vorschlag der EU-Kommission einer „faktischen Kürzung von über 20 Prozent“ gleichkomme. Damit sieht der Verband auch die europäische Wettbewerbsfähigkeit gefährdet.
Die historische Realteilung in Baden-Württemberg ist die anteilige Aufteilung landwirtschaftlicher Betriebe unter allen Erb:innen – wodurch große Flächen immer weiter aufgesplittet wurden. Die Realteilung gab es nicht in allen Teilen Baden-Württembergs, sie war jedoch weit verbreitet. Ab der Nachkriegszeit wurden die gesetzlichen Regelungen zugunsten der Vererbung ganzer Höfe reformiert.
Wie die Böden resilienter werden
Was kann angesichts dieser komplexen Lage getan werden? Lisa Kreitmeier, Betriebshelferin und Konstanzer Gemeinderätin, fordert mehr Forschung und mehr Gelder, speziell für regenerative Ansätze in der Landwirtschaft. Diese Form der Bewirtschaftung zeichnet sich durch die Förderung der Biodiversität, die minimale Bodenbearbeitung und den Humusaufbau in degradierten Böden aus. Sie erklärt: „Die natürliche Schwammstruktur des Bodens wird durch die regenerative Art der Landwirtschaft wiederhergestellt – wodurch mehr Wasser gespeichert werden kann.“

Letztendlich werden die Böden durch eine solche Behandlung resilienter gegen Erosion und Wetterextreme. Eine jährliche Steigerung des Humusgehalts der Böden um 0,4 Promille könnte laut heutiger Forschung bereits einen erheblichen Teil der menschengemachten CO₂-Emissionen binden. Durch den Klimawandel sind verschobene Erntezeiten und Engpässe in der Tierversorgung längst Realität. Die Landwirtschaft ist ein Produktionssektor, der diese Klimaveränderungen unmittelbar spürt – mit direkten Folgen für die Ernährungssicherheit.
„Die natürliche Schwammstruktur des Bodens wird durch die regenerative Art der Landwirtschaft wiederhergestellt – wodurch mehr Wasser gespeichert werden kann.“
Lisa Kreitmeier
Als Erosion wird der Verlust der fruchtbaren obersten Bodenschicht durch Wasser oder Wind bezeichnet. Ein oft unsichtbarer Prozess, der die Grundlage landwirtschaftlicher Produktion schleichend zerstört.
Flächen und ihre Nutzungskonflikte
Neben der Bodenbeschaffenheit geht es auch darum, wie knappe Flächen genutzt werden. Landwirt:innen und lokale Initiativen warnen davor, bei der Suche nach Bauflächen vor allem auf Grün- oder Ackerflächen auszuweichen. In Konstanz zeigt sich dieser Konflikt etwa an den Plänen für die Jungerhalde West in Allmannsdorf oder am Baugebiet „Am Horn“ auf den Christiani-Wiesen. Gegen die Bebauung dort gab es etwa eine Petition, die unter anderem von BUND, NABU, Fridays For Future sowie den Bürgergemeinschaften Petershausen und Allmannsdorf/Staad unterstützt wurde. Darin heißt es, die Folgen der baulichen Verdichtung für Umwelt, Landschaftscharakter und Erholungswert seien gravierend.
Aus Sicht der Kritiker:innen gehe es dabei nicht nur um den Verlust einzelner Flächen. Versiegelte Böden können kein Wasser mehr aufnehmen, verändern das Mikroklima und stehen der landwirtschaftlichen Nutzung dauerhaft nicht mehr zur Verfügung. Auch Bauernverbände warnen vor zunehmendem Druck auf Agrarflächen. DBV-Präsident Joachim Rukwied formulierte es im April 2026 so: „Landwirtschaftliche Flächenansprüche dürfen nicht als frei verfügbare Reserve für immer neue politische Flächenansprüche betrachtet werden.“
Landwirt:innen wie Thomas Schumacher vom Haettelihof kritisieren außerdem, dass regenerative Ansätze mit biologischer Landwirtschaft nicht gleichzusetzen seien. Forschungsgelder, die sich in den letzten Jahren auf biologischen Anbau konzentriert haben, dürften nicht einfach verschoben werden.
„Die letzten Jahre liefen für die biologische Landwirtschaft gut. Aber aktuell bekommt Bio wieder mehr Gegenwind auf Bundesebene.“
Thomas Schumacher
Weitere regenerative Ansätze könnten unter anderem die Wiedervernässung von Mooren zur Anlegung sogenannter Paludikulturen oder der vielfach diskutierte Bau von Photovoltaikanlagen sein. Die Stadt Konstanz hat hier bereits Pläne und möchte bis 2035 ein fossilfreies Energiesystem erreichen; maßgeblich indem sie Photovoltaik ausbaut. Im Januar wies das Konstanzer Klimaschutzamt jedoch auf eine unzureichende Emissions-Reduzierung im vergangenen Jahr hin – wodurch die Zwischenziele der Stadt nicht erreicht wurden.
Welche Rolle spielt die eigene Einkaufstüte?

„Politik funktioniert über die Einkaufstüte“, sagt Thomas Schumacher vom Haettelihof in Konstanz. Was Menschen kaufen und welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit sind, beeinflusse auch, unter welchen Bedingungen Lebensmittel erzeugt werden. Dieser Zusammenhang bleibe vielen Verbraucher:innen verborgen.
Der Einzelhandel gestalte die Preise in Eigenregie, während die Erzeuger:innen am anderen Ende der Wertschöpfungskette kaum Mitsprache hätten. Wenn Verbraucher:innen bewusst konsumieren, verleihe das kleinen Betrieben eine Stimme, so Schumacher, denn: „Jeder Einkauf ist der Auftrag zur Nachbestellung“. Deswegen appelliert Schumacher auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Prioritäten beim Konsum.
Der Haettelihof ist ein Demeterhof am Rande von Konstanz und nur 800 Meter von der Universität entfernt. Gegründet wurde er 2006 von Ute Elise Paluch und Thomas Schumacher. Begonnen hat alles mit einer kleinen Herde sogenannter „Haetteli“ – der alemannischen Bezeichnung für junge Hinterwälderrinder.
Heute setzt der Hof auf Geschwisterkalbhaltung, Landschaftspflege und eine vielseitige Tierhaltung. Neben Rindern leben dort auch Hühner in mobilen Hühnerställen sowie Schafe, die die Streuobstwiesen rund um den Hof beweiden. Über einen Hofautomaten können Eier, Wurst, Apfelsaft und Fruchtaufstriche gekauft werden.
Wenn nachhaltige Ernährung zur Preisfrage wird
Dass die regionale Landwirtschaft so stark vom individuellen Kaufverhalten abhängt, weist auf ein strukturelles Problem hin. Gesundheits- und nachhaltigkeitsorientierte Produkte sind nach wie vor teurer als die von konventionellen Großbetrieben hergestellten. Das macht sie für viele Menschen schwer bezahlbar. Vor allem, wenn Inflation, steigende Armut oder Erwerbslosigkeit hinzukommen, entscheiden sich Konsument:innen zunehmend, zu sparen.
Das rückt die Fragen in den Vordergrund, wie sich die Ernährung ökologisch, bezahlbar und zukunftssicher organisieren und wie sich das Verhältnis zwischen gemeinwohlorientierten und wirtschaftlichen Interessen neu austarieren lässt. In Konstanz gibt es bereits mehrere Initiativen, die nach Antworten auf diese Fragen suchen. 2021 wurde etwa der Konstanzer Ernährungsrat gegründet. Aber auch alternative Modelle zur Lebensmittelvermarktung, die ökonomisch als nachhaltiger gelten, gibt es seit 2018 mit der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) Konstanz, bei der die Bepreisung der Produkte auch den Landwirt:innen zugutekommen soll und nicht allein von großen Handelsunternehmen bestimmt wird. Die FoodCoop
„Speisekammer“ Konstanz e.V. versteht sich wiederum als Einkaufsgemeinschaft, die sich die Förderung eines Lebensmittelsystems zum Wohle von Menschen, Tieren und Pflanzen zum Ziel gesetzt hat.
„Jeder Einkauf ist der Auftrag zur Nachbestellung“.
Thomas Schumacher
Die „Solidarische Landwirtschaft“ (SoLaWi) ist ein Netzwerk, das in Deutschland mehr als 460 Betriebe und Initiativen vereint. Seit 2018 setzt sich die SoLawi Konstanz für ein faires, nachhaltiges und ökologisches Landwirtschaftssystem ein. Der Verein organisiert sich auf Basis demokratischer Entscheidungen und bringt Produzent:innen und Konsument:innen in einen direkten Austausch. Mitglieder zahlen, so viel sie können, und erhalten ihrem jährlichen Beitrag entsprechend Anteile der Ernte. Die Mitglieder haben somit Zugang zu regionalen, ökologischen Produkten und können die Lebensmittelerzeugung aufgrund der transparenten Selbstverwaltung aktiv mitgestalten, während die Betriebe durch eine zuverlässige, unabhängige Finanzierung an Planungssicherheit gewinnen.

Landwirtschaft erleben statt konsumieren
Um ein besseres Verständnis davon zu bekommen, wie Landwirtschaft, Konsum und Klima sich gegenseitig beeinflussen, können Berührungspunkte mit den Erzeuger:innen helfen. Dazu bieten sich in Konstanz vielfältige Möglichkeiten – vom Wochenmarkt am Stephansplatz und am Gebhardsplatz, über einen Wochenendausflug zu den Gemüsebäuer:innen auf der Reichenau bis zum direkten Mitwirken bei Initiativen aus der Landwirtschaft selbst.
Gemeinsam mit Ute Elise Paluch möchte Thomas Schumacher auf dem eigenen Hof ebenfalls einen Ort zum spielerischen Erkunden der landwirtschaftlichen Arbeit bieten. Bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beobachtet Schumacher eine starke Entfremdung gegenüber der eigenen Umwelt. Auf die Kartoffelernte im Frühjahr zurückblickend, beschreibt er teils emotionale Szenen: „Dann stehen die Kinder da mit ihren weißen Turnschuhen und fangen an zu weinen, weil die Mama gesagt hat: ‚Mach dich nicht dreckig.‘“ Um Ähnliches zu vermeiden, schlägt Lisa Kreitmeier verpflichtende landwirtschaftliche Praktika während der Schulzeit vor.
„Ich finde, das ist eine sinnvolle Methode, um in der Breite zu vermitteln, wo das Essen eigentlich herkommt, wie es produziert wird, und was das für harte Arbeitsbedingungen sind.“
Lisa Kreitmeier, Konstanzer Landwirtin und Gemeinderätin

Was spricht für ökologische Landwirtschaft?
Ökologische Landwirtschaft setzt auf natürliche Kreisläufe, den Verzicht auf Mineraldünger und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sowie auf höhere Standards in der Tierhaltung. Dadurch wird weniger fossile Energie benötigt. Pro Flächeneinheit entstehen in der Regel geringere Treibhausgasemissionen als in der konventionellen Landwirtschaft. Außerdem kann Ökolandbau zum Humusaufbau beitragen und wirkt sich positiv auf die Biodiversität aus.
Grenzen und Zielkonflikte
Ökologische Landwirtschaft ist nicht automatisch in jeder Hinsicht klimafreundlicher. Ihre Vorteile zeigen sich häufig pro Flächeneinheit, etwa beim Bodenschutz, bei der Biodiversität oder beim geringeren Energieeinsatz. Pro erzeugtem Kilogramm Lebensmittel fällt die Bilanz jedoch nicht immer eindeutig aus, weil ökologische Betriebe je nach Kultur, Standort und Bewirtschaftung geringere Erträge erzielen können. Dadurch steigt der Flächenbedarf unter Umständen.
Auch die Bio-Landwirtschaft kommt nicht ohne Zielkonflikte aus. Bestimmte Pflanzenschutzmittel wie Kupferpräparate sind im ökologischen Anbau weiterhin relevant, gelten jedoch aufgrund möglicher Belastungen für Bodenorganismen als problematisch. Zudem reicht eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft allein nicht aus, um die Ernährung langfristig nachhaltig zu sichern. Dafür müssten auch Lebensmittelverschwendung, Tierhaltung, Flächenverbrauch und Konsumgewohnheiten mitgedacht werden.
Was ist realistisch bis 2050?
Thomas Schumacher ist überzeugt, es brauche einen öffentlichen Diskurs, der sich bewusster mit den Zusammenhängen zwischen Ernährung, Landwirtschaft und den drohenden Klimafolgen auseinandersetze. Lisa Kreitmeier sieht trotz Sorgen Raum für Verbesserungen. Sie hält höhere Standards in der Tierhaltung zugunsten geringerer Klimaemissionen sowie einen verstärkten Fokus auf die Erhaltung und Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit bis 2050 für realistisch. Der erste Schritt zu diesen Zielen läge oft näher als gedacht: im Gespräch, auf dem Wochenmarkt oder beim Blick auf den eigenen Teller.
Denn mit jedem Produkt sind Produktionsverhältnisse verbunden, die für Verbraucher:innen nicht immer sichtbar sind – etwa Herkunft, Anbauweise, Tierhaltung oder Transportwege. Mehr Transparenz und ein stärkeres gesellschaftliches Bewusstsein für die Nahrungserzeugung könnten dazu beitragen, Konsumentscheidungen besser einzuordnen. Die Landwirt:innen sehen dafür auch die Politik in der Verantwortung: Nur wenn ökologische Ernährungssicherheit und Klimaanpassung systemisch angegangen werden, lastet der Druck nicht allein auf den Schultern der Landwirt:innen – und auf ihren Grün- und Ackerflächen.
- Projekt- und Redaktionsleitung: Sophie Tichonenko
- Autor:innen: Laura Hüllmann, Mark Schoder, Amelie Gensel, Simon Otte, Anton Bambusch, Julia Flattich, Kiara Francke
- Grafikdesign und Illustration: Sophia Bogdahn
- Video: Lorenz Philipp Cramer
- Fotografie: Simon Otte, Mark Schoder, Sophie Tichonenko
- Redigatur und Lektorat: Kiara Francke, Sophie Tichonenko
- Fundraising: Mark Schoder, Sophie Tichonenko
Wie die Klimakrise das Gesicht der Konstanzer Wälder verändert

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